Warum uns Bücher heute schneller erschöpfen als früher

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Es gibt eine Ermüdung, die stellt sich nicht am Ende eines langen Tages ein, sondern mitten im Lesen. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Man merkt sie daran, dass der Blick über die Seite geht, ohne dass etwas hängen bleibt.

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Liegt es daran, dass Bücher schlechter geworden sind? Daran, dass wir weniger Zeit haben?
Oder entsteht die Müdigkeit an einer anderen Stelle – dort, wo Lesen von Erwartungen begleitet wird, die nicht aus dem Text kommen?

Was wir mit Büchern heute anfangen wollen

Wir lesen aus vielen Gründen. Um einer Geschichte zu folgen, um für eine Weile aus der eigenen Perspektive herauszutreten, um Gedanken zu verfolgen, die nicht unsere sind.

Gleichzeitig ist das Lesen heute stärker eingebettet als früher. Kaum schlagen wir ein Buch auf, wissen wir oft schon, wie es gelesen werden soll. Ob es „wichtig“ ist. Ob es etwas „mit uns macht“.

Was passiert mit einer Lektüre, wenn diese Vorentscheidung bereits gefallen ist?

Wenn Lesen unter Erwartungsdruck gerät

Sobald ein Buch etwas leisten soll, verändert sich der Blick. Wir lesen prüfend. Wir warten auf den Effekt. Wir fragen uns, ob das, was passiert, dem entspricht, was angekündigt wurde.

Und wenn dieser Moment ausbleibt?
Dann entsteht Frustration. Nicht zwingend, weil der Text leer wäre, sondern weil er sich weigert, schnell zu sein. Oder eindeutig. Oder verwertbar.

Vielleicht entsteht die Ermüdung nicht im Buch, sondern im Abgleich zwischen Text und Erwartung.

BookTok und die Vorentscheidung über Gefühle

Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich beobachten, wenn man verfolgt, wie heute über Bücher gesprochen wird. Auf Plattformen wie TikTok werden Romane empfohlen – oft zusammen mit einer klaren Gefühlsbeschreibung. Dieses Buch sei „heilend“, jenes „verstörend“, ein anderes „unbedingt notwendig“.

Damit wird nicht nur ein Titel weitergegeben, sondern auch eine Leseanweisung. Noch bevor die erste Seite gelesen ist, steht im Raum, was passieren soll.

Beim Lesen selbst entsteht dann eine zweite Ebene: die Beobachtung der eigenen Reaktion. Fühlen wir genug? Reagieren wir richtig? Entspricht unsere Erfahrung dem Versprechen?

Wo bleibt in diesem Moment eigentlich der Text?

Nicht jede Lektüre folgt dieser Logik

Natürlich lesen nicht alle so. Es gibt Leserinnen und Leser, die Empfehlungen als Ausgangspunkt begreifen, nicht als Urteil. Die Texte suchen, die sperrig sind, die sich Zeit lassen, die nicht sofort aufgehen.

Doch die Logik der Plattformen verstärkt andere Formen des Lesens. Sichtbar wird, was sich schnell erzählen lässt. Begeisterung lässt sich leichter teilen als Zweifel. Eindeutigkeit besser als Ambivalenz.

Was geschieht mit Büchern, die sich diesem Muster entziehen?

Erzählen ohne Auftrag

Erzählen war nie ausschließlich Erklärung. Bücher mussten nichts beweisen, um gelesen zu werden. Viele Texte entfalteten ihre Wirkung gerade dort, wo sie sich nicht festlegen ließen.

Brauchen wir heute nicht auch diese Bücher?
Die abschweifen, übertreiben, sich verlieren? Die keinen Auftrag erfüllen und kein Ergebnis versprechen?

Wir brauchen die Zauberer, die Gaukler, die Phantasten, die Bücher spinnen und Welten weben. Ihre Texte erklären nichts. Sie fügen etwas hinzu.

Wenn Lesen keine Aufgabe mehr ist

Verschwindet die Ermüdung, wenn wir schneller lesen? Oder wenn wir die „richtigen“ Bücher finden?
Oder lässt sie nach, wenn wir aufhören, jede Lektüre auf etwas festzulegen?

Lesen verändert sich, wenn wir nicht ständig prüfen, bewerten, einordnen. Wenn wir nicht sofort wissen wollen, wozu ein Text taugt.

Dann bleibt etwas, das sich nicht gut zusammenfassen lässt.
Kein Effekt. Kein Ergebnis.
Nur die Zeit, die vergeht, während wir lesen.


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