Ingrid Noll, 1935 in Shanghai geboren und seit ihrem Debüt Der Hahn ist tot (1991) eine feste Größe im deutschsprachigen Kriminalroman, wird im September 90 Jahre alt – und bringt gleichzeitig ihren neuen Roman Nachteule heraus. Schon das ist bemerkenswert: Während viele Autoren sich im hohen Alter an Memoiren versuchen, liefert Noll weiterhin fiktionale Welten, die sich unerschrocken mit menschlichen Schwächen, Obsessionen und leisen Abgründen befassen.
Nachteule erzählt von der 15-jährigen Luisa, die als Baby aus Peru adoptiert wurde und in einem wohlhabenden, behüteten Elternhaus aufwächst. Ihre Besonderheit: Sie kann im Dunkeln sehen, eine Gabe, die sie in die Nacht hinauszieht, zu Tieren und Schatten, in eine Welt jenseits der bürgerlichen Ordnung. Dort entdeckt sie den obdachlosen Tim, versorgt ihn und versteckt ihn schließlich im Haus – und wird damit zur Komplizin in einem Geflecht aus Lügen und Verbrechen, das sich immer enger um sie zusammenzieht.
Zusammenfassung des Plots
Luisa ist ein Einzelkind, altklug, mit wenig Anschluss an ihre Mitschüler. In ihrer Klasse gilt sie als Streberin, im Elternhaus als Vorzeigetochter. Ihre Gabe, im Dunkeln sehen zu können, ist weniger Superkraft als Symbol für ihre Fähigkeit, dort etwas zu erkennen, wo andere lieber wegschauen.
Im nahen Wald stößt sie auf Tim, einen jungen Obdachlosen. Sie bringt ihm Essen, verschafft ihm Kleidung und schließlich ein Versteck im eigenen Haus. Was mit Fürsorge beginnt, entwickelt sich zu einem gefährlichen Spiel: Tim nutzt die Situation, Luisa verschweigt die Wahrheit vor ihren Eltern, und aus kleinen Lügen wird ein Netz, in dem sie sich zunehmend verfängt.
Parallel dazu zeigt die Familie Risse. Die Eltern geraten in eine Beziehungskrise, die heile Welt zerbricht. Nebenhandlungen – ein Todesfall, unklare Verbrechen im Umfeld, ein weiterer Bekannter, der in Luisas Leben tritt – steigern die Spannung. Am Ende steht weniger die Frage, „wer der Täter“ ist, sondern wie Luisa den Spagat zwischen Loyalität, jugendlicher Naivität und gefährlicher Nähe übersteht.
Weder Thriller noch Coming-of-Age
Wer einen klassischen Thriller erwartet, wird enttäuscht. Nachteule verzichtet auf atemlose Jagdszenen oder das große kriminalistische Rätsel. Ebenso wenig ist es ein Coming-of-Age-Roman im engeren Sinn: Zwar steht eine Jugendliche im Zentrum, doch Luisas Entwicklung bleibt gebrochen, weniger Selbstfindung als Verstrickung.
Gerade diese Unbestimmtheit macht den Reiz des Romans aus. Er verweigert eindeutige Kategorien und funktioniert dennoch – oder gerade deshalb – als fesselnde Lektüre.
Ingrid Nolls Handschrift
Typisch Noll ist der unaufgeregte, klare Erzählstil. Sie schreibt in einer Sprache, die weder pathetisch noch ornamental wirkt, sondern in knappen Sätzen Figuren und Situationen sichtbar macht. Diese Lakonie ist es, die den schwarzen Humor möglich macht. Gewalt, Verbrechen und moralische Abgründe erscheinen nie reißerisch, sondern beiläufig, fast selbstverständlich.
Auch hier gilt: Die Spannung entsteht nicht durch Action, sondern durch die langsame Verdichtung des Alltags. Aus harmlosen Gesten werden drohende Konsequenzen, aus gut gemeinter Fürsorge erwächst Gefahr.
Luisa ist als Figur bemerkenswert. Einerseits die klassische Außenseiterin – altklug, einsam, ohne Freunde –, andererseits eine Erzählerin, deren Stimme durchweg glaubwürdig wirkt. Dass Noll mit 90 Jahren in die Rolle einer Teenagerin schlüpft, ist ein Kunststück: Luisa klingt nicht wie eine alte Autorin, die Jugend imitiert, sondern wie eine junge Frau, die zwischen Sehnsucht und Überforderung schwankt.
Tim bleibt ambivalent: Bedürftig und berechnend zugleich. Ob er Opfer oder Täter ist, bleibt bewusst vage – und genau in dieser Schwebe liegt die Spannung.
Struktur und Tempo
Nachteule beginnt verhalten. Man muss sich erst in Luisas Gedankenwelt einfühlen, bevor die Geschichte Fahrt aufnimmt. Doch dann setzt eine Sogwirkung ein: Die Lügenketten verlängern sich, das Netz zieht sich enger, und mit jeder Seite steigt die Beklemmung.
