Glitzernder Küstenblick, Luxus-Interieur, Hashtags, die nach „perfekt“ riechen – und eine junge Frau, der der Atem abgeschnürt wird: „Lost Girls – Breathing for the First Time“ ist der Auftakt einer Dilogie von Nikola Hotel und erzählt keine Fantasie vom „Bad Boy, der’s besser meint“, sondern eine Emanzipationsgeschichte unter Hochdruck. Protagonistin Darcy ist 21, verheiratet mit einem berühmten Football-Star – und Gefangene in den eigenen vier Wänden. Hotels Roman verwebt toxische Beziehung, Gaslighting und Kontrolle mit einer vorsichtigen, respektvollen Liebesgeschichte, die keine Rettungsfantasie bedient, sondern Selbstbestimmung ins Zentrum rückt.
Lost Girls – Breathing for the First Time von Nikola Hotel – Atem holen, aber richtig
Handlung von „Lost Girls – Breathing for the First Time“
Darcy lebt im goldenen Käfig: Jason, ihr Mann und Profisportler, überwacht Handys, Termine, Kleidung, Kontakte – jeder „Fehler“ hat Folgen. Während sie heimlich ihre Flucht plant, begegnet sie Ellis, einem britischen Besucher, der in Sekunden erkennt, was andere übersehen (oder nicht sehen wollen). Dieses Erkannt-Werden ist kein Zauber, sondern ein Gegenbild zu Jasons Kontrolle: Sicherheit, Respekt, Zuhören. Doch Hotels Geschichte verweigert die Abkürzung. Ellis ist nicht der Ritter zur Rettung – Darcy muss selbst gehen; die Risiken trägt sie, und sie zahlt sie in Konsequenzen. Als sie einen echten Ausweg tastet, wird klar: Jason lässt nicht los – und die Öffentlichkeit, die ihn feiert, ist ein zusätzlicher Gegner. Zugleich formiert sich Solidarität: Freundinnen, ein Schutzraum, Verbündete, die glauben, statt zu richten. Der erste Band beantwortet zentrale Fragen, öffnet aber zugleich Türen für Band 2.
Kontrolle, Erzählmacht, Solidarität
Kontrolle ist kein Beweis von Liebe: Der Roman nimmt Eifersucht, Besitzdenken, Überwachung auseinander – nicht theoretisch, sondern körperlich spürbar im Alltag: Handgriffe, Blicke, Schweigen. Die Autorin positioniert sich klar: Liebe heilt nicht automatisch; sie schafft Räume, in denen Heilung möglich wird.
Erzählmacht & Öffentlichkeit: Wer definiert, was „passiert“ ist – der Täter mit seinen Medienkontakten oder die Betroffene, deren Glaubwürdigkeit systematisch angezweifelt wird? Hotel zeigt, wie PR-Maschinen private Gewalt politisch „umcodieren“ und damit sekundäre Verletzungen erzeugen.
Weibliche Solidarität als Gegenerzählung: Statt „Pick-me“ und Victim-Blaming setzt der Text auf Safe Spaces und Bündnisse. Das ist erzählerisch keine Wellness-Zone, sondern Handlungsbedingung: Ohne Unterstützerinnen bleibt jede Flucht riskanter.
Liebesgeschichte mit Verantwortung: Ellis ist Katalysator, nicht Heilsbringer – eine Figur, die Sicherheit vermittelt und Grenzen respektiert. Diese Haltung ist Programm und unterscheidet das Buch von Romantisierungen von Machtgefällen.
Warum das jetzt relevant ist
Auslöser der Recherche und ein Teil der Motivation hinter dem Stoff war die öffentliche Debatte um Machtmissbrauch im Profisport und das Victim-Blaming rund um prominente Fälle. Hotel formuliert daraus Literatur als Gegenrede: ein Roman, der Unterhaltbarkeit mit Haltung verbindet – nicht moralisierend, sondern erlebbar im Plot.
Nah dran, ohne Voyeurismus
Hotel schreibt klar, empathisch, direkt. Die Kapitel sind zugeschnitten, die Perspektive bleibt bei Darcy (und punktuell nah an Ellis), sodass Kontrolle nicht behauptet, sondern erfahren wird. Triggernde Szenen werden angedeutet, nicht ausgestellt – die Wirkung entsteht aus Psychologie und Taktung, nicht aus Sensationslust. Das Ergebnis: hoher Sog, niedrige Effekthascherei. (Rowohlt beschreibt den Roman explizit als „intensiv, fesselnd, schmerzhaft“ – und „sensibel“.)
Für wen eignet sich „Lost Girls – Breathing for the First Time“?
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New-Adult-Leser, die Gefühl + Haltung suchen.
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Romance-Fans, denen Konsens, Grenzen, Respekt wichtiger sind als „Bad-Boy-Heilung“.
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Buchclubs/Lesekreise, die Kontrolle, Gaslighting, Victim-Blaming diskutieren möchten – mit einem Text, der Position bezieht und trotzdem unterhält.
Kritische Einschätzung – Stärken & Schwächen
Stärken
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Klares Werte-Gerüst: Beziehung ≠ Erlösung; Selbstbestimmung steht über Romantik – konsequent durchgespielt.
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Atmosphärischer Realismus: Der Alltag der Kontrolle ist präzise; Öffentlichkeit/PR wird mitgedacht, nicht nachgereicht.
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Figurenchemie ohne Kitsch: Ellis gibt Halt, ohne Darcys Handlungsmacht zu schmälern.
Schwächen (je nach Lesetyp)
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Thematische Schwere: Wer reine Komfort-Romance sucht, wird die Belastungsdichte als hoch empfinden.
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Reduktion von „Drama-Zufällen“: Der Text meidet große Thrill-Wendungen – nicht alle Leser mögen den Fokus auf psychologische Eskalation mehr als auf Plot-Twists.
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Band-Struktur: Als Auftakt lässt der Roman bewusst Flanken für Band 2 offen – für Dilogie-Leser ein Plus, für Einzelband-Puristen ein Minus.
Ein notwendiger Liebesroman
„Lost Girls – Breathing for the First Time“ ist Romance mit Rückgrat: mitfühlend, spannungsfähig, prinzipientreu. Er zeigt, warum Kontrolle niemals romantisch ist, warum Respekt sexy sein kann – und weshalb Rettung kein Geschenk von außen, sondern eine Entscheidung ist. Wer sich eine Liebesgeschichte wünscht, die Hoffnung gibt ohneSchönfärben, ist hier richtig. Empfehlung: lesen – und reden.
Über die Autorin – Nikola Hotel
Nikola Hotel schreibt seit Jahren New-Adult-Bestseller (seit 2020 mit jedem Titel auf der Spiegel-Liste) und interessiert sich besonders für dunkle Charaktere und unterdrückte Gefühle. Mit „Lost Girls“ wendet sie sich explizit gegen die Romantisierung von Kontrolle/Eifersucht – und plädiert für Solidarität und Consent als Grundlagen von Liebe.
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