Wenn man über die Literatur der Zwischenkriegszeit spricht, fallen dieselben Namen: Brecht, Mann, Tucholsky. Die Männer der Moral, die Gesellschaftskritiker mit Zigarre. Kaum jemand erwähnt Hermynia Zur Mühlen, obwohl sie in den 1920er-Jahren genau das tat, was man heute „politische Literatur“ nennen würde – nur schärfer, klüger und ohne den Luxus männlicher Pose.
Sie schrieb gegen Armut, gegen Autoritarismus, gegen Gleichgültigkeit. Und sie tat es in einer Sprache, die jeder verstehen konnte.
Eine Gräfin im Exil
Zur Mühlen, 1883 in Wien geboren, entstammte dem Adel, wandte sich aber früh dem Sozialismus zu – ein biografischer Bruch, der ihr Werk prägt. „Die rote Gräfin“, wie man sie nannte, übersetzte Upton Sinclair, schrieb politische Märchen, Gesellschaftsromane und Reportagen.
Ihr Leben liest sich wie eine Chronik des 20. Jahrhunderts: Revolution, Exil, Armut, Krieg. Sie floh 1933 vor den Nationalsozialisten, erst nach Zürich, dann nach England. Dort schrieb sie weiter – meist unter prekären Bedingungen, fast ohne Leser.
Schreiben als Gegenentwurf
Zur Mühlens Romane sind keine trockenen Parolen. Sie zeigen, wie Politik in den Alltag einsickert: in Gespräche, in Gesten, in das Schweigen zwischen zwei Figuren. Sie schrieb über Dienstmädchen, Arbeiter, Vertriebene – jene, die sonst selten vorkommen in der großen Literatur der Moderne.
Ihr Roman Unsere Töchter, die Nazinen (1934) etwa ist ein scharfes Porträt der geistigen Verführung durch den Nationalsozialismus. Kein Pamphlet, sondern ein stilles Entsetzen über die Verwandlung junger Menschen in Fanatiker.
Warum sie verschwand
Nach 1945 passte Zur Mühlen in keinen Kanon. Für den Westen war sie zu kommunistisch, für den Osten zu individualistisch. Ihre Bücher erschienen kaum, ihre Stimme verstummte in den Archiven. Dass sie heute wieder gelesen wird, liegt an einer stillen Wiederentdeckung feministischer und linker Literatur – und an der wachsenden Sehnsucht nach Stimmen, die nicht in Selbstinszenierung, sondern in Verantwortung schrieben.
Warum sie uns heute wieder gelesen werden sollte
In einer Zeit, in der Populismus wieder an Lautstärke gewinnt, klingt Zur Mühlens Sprache erstaunlich aktuell. Sie schrieb mit moralischer Klarheit, ohne moralisch zu klingen. Sie verstand Literatur als Aufklärung, aber auch als Zärtlichkeit für die Schwachen.
Ihre Texte erinnern uns daran, dass Empathie nicht weich ist – sondern Widerstand.
Eine starke Stimme
Hermynia Zur Mühlen war nie laut, nie gefeiert, nie kanonisiert. Aber sie schrieb mit einer Konsequenz, die noch heute beschämt. Vielleicht ist das das Schicksal der „vergessenen Stimmen“: Sie werden erst dann gehört, wenn man merkt, wie viel uns ihr Schweigen gekostet hat.
Über die Autorin
Hermynia Zur Mühlen (1883–1951), österreichische Schriftstellerin, Übersetzerin und politische Publizistin, engagierte sich früh gegen Faschismus und soziale Ungerechtigkeit. Ihr Werk umfasst Märchen, Romane und Übersetzungen u. a. von Upton Sinclair. Sie starb im englischen Exil – weitgehend vergessen, aber nicht verstummt.
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