Noll meidet spektakuläre Wendungen; ihre Dramaturgie ist stiller, fast unscheinbar, aber gerade deshalb wirksam. Der Leser weiß, dass es unweigerlich eskalieren muss, und liest mit wachsender Faszination, wie Luisa in die Falle geht, die sie sich selbst gestellt hat.
Einordnung im Gesamtwerk
Nachteule reiht sich nahtlos in Nolls Gesamtwerk ein. Seit Der Hahn ist tot (1991) variiert sie ein zentrales Muster: eine weibliche Hauptfigur, deren Alltag plötzlich in eine moralische Grauzone kippt, in der kleine Verfehlungen große Folgen haben.
Anders ist diesmal, dass die Protagonistin deutlich jünger ist. Während Noll sonst häufig Frauen mittleren Alters oder ältere Heldinnen ins Zentrum stellt, wagt sie hier die Perspektive einer Fünfzehnjährigen – ohne ihre typische Handschrift zu verlieren. Es ist also keine Jugendbuchpremiere, sondern eine konsequente Erweiterung ihres Spektrums.
Auch stilistisch bleibt sie sich treu: klar, pointiert, mit feiner Ironie und einem Humor, der gerade in den dunklen Momenten auffällt.
Typisch Noll
Nachteule ist kein Thriller, kein Coming-of-Age-Roman, kein Jugendbuch. Es ist schlicht ein weiterer Ingrid-Noll-Roman – und das genügt. Mit souveräner Leichtigkeit erzählt sie eine Geschichte über Fürsorge, Abhängigkeit und Verstrickung, über ein Mädchen, das nachts besser sieht als andere, aber im Hellen erstaunlich blind bleibt.
Dass eine 90-Jährige den Ton einer Teenagerin so selbstverständlich trifft, ist beeindruckend. Dass sie dabei weder ins Sentimentale noch ins Moralisierende kippt, ebenso. Und dass sie nach über dreißig Jahren literarischen Schreibens noch immer neue Figuren, Situationen und Konstellationen findet, zeigt, wie unerschöpflich ihre Beobachtungsgabe ist.
Am Ende bleibt die Pointe: Nachteule ist wieder einmal ein typischer Noll – gut geschrieben, schnörkellos, spannend genug, um die Seiten fliegen zu lassen. Und damit ist alles gesagt.
Topnews
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Karen W. – Eine Resonanz des Alltags
John Irving – Königin Esther
„Die Tribute von Panem L. Der Tag bricht an“ – Suzanne Collins‘ neuestes Meisterwerk im „Tribute von Panem“-Universum
Kein Grund, gleich so rumzuschreien – Ein Gesprächsbuch von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre
Frühjahr 2019: Ein rettender Bücherfrühling?
Aktuelles
Daniel Kraus’ „Angel Down“ – Der Krieg frisst die Sprache
Yiyun Lis „Things in Nature Merely Grow“ – Die Sprache nach dem Verlust
Die neuen Wartesäle
Nachts ist man am besten wach von Kristina Valentin: Eine Liebesgeschichte über zweite Chancen und die leisen Stunden dazwischen
Was ich nie gesagt habe von Susanne Abel: Wenn Wahrheit nicht befreit, sondern verändert
Jill Lepore gewinnt den Pulitzer-Preis 2026 – Warum ihr Verfassungsbuch gerade jetzt ins Zentrum der Debatte rückt
Stay Away from Gretchen von Susanne Abel: Eine Geschichte über Erinnerung, Schuld und die Schatten der Vergangenheit
Die Wut, die bleibt von Mareike Fallwickl: Wenn Fürsorge kippt und Stille laut wird
Im Namen der Barmherzigkeit von Hera Lind: Eine wahre Geschichte über Schuld, Urteil und die Grenzen von Mitgefühl
Der Astronaut von Andy Weir: Wenn Wissenschaft zur Überlebensfrage wird
Der Kindle Storyteller Award 2026
New Wishes von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 7)
Find me in Green Valley von Lilly Lucas (Green Valley Love Kurzroman)
Stimmen ohne Zentrum: Robert Seethalers „Die Straße“ als Roman der verpassten Geschichten
New Chances von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 5)
Rezensionen
New Horizons von Lilly Lucas (Green Valley Love Band 4) – Wer bist du, wenn du nicht mehr so kannst wie früher
„Weißer Sommer“ von Eva Pramschüfer
New Dreams (Lilly Lucas) – Green Valley Love Band 3
New Promises (Green Valley Love Band 2) von Lilly Lucas – Jetzt oder Nie
New Beginnings – Der Start in Green Valley von Lilly Lucas
Die Frau auf der Karte – Gertrude Bell und die Erfindung eines Landes
Das beschädigte Protokoll – Ben Lerners „Transkription“
Der Name als Falle: Toxibaby
Narrative für eine bessere Zukunft: Storylistening, Storymaking, Storytelling
Zwischen Tier und Text: Wie Gomringer den Tod lesbar macht
Die Welle – Ordnung als Versuchsanordnung