Am 1. Oktober 2025 wäre Benno Pludra hundert Jahre alt geworden. Geboren 1925 in Mückenberg, in der Niederlausitz, wuchs er fern vom Meer auf. Trotzdem war es das Wasser, das ihn früh beschäftigte. Mit 17 heuerte er auf der Viermastbark Padua an, einem Schiff der Handelsmarine. Später überlebte er den Untergang eines Frachters.
Nach dem Krieg arbeitete Pludra als Lehrer, studierte, schrieb als Reporter – und wurde schließlich freier Schriftsteller. Er blieb es bis zu seinem Tod 2014 in Potsdam. Dazwischen liegen mehr als vierzig Bücher, viele davon für Kinder und Jugendliche. Seine Werke erreichten Millionenauflagen, wurden übersetzt und verfilmt. Bootsmann auf der Scholle, Die Reise nach Sundevit, Lütt Matten und die weiße Muschel, Tambari, Jakob heimatlos – das sind nur einige der Titel, die geblieben sind.
Kinderliteratur ohne Aufhebens
Pludras Sprache ist ruhig, seine Figuren handeln, ohne viel zu erklären. Er schreibt nicht gefällig, nicht angepasst, aber auch nicht gegen das System. Er macht sich nicht wichtig. Seine Bücher sind eindeutig, aber nie eindimensional.
Bootsmann auf der Scholle (1959) erzählt von einem Jungen, der einen Hund rettet. Keine große Heldengeste, keine Inszenierung. Nur jemand, der sieht, dass etwas getan werden muss – und es tut. Die Geschichte wurde 2004 im Beltz Verlag neu aufgelegt, im ursprünglichen kleinen Format, mit den Illustrationen von Werner Klemke.
Die Reise nach Sundevit (1965) geht weiter: Timm, ein Junge aus der Einsamkeit am Leuchtturm, wird eingeladen, sich einer Pioniergruppe anzuschließen. Als er zu spät kommt, geht er allein los. Der Weg ist weit, es wird knapp, aber er bleibt dabei. Nicht, weil es jemand verlangt. Sondern weil er es zugesagt hat.
Beide Bücher erzählen leise, aber entschieden. Sie geben Kindern keine Lektion, sondern eine Aufgabe: zu erkennen, worauf es ankommt – und zu handeln.
Pludras Blick: genau, aber nicht kalt
Auch in anderen Texten bleibt Pludra nah an den Figuren. Lütt Matten und die weiße Muschel (1963) zeigt einen Jungen, der dem Vater gefallen will – und übersehen wird. Der Erfolg bleibt aus, aber das Bemühen zählt.
Tambari (1978) erzählt von einem Jungen, der ein altes Boot retten will. Gegen den Widerstand der Erwachsenen, gegen den Stillstand der Umgebung. Am Ende gelingt es – nicht groß, aber deutlich.
In Jakob heimatlos (1985) schließlich gibt es kein Auffangen mehr. Keine Rettung, kein Netz. Ein Bruch. Hier endet etwas, das in anderen Büchern noch offengehalten blieb.
Pludras Literatur denkt in Bewegung. Seine Figuren bleiben nicht stehen. Sie gehen, auch wenn der Weg nicht leicht ist. Das macht seine Bücher bis heute lesbar – nicht als historische Dokumente, sondern als Geschichten, in denen Kinder ernst genommen werden.
Auszeichnungen, Verfilmungen, Wirkung
In der DDR gehörte Benno Pludra zu den bekanntesten und meistgelesenen Kinderbuchautoren. 1966 erhielt er den Nationalpreis. Nach der Wende wurde er weiter gelesen, aber leiser. 1992 erhielt er den Deutschen Jugendliteraturpreis für Siebenstorch, 2004 den Sonderpreis für sein Gesamtwerk. Viele seiner Bücher sind bei Beltz & Gelberg wieder zugänglich, oft in Originalgestaltung.
Insel der Schwäne (1980) wurde verfilmt, dann zurückgezogen. Der Film war zu deutlich in seiner Darstellung von Entwurzelung und Orientierungslosigkeit. Pludras Buch lässt die Figur hoffen. Die Adaption nicht.
Geradeaus erzählen
Benno Pludra hat sich nie als Kinderbuchautor im engen Sinn verstanden. Er schrieb über Kinder, aber nicht von oben herab. Seine Bücher kommen ohne Überbau aus, ohne Erzählstimme, die sich vordrängt.
Er vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser verstehen, was gemeint ist – auch wenn es nicht gesagt wird. Dass Kinder den Unterschied spüren zwischen dem, was leicht aussieht, und dem, was wirklich etwas kostet.
Das macht seine Bücher klar im Ton. Und das reicht oft.
Lesen wird hier belohnt
Benno Pludra schrieb Bücher, die nicht werben. Man muss sie nehmen, wie sie sind. Wer sie aufschlägt, findet kein fertiges Urteil, aber eine Haltung.
Zum 100. Geburtstag ist es an der Zeit, diese Bücher wieder in die Hand zu nehmen. Bootsmann auf der Scholle und Die Reise nach Sundevit sind ein guter Anfang. Weil sie nicht erklären wollen, warum Kinder stark sein müssen. Sondern zeigen, wie sie es sein können.
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