Das Buch der verlorenen Stunden von Hayley Gelfuso – Erinnerungen als Schicksalsmacht

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Eine Bibliothek außerhalb von Raum und Zeit, in der alle Erinnerungen der Menschheit als Bücher existieren – und ein Mädchen, das dort versteckt wird, um zu überleben. Das Buch der verlorenen Stunden von Hayley Gelfuso verwebt historische Wirklichkeit mit spekulativer Magie: Zwischen Vorkriegsdeutschland, Kalter Krieg und der geheimen Kunst, Erinnerungen zu bewahren, erzählt der Roman von Liebe, Loyalität und der Frage, wer Geschichte schreiben darf. Die deutsche Ausgabe erscheint bei dtv; international lief das Debüt als The Book of Lost Hours auch in großen Lesezirkeln – ein Hinweis darauf, wie stark die Prämisse resoniert.

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Das Buch der verlorenen Stunden: Roman | »Dieses Debüt ist ein Lese-Fest für alle, die sich gern mit Büchern wegträumen.« Angela Wittmann, Brigitte

Handlung von Das Buch der verlorenen Stunden– Lisavet, Amelia & der Raum zwischen den Zeiten

1938, Deutschland. Die junge Lisavet ist die Tochter eines Uhrmachers – Symbolfigur einer Welt, die an lineare Zeit glaubt. Als politische Bedrohung näher rückt, versteckt der Vater das Mädchen in der „time space“, einer außerzeitlichen Bibliothek, in der Erinnerungen als Bände lagern und von Zeithütern bewacht werden. Dort stößt Lisavet auf Ernest, einen dieser Hüter, dessen Aufgabe es ist, den Bestand zu ordnen und – wenn nötig – Erinnerungen zu löschen. Doch Lisavet beginnt, verbotene Erinnerungen zu sammeln, weil sie spürt, dass manche Wahrheiten sonst verschwinden würden. Aus Neugier wird Pflicht, aus Pflicht Gefahr – und aus Gefahr eine zarte, verbotene Zuneigung.

1965, USA. Amelia Duquesne, sechzehn, trauert um ihren Onkel Ernest. Eine rätselhafte CIA-Agentin rekrutiert sie, weil Ernest nach einem „Buch der Erinnerungen“ gesucht haben soll. Amelia gerät mitten hinein in die Logik der time space – und merkt, dass Vergangenheit nicht nur nicht linear, sondern umkämpft ist. Je tiefer sie eintaucht, desto klarer wird: Es geht nicht nur um ein Buch, sondern um die Macht über Narrativ und Gedächtnis.

Gelfuso montiert diese Doppellinie zu einem Crescendo aus Entscheidungen: Was darf bewahrt werden? Wer löscht? Wer erinnert sich an wen – und zu welchem Preis? Die Handlung schlägt immer wieder Brücken zwischen der intimen Ebene (Lisavet/Ernest; Amelia/ihre Familie) und der politischen (Zensur, Geheimdienste, Geschichtspolitik). Das Ende bleibt fair und folgerichtig, ohne den Zauber zu entzaubern – mehr verraten wir nicht, denn der Roman lebt vom Aha der Erkenntnisse.

Gedächtnis, Macht, Liebe

1) Erinnerung als Infrastruktur: Die Bibliothek ist mehr als Kulisse: Sie ist Infrastruktur der Welt, ein Archiv, das Identität stiftet – privat wie politisch. Wer Zugriff hat, bestimmt Realität. Der Roman stellt die radikale Frage: Ist Vergessen eine Form von Gewalt?

2) Wer erzählt Geschichte? Die Zeithüter verwalten Erinnerungen; Geheimdienste instrumentalisieren sie. Zwischen diesen Polen steht Lisavet, die spürt, dass individuelle Zeugenschaft verschwinden kann, wenn niemand sie schützt. Amelia führt das weiter: Auch demokratische Staaten kuratieren Vergangenheit – manchmal mit den Mitteln der Spionage.

3) Liebe & Verantwortung: Ja, es gibt eine romantische Linie – aber sie ist kein Zuckerguss. Die Zuneigung zwischen Lisavet und Ernest stellt die Ethik der Hüter infrage: Darf man für Liebe Erinnerung manipulieren? Darf man sie bewahren, obwohl Gefahr droht?

4) Zeit als Figur: Uhren, Kapitelüberschriften, Archivregeln: Die Zeit hat in diesem Buch Charakter. Sie lässt sich biegen, aber nicht betrügen. Genau daraus bezieht die Geschichte ihren Reiz – und ihre Melancholie.

