Ein abgelegenes Waldschloss im Süden Ungarns, ein Baron, ein blasser Sohn – und ein Jahrhundert, das ganze Lebensläufe neu formatiert: „Lázár“ erzählt die Geschichte einer Adelsfamilie über Jahrzehnte hinweg, als Nahaufnahme von Macht, Herkunft und Zerfall. Der 22-jährige Schweizer Autor Nelio Biedermann veröffentlicht den Roman bei Rowohlt Berlin; erschien am 1. September 2025. Dass internationale Rechte in (mehr als) 20 Ländern verkauft wurden und das Buch auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises 2025 steht, zeigt: Hier wird nicht bloß Historienkulisse arrangiert, sondern Gegenwart durch Vergangenheitsfiguren befragt.
Handlung von Lazar
Die Erzählung setzt mit der Geburt von Lajos von Lázár ein, „dem blonden Kind mit wasserblauen Augen“, in einem Waldschloss – eine symbolträchtige Schwelle, an der nicht nur ein Leben beginnt, sondern eine Ordnung ins Wanken gerät. Von hier aus verfolgt der Roman die Familie durch die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts.
Bälle, Jagden, Kirchenfeste und die Routinen des Gutsbetriebs wirken zunächst wie festgetackert; doch mit jedem Jahr franst etwas mehr aus. Außenpolitik rückt an den Esstisch: Regimewechsel, Kriege, Enteignungen, neue Verwaltungssprachen – die großen Ereignisse erscheinen als feiner Staub auf Möbeln und Moral.
Biedermann erzählt diesen Weg nicht als Lehrbuchhistorie mit Kapitelmarken, sondern als dichte Familienstudie. Loyalitäten und Lügen, Affären, der stille Opportunismus mancher Verwandter – all das bleibt konsequent aus der Binnenperspektive geschildert.
Wer mit der Erwartung antritt, eine Chronik der großen Schlachten zu lesen, wird umlernen: Die dramatischen Kulminationspunkte liegen in den Innenräumen – im Ton eines Gesprächs, einer Umarmung, einer plötzlichen Distanz beim Abendessen. Konkrete spätere Wendungen bleiben hier ausgespart; der Reiz der Lektüre besteht genau darin, wie der Text die Weltgeschichte über Gesten und Gewohnheiten ins Private übersetzt.
Adelsordnung, Zugehörigkeit, Geheimnisse, Verrat
Adel als soziale Choreografie: Titel, Landbesitz und Etikette sind hier keine Deko, sondern Handlungsanleitungen. Der Roman zeigt, wie Habitus funktioniert: als Körpertechnik, als Sprechhaltung, als Zuweisung von Pflichten. Wenn die äußere Ordnung bröckelt, wird die innere Regie umso strenger – bis sie an sich selbst erstickt.
Zeit als Zentrifuge: „Lázár“ ist eine Studie der langsamen Umordnung. Nicht ein Ereignis sprengt die Familie, sondern die Akkumulation kleiner Verschiebungen: ein Gesetz, ein Gerücht, ein verpasster Brief.
Geheimnisse und Loyalität: Was verschwiegen wird, hält das System zusammen – bis es zur Sollbruchstelle wird. Geheimnisse erscheinen nicht als Skandal, sondern als Strukturprinzip familiärer Macht.
Liebe als Ressourcenspiel: Bindungen folgen nicht bloß Gefühl, sondern ökonomischer Logik: Mit wem kann man bestehen? Wer hält wen im gesellschaftlichen Spiel? Dadurch lädt der Roman intime Szenen mit politischem Druck auf.
Ungarn als Resonanzraum: Landschaft, Sprache, Traditionen – sie sind nicht Kulisse, sondern Klangkörper für Loyalität und Verlust. Dass der Text international so früh breit lizenziert wurde, hat wohl auch damit zu tun: Er erzählt Regionalität mit universalem Zugriff.
Ungarn zwischen Monarchie, Kriegen und Umbruch
Die Geschichte spielt im Schatten der untergehenden Donaumonarchie und führt durch Weltkriege, autoritäre Wendungen, Neuordnungen von Eigentum und Sprache – ohne chronikartige Ausbuchstabierung. Biedermann bindet Zeitgeschichte an kleine, präzise Momente: den Wechsel einer Amtsformel, die plötzliche Unsicherheit, ob der eigene Name noch Schutz ist oder Verdacht weckt. So wird das 20. Jahrhundert als Erfahrungsstruktur lesbar – nicht als Kapitelabfolge.
Gegenwartsbezug? Offensichtlich: Der Text konfrontiert uns mit Fragen nach Zugehörigkeit und Status, nach dem Wert von Tradition, wenn sie politisch unbrauchbar wird. Und er prüft, wie Erinnerung als Erzählung funktioniert – familiär, national, europäisch. Dass die Shortlist-Nominierung in der Schweiz und die mediale Aufmerksamkeit (u. a. 3sat/ZDF) genau diese Ebenen betonen, unterstreicht die Lesart: Dieses Buch spricht ins Heute.
