Noam Chomsky lebt inzwischen in Tucson, Arizona. Büro 234, Linguistik-Institut. Zwei Bilder an der Wand: Martin Luther King und Bertrand Russell. Der Raum ist leer, die Regale auch. Die Szene steht am Anfang des Buches. Sie markiert keinen symbolischen Auftakt, sondern schlicht den Ort, an dem das Gespräch beginnt.
Kampf oder Untergang! ist ein Interviewband. Sechs Gespräche, geführt von Emran Feroz, thematisch gegliedert, ohne dramaturgischen Aufbau. Es geht um indigene Geschichte, Kolonialismus, US-Außenpolitik, Religion, ökologische und atomare Bedrohungen, politische Handlungsspielräume. Feroz fragt, Chomsky antwortet. Die Rollen sind klar verteilt.
Gespräch statt Theorie
Das Buch ist kein Traktat. Es argumentiert nicht in Thesen, sondern in Setzungen. Chomsky formuliert Positionen, keine Programme. Die Stärke liegt nicht in der Argumentationslogik, sondern in der historischen Anbindung – und im Beharren auf bestimmten Perspektiven, die in der öffentlichen Debatte selten geworden sind.
„Bei der sogenannten Migrationskrise in den USA handelt es sich eigentlich um eine moralische Krise.“ Dieser Satz steht exemplarisch für die Art, wie Chomsky spricht: nicht laut, nicht empört, aber mit klarer Setzung. Seine Sätze wollen nicht überzeugen. Sie sollen erinnern.
Er zeichnet politische Entwicklungen nach, benennt Ursachen statt Symptome. Migration etwa wird nicht als Phänomen erklärt, sondern als Folge konkreter Eingriffe – in Mittelamerika, in Afrika, in Nahost. Dass viele Geflüchtete indigener Herkunft sind, ist für Chomsky kein Zufall, sondern Ausdruck eines anhaltenden Gewaltverhältnisses, das kolonial begonnen hat und heute als Migrationspolitik erscheint.
Das Interviewformat erlaubt keine Tiefenbohrung, aber es ermöglicht einen Rhythmus: Position, Beispiel, historische Referenz. Manches wird nur angerissen, manches bleibt in Andeutungen. Aber gerade das ist Teil der Methode: Die Gespräche liefern keine Systemanalyse, sondern markieren Knotenpunkte. Wer weiterdenken will, hat genug Material.
Wiederholung als Haltung
Viele Argumente sind vertraut. Die Kritik an der Medienlandschaft, an der US-Außenpolitik, an der Rhetorik demokratischer Legitimation – das alles ist bei Chomsky seit Jahrzehnten präsent. Auch in diesem Band wird nichts grundsätzlich Neues entwickelt.
Doch die Wiederholung wirkt nicht wie Stillstand, sondern wie Beharrung. Chomsky besteht auf dem, was andere längst übersprungen haben. Die Machtverhältnisse ändern sich nicht, weil sie in Vergessenheit geraten. Deshalb kann ein politischer Text auch dann notwendig sein, wenn er Bekanntes wiederholt.
Einige Kapitel bleiben fragmentarisch. Andere scheinen aus früheren Publikationen zu stammen, leicht modifiziert, aber nicht aktualisiert. Das irritiert stellenweise, schwächt aber den Kern nicht. Denn worauf es ankommt, ist nicht die Neuheit der Diagnose, sondern ihre Kontinuität.
Chomsky spricht nicht im Ton eines Autors, der etwas beweisen muss. Er stellt fest. Manchmal fast beiläufig, dann wieder mit Schärfe – aber nie mit Geste. Es ist diese Form von intellektueller Lakonie, die das Buch trägt.
Was lesbar wird
Kampf oder Untergang! ist kein Entwurf für politisches Handeln. Es ist auch kein Rückblick. Es ist ein Gespräch, das sich weigert, in die Denkgewohnheiten der Gegenwart einzustimmen. Chomsky spricht von Gewalt, wo andere von Reform sprechen. Von Verantwortung, wo andere von Komplexität reden. Von Sprache, nicht als Medium, sondern als Material von Herrschaft.
Dass manche Passagen lose wirken, liegt am Format. Aber das ändert nichts an der Klarheit seines Blicks. Er vermeidet Überhöhung, er formuliert keine Erlösungsversprechen. Seine Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf Möglichkeiten, sondern auf Strukturen.
Das Buch hat Lücken. Es antwortet nicht auf alles. Aber es zeigt, was überhört wird. Es stellt keine Theorie zur Verfügung, sondern ein Instrumentarium: genau hinsehen, Zusammenhänge nicht aus dem Blick verlieren, Sprache ernst nehmen – nicht als Zeichen, sondern als Handlung.
„Es gibt keine Wahrheit, wenn wir sie nicht suchen. Es gibt keinen Frieden, wenn wir ihn nicht wollen.“ (Rio Reiser)
Kampf oder Untergang! ist kein rundes Buch. Aber ein notwendiges. Es gibt keine Lösung. Aber es besteht darauf, genau hinzusehen. Und es macht deutlich: Wer sich mit Sprache auskennt, kann auch Machtverhältnisse lesbar machen.
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