Crushing ist ein Roman für alle, die schon einmal dachten: „Ich bleibe jetzt einfach allein, das ist sicherer“ – und dann ausgerechnet in diesem Moment jemanden treffen, der alles komplizierter macht. Die australische Autorin Genevieve Novak erzählt die Geschichte der 28-jährigen Marnie, Serien-Monogamistin mit gutem Herz und miserablen Grenzen. Nach einem desaströsen Break-up schwört sie, Single zu bleiben – bis Isaac auftaucht, charmant, klug, leider vergeben. Das Ergebnis ist keine Kitschparade, sondern eine scharf beobachtete Romantic-Comedy über Selbstwert, Freundschaft, Dating-App-Erschöpfung und die Frage: Wie willst du leben, wenn niemand zuschaut?
Crushing von Genevieve Novak – Millennial-Herz, Dating-Chaos, Humor als Selbstschutz
Handlung von Cushing – Marnie, Isaac, und die Kunst der schlechten Entscheidung
Marnie hat sich in Beziehungen stets verloren: angepasst, besänftigt, Kompromisse gemacht, bis sie selbst nicht mehr vorkam. Der aktuelle Tiefpunkt bringt sie zur Nulldiät für’s Herz: keine Beziehungen, keine Ausflüchte, stattdessen Job, Freundinnen, Routinen. Genau dann lernt sie Isaac kennen – den Typ, bei dem Konversation leicht ist und Schweigen angenehm. Einziger Haken: Er hat eine Freundin.
Novak dreht daraus kein Affären-Drama, sondern eine langfristige Spannungslinie: Marnie versucht, Grenzen zu setzen, reibt sich an alten Mustern und redet sich ein, man könne ja „nur befreundet“ bleiben. Parallel hebt sie ihre Freundschaften auf ein Level, das den Roman trägt: ehrliche Gespräche, deutliche Ansagen, weniger „Ich will nicht nerven“ und mehr „Ich will, dass du bleibst“. Zwischendrin gibt es Dates, Fehlstarts, sehr viel Innenleben, pointierte Nebenfiguren – und (in realistischer Dosierung) den Zeitstempel der letzten Jahre: Masken, Covid-Anspielungen, Alltagsrituale in veränderter Welt.
Marnies Weg ist kein gerader Bogen. Sie taumelt, fällt, steht wieder auf – und lernt das, was viele vermeiden: Alleinsein aushalten, ohne es zu verteufeln. Wenn Entscheidungen fallen, tun sie es nicht auf der großen Bühne, sondern in den leisen Momenten: Was sage ich heute „ja“? Wozu sage ich „nein“? Und kann ich Isaac in meinem Leben behalten, ohne mich wieder zu verlieren? (Mehr zu verraten, würde die kluge Dramaturgie verschlucken; wichtig ist: Das „Wer mit wem?“ ist nicht die einzige Frage. Wichtiger ist „Wer bin ich, wenn ich wähle?“)
Selbstwert, Freundschaft, Grenzen, Körper & Kopf
Selbstermächtigung statt Selbstoptimierung: Novak unterläuft das typische Selbsthilfe-Narrativ. Marnie kauft sich keine neue Identität; sie arbeitet an Sprache, Routinen, Boundary-Setting – und fällt trotzdem zurück. Das fühlt sich wahr an, nicht programmatisch.
Freundschaft als Fundament: Das Herzstück ist nicht nur Romance, sondern eine radikal loyale Freundinnenschaft: Menschen, die dich zur besten Version anstupsen, statt dich zur „pflegeleichten“ Form zu polieren.
Grenzen und Begehren: Isaac ist nicht „der Böse“; er ist der Test dafür, ob Marnie die Ambivalenz aushält: Begehren anerkennen, Konsequenzen tragen, nein sagen dürfen.
Mentale Gesundheit & moderne Einsamkeit: Unter Witz und Wortgefechten verhandelt der Roman Anxiety, Vergleichsdruck, Social-Media-Erschöpfung – und die paradoxe Einsamkeit eines Lebens voller Kontakte. Deutschsprachige Rezensionen heben genau diese Zeitdiagnose hervor.
Gegenwartsmarken ohne Zeigefinger: Reidsch nüchterner Blick? Nein, Novaks eigener: Covid und Masken tauchen auf wie Straßenschilder – real, aber nicht didaktisch. Das geerdete Setting macht die Emotionalität glaubhaft.
Millennial-Ökonomie der Gefühle
Crushing spielt dort, wo viele Ende 20 stehen: teure Städte, prekäre Jobs, viele Optionen, wenig Orientierung. Der Roman zeigt, wie Netzwerke (Freunde, Kolleginnen, Familie) als Sicherheitsnetz wirken – und wie rasch man darin auch hängen bleiben kann. Australische Feuilletons lobten die ehrliche Milieuschilderung und den Ton, der den „normalen“ Alltag ohne Überhöhung ernst nimmt. Kritik kam u. a. an der Alkoholkultur des Settings – ein Punkt, den man diskutieren darf: Realität abbilden vs. Normalisierung.
Stil & Sprache – Schnell, witzig, ohne Bullshit
Novak schreibt dialogstark, pointiert und mit jener scharfen Selbstironie, die man nur wagen kann, wenn man die Figuren liebt. Die Sätze zielen auf Rhythmus, nicht auf Ornament; innere Monologe haben Timing, Gags stehen nie barfuß im Raum. Wer zeitgenössische Stimmen wie Monica Heisey oder Coco Mellors mag, fühlt sich zuhause – nur weniger bitter, mehr warm-zynisch. Australische Buchhändler*innen empfahlen Crushing genau in diesem Register: witzig, relatable, next TikTok sensation – aber mit Herz.