Bildstarke Prosa, szenische Miniaturen, Erzählrhythmus
Biedermann schreibt bildnah und tonbewusst. Der Stil kippt an entscheidenden Stellen in szenische Miniaturen – kleine, atmosphärisch dichte Beobachtungen –, bevor er sich wieder in längere Perioden ausweitet. Der Effekt: ein Puls, der das Thema trägt. Wo andere Historienromane sich im Inventar erschöpfen, arbeitet „Lázár“ mit Fokussierung: Stoffe, Räume, Körper und Blicke sind semantisch aufgeladen; die Sprache ist weniger bloß dekorativ als diagnostisch. Kritiken charakterisieren den Zugriff als üppig und präzise zugleich – eine ungewohnte Kombination für einen derart jungen Autor.
Für wen eignet sich „Lázár“? Zielgruppen & Leseerwartungen
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Für Leser:innen, die Familiensagas lieben, aber keine geschichtsversessene Katalogprosa wollen.
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Für alle, die Machtverhältnisse im Kleinen – am Esstisch, im Nebenraum, in der Art des Grüßens – spannend finden.
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Für Buchclubs, die Ambivalenz nicht scheuen: Dieses Buch lädt zum Diskutieren über Tradition vs. Selbstentwurf ein.
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Für Studierende (Literatur, Geschichte, Soziologie): Stoff für Seminare über Erinnerungspolitik und Habitus im Roman.
Kritik: Stärken und Schwächen von „Lázár“
Stärken
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Psychologische Genauigkeit. Das Buch versteht, wie Rollen gespielt werden – und wie sie Risse bekommen.
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Großer Atem ohne Bleiweste. Jahrzehnte werden erzählt, ohne in Didaktik zu fallen; Privatheit bildet die Membran zur Politik.
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Stilistische Konsequenz. Bildreiche Sprache, die funktional bleibt; Wiederkehrende Motive bauen ein Spannungsgeflecht.
Schwächen
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Tempo-Schwankungen. Der modulare Aufbau erzeugt Stellen, die sich wie Atempause anfühlen – nicht jede:r mag das.
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Nebenfiguren als Funktionsträger. Manche erscheinen eher als Habitus-Marker denn als psychologisch ausgeleuchtete Charaktere.
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Pathos-Gefahr. Bei Tradition + Untergang kann der Ton kurz vor der Überhöhung stehen – meist abgefangen, aber spürbar.
Fazit: Lohnt sich „Lázár“ – und für wen besonders?
„Lázár“ ist eine präzise komponierte Familienerzählung über Herkunft als Last und Versprechen. Wer literarische Welten mag, in denen Gesten ganze Systeme erzählen, wird hier reich belohnt. Der Roman eignet sich für Leser, die Ambivalenz nicht als Mangel, sondern als Erkenntnisform schätzen – und die bereit sind, den langsamen Sog einer Geschichte zuzulassen, in der die Zeit selbst zur Hauptfigur wird. Dass ein 22-Jähriger diese Architektur so diszipliniertbaut, gehört zur Pointe. Empfehlung: lesen, diskutieren, weiterdenken. (Die breite Reichweite – Lizenzen in über/um 20 Ländern – ist dabei Symptom, nicht Grund.)
Über Nelio Biedermann: Kurzbiografie & weitere Werke
Nelio Biedermann (*2003, Zürichsee-Region) wuchs in der Schweiz auf; die Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel. Er studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 erschien sein Debütroman „Anton will bleiben“ im Arisverlag (Schweiz), eine Erzählung über Erinnerung, Sterben und den Willen, Spuren zu hinterlassen. „Lázár“ ist sein zweites Buch und brachte ihm u. a. die Shortlist des Schweizer Buchpreises 2025 ein.
Häufige Fragen zu „Lázár“
Was macht „Lázár“ anders als klassische „Buddenbrooks“-artige Sagas?
Es verlegt die großen historischen Umbrüche konsequent in die Mikrogesten der Familie – weniger Inventar, mehr Psychologie.
Wie viel „Autobiografisches“ steckt drin?
Biedermann besitzt familiäre Bezüge nach Ungarn; der Roman bleibt jedoch fiktional und literarisch überformt. (Interviews/Porträts und Händlertexte heben die Wurzeln hervor, ohne den Text zur Memoir zu reduzieren.)
Warum wird so oft über die internationalen Rechte gesprochen – hat das literarische Bedeutung?
Es ist ein Marktsignal, kein Gütesiegel. Aber es erklärt, warum das Buch vielerorts diskutiert wird – und wie regional erzählte Stoffe global anschlussfähig sein können.
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