Historischer & gesellschaftlicher Kontext – Zwischen Vorkrieg, Kaltem Krieg und Erinnerungspolitik

Gelfuso legt ihren Plot bewusst auf zwei neuralgische Epochen: spätes Vorkriegsdeutschland, in dem das staatliche Umschreiben bereits Realität ist; und 1960er USA, in denen Geheimdienste im Zeichen der Systemkonkurrenz nach Informationshoheit streben. In beiden Zeiten ist Archivarbeit nicht neutral – sie ist Machtarbeit. Die time spaceübersetzt das ins Fantastische: Wer dort ein Buch verschiebt, verschiebt Bedeutung. Dass das Debüt in Lesekreisen und Buchclubs auffiel, liegt wohl an dieser Gegenwartsbrücke: Wir diskutieren auch heute, wie Plattformen und Institutionen Erinnerung filtern – nur heißen die Zeithüter inzwischen anders.

Stil & Sprache – Kino im Kopf, aber ohne Kitsch

Die Prosa ist klar, bildhaft und tempoaffin. Kapitel enden gern an Erkenntnisklippen, ohne billig zu cliffhangern. Dialoge tragen Subtext, Atmosphären werden mit wenigen Strichen gesetzt: Staub in den Regalritzen, der Geruch von Leder und Leim, ein Zittern der Finger, bevor ein Buch geöffnet wird. Die Weltregeln der Bibliothek sind schlüssig genug, um die Fantasie zu tragen, und offen genug, um Staunen zu erlauben. Wer The Ministry of Time oder The Midnight Library mochte, fühlt sich hier zu Hause – allerdings mit deutlicherem historischem Sog.

Für wen eignet sich das Buch?

  • Romantasy- und Historical-Fantasy-Leser, die großes Gefühl ohne Zuckerwasser wollen.

  • Buchclubs, die über Erinnerungspolitik, Zensur, Zeugenschaft und moralische Grautöne diskutieren möchten.

  • Alle, die Bibliothek-Settings lieben (Bücher über Bücher!) – hier aber als ethische Arena, nicht als reines Nostalgie-Panorama.

  • Jugendliche ab ca. 15/16 plus Erwachsene: Die Themen sind ernst, aber die Erzählung bleibt zugänglich.

Kritische Einschätzung – Stärken & mögliche Reibungen

Stärken

  1. Wuchtige Prämisse, clever umgesetzt: Die Erinnerungsbibliothek ist zugleich Weltidee und Plotmotor – sie erklärt, warum jede Entscheidung Zähne hat.

  2. Doppelte Zeitlinie, sauber verwoben: Keine Zierde, sondern Erkenntnismaschine; die 60er beleuchten die 30er – und umgekehrt.

  3. Gefühl mit Haltung: Die Liebesgeschichte arbeitet auf ethischer Tiefe, nicht auf Glamour.

  4. Lesezugang: Stilistisch einsteigerfreundlich, thematisch diskussionsstark – perfekter Buchclub-Stoff.

Mögliche Reibungen

  1. Weltenlogik vs. Romantik: Wer „harte“ Regelwerke à la Sci-Fi erwartet, findet die Magie poetisch statt technischbegründet.

  2. Agenten-Plot: Der CIA-Aspekt ist Katalysator, kein Spionage-Thriller – das ist Absicht, kann aber Erwartungen bremsen.

  3. Moralisches Grau: Es gibt keine einfachen Sieger. Löschen, Bewahren, Lieben – alles hat Kosten. Wer klare Fronten sucht, wird herausgefordert.


Über die Autorin – Hayley Gelfuso

Hayley Gelfuso ist eine US-Autorin mit Hintergrund in Wissenschaft/Marketing. Sie lebt im Raum Chicago und schreibt spekulative Romane, die Realgeschichte, Wissenschaft und Magie verbinden. The Book of Lost Hours ist ihr Debüt – im deutschsprachigen Raum als Das Buch der verlorenen Stunden bei dtv – und wurde schnell in viele Sprachen verkauft und u. a. im GMA Book Club vorgestellt.

Ein Roman, der die Zeit streitbar macht

Das Buch der verlorenen Stunden ist kein netter Bibliotheksfantasy-Snack, sondern ein ernsthaft verspielter Roman über Gedächtnis als Macht. Gelfuso gelingt das seltene Gleichgewicht: Gefühl ohne Zucker, Idee ohne Dozieren, Historie ohne Pappkulisse. Wer Geschichten liebt, die Weltentwurf mit Weltgeschehen verknüpfen, wird hier reich belohnt – und danach anders auf das schauen, was wir behalten und vergessen.

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