Für wen eignet sich „Crushing“?
-
Für Leser, die Romance mögen, aber Psychologie brauchen: Gefühle mit Kontext statt Love-Triangle-Feuerwerk.
-
Für Buchclubs: Entscheidungsethik, Freundschaft vs. Romantik, Grenzen – perfekte Diskussionsachsen.
-
Für alle, die sich im „Ich will niemanden enttäuschen“-Modus wiederfinden und einen Roman suchen, der freundlich und wahr ist.
-
Für Englisch-Leser und – neu – Deutsch-Leser: Die deutsche Übersetzung (Babette Schröder) ist im Handel gelistet.
Stärken & mögliche Schwächen
Stärken
-
Echtes Innenleben: Marnie ist keine tropehafte „messy girl“-Schablone, sondern konsequent gezeichnet – verletzlich, witzig, widersprüchlich.
-
Freundschaft im Zentrum: Der Roman behandelt romantische Liebe nicht als Endgegner, sondern als eine Achse neben Selbstwert und Freundschaft.
-
Gegenwartsnähe ohne Thesenkeule: Covid-Marker, Job-Unsicherheit, Online-Kultur – da, aber nicht dozierend.
Mögliche Schwächen
-
„Jammy“-Passagen: Manche deutschsprachige Stimmen empfinden Teile als klagelastig – Geschmackssache, aber diskutierbar.
-
Mittelteil-Schleifen: Wer rasantes Plot-Pacing erwartet, könnte im Sei-ehrlich-mit-dir-Prozess Ungeduld spüren.
-
Alkohol-Normalität: Realistisch, ja – dennoch eine Ambivalenz, die man benennen sollte.
Über die Autorin – Genevieve Novak
Genevieve Novak ist Autorin, Redakteurin und Kolumnistin aus Melbourne. Nach dem Debüt No Hard Feelingserschien 2023 Crushing; beide Romane wurden in mehreren englischsprachigen Märkten veröffentlicht und erreichten dank Social-Media-Buzz schnell eine große Leserschaft. Novak steht für klare Gegenwartsprosa, warm-witzige Innenansichten und Figuren, die „messy“ sein dürfen, ohne vorgeführt zu werden. Eine deutsche Übersetzung von Crushing ist im Handel erhältlich (Ü: Babette Schröder).
Ein ehrlicher, witziger Roman über die zweite Chance mit sich selbst
Crushing ist weniger „Boy meets Girl“ als „Girl meets Self“. Ja, da ist Romance. Aber der eigentliche Spannungsbogen läuft zwischen Selbsttäuschung und Selbstachtung. Novak zeigt, wie moderne Liebe arbeiten muss: reden, abgrenzen, aushalten. Wer Lust hat auf einen klugen, komischen Gegenwartsroman über Freundschaft, Begehren und das zähe Geschäft, man selbst zu werden, ist hier genau richtig.
Hier bestellen
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Aktuelles
Leipziger Buchmesse 2026: Maximilian Krah im Spiegel der Medien
Letzte Februarwoche: Wenn der Winter nachlässt
Die Statue von Bernini
Hassliebe von Tim Soltau
Morgan’s Hall: Ascheland von Emilia Flynn – Nach der großen Liebe kommt der Alltag
Morgan’s Hall: Niemandsland von Emilia Flynn – Wenn das „Danach“ gefährlicher wird als das „Davor“
Holger Friedel: Text über Zeit
Morgan’s Hall: Sehnsuchtsland von Emilia Flynn – Wenn Sehnsucht zum Kompass wird
Morgan’s Hall: Herzensland von Emilia Flynn – Wenn Geschichte plötzlich persönlich wird
Leipziger Buchmesse 2026: Literatur zwischen Strom, Streit und Öffentlichkeit
Wenn Welten kollidieren – Stephen Kings „Other Worlds Than These“ zwischen Mittwelt und Territorien
Sergej SIEGLE: Der Monolog
Der andere Arthur von Liz Moore – Ein stilles Buch mit Nachhall
Am Strom
Real Americans von Rachel Khong – Was heißt hier „wirklich amerikanisch“?
Rezensionen
Ostfriesenerbe von Klaus-Peter Wolf – Wenn ein Vermächtnis zur Falle wird
Wir Freitagsmänner: Wer wird denn gleich alt werden? von Hans-Gerd Raeth – Männer, Mitte, Mut zum Freitag
Planet Liebe von Peter Braun – Ein kleiner Band über das große Wort
Die Rache trägt Prada von Lauren Weisberger – Was kommt nach dem „Traumjob“?
Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen
Box Hill von Adam Mars-Jones – Zärtlichkeit mit Stacheln
Die Burg von Ursula Poznanski – Mittelaltergemäuer, Hightech-Nervenkitzel
Alle glücklich von Kira Mohn – Wenn „alles gut“ zum Alarmsignal wird
Das Signal von Ursula Poznanski – Wenn das Smart Home zum Gegner wird
Half His Age von Jennette McCurdy – Ein Roman, der mit Unbehagen arbeitet
Daniela Katzenberger, wie man sie kennt – unverstellt, direkt, motivierend
The Ordeals von Rachel Greenlaw – Eine Akademie, die Talente frisst
Es ist doch nur die Dunya von Murat Gülec – Ein leises Buch für laute Tage
Die vergessene Hausapotheke von Dr. Nicole Apelian – Alte Rezepte, neue Dringlichkeit