Es gibt Kinderbücher, die kommen mit Getöse daher, mit Superhelden, Einhornherden und Zauberkräften auf jeder zweiten Seite. Und dann gibt es Mumpelmoff und das Wunder am Schloss, erschienen im September 2025 bei Kosmos. Ein stilles, fast verschmitztes Buch, das sich traut, mit einer Motte zu beginnen – oder besser gesagt: einem undefinierbaren, plüschigen Wesen auf kurzen Beinen, das nicht so recht weiß, was es eigentlich ist. Die Dresdner Künstlerin Bo Starker, bisher bekannt für Porträts und detailreiche Puppenhäuser, gibt mit diesem Buch ihr literarisches Debüt. Es ist ein Debüt, das nicht laut ruft, sondern leise wirkt – und gerade darin liegt seine Kraft.
Von Sockentee, Verkleidungen und einem Sturm
Mumpelmoff lebt in einem alten, zugigen Schloss, genauer gesagt im obersten Turmzimmer, wo es einsam und ein bisschen melancholisch zugeht. Sein einziger Gefährte ist „Luftballon Kleinmeins“, ein stiller Freund, der die Nachtgespräche tapfer erträgt. Um die Langeweile zu vertreiben, erfindet Mumpelmoff allerlei Schrullen: er braut Sockentee, näht Froschstrümpfe und knabbert an „Schmausgeschmecken“, sprich: Vorhängen.
Doch eines Nachts sieht er eine kleine Eulenprinzessin auf einem Baum. Der Entschluss ist gefasst: Er muss hinaus, er muss Freundschaft schließen. Leider hat die Prinzessin ihre Vorstellungen, und die sehen keine plüschigen Rundgestalten vor – eher hellblaue Einhörner oder bunte Schmetterlinge. Also verkleidet sich Mumpelmoff unermüdlich, flattert und posiert, doch die Prinzessin nimmt Reißaus. Erst als ein Sturm nicht nur die kleine Eule, sondern auch seinen treuen Ballon davonträgt, wird klar: Nur ein Wunder kann jetzt noch helfen. Und Wunder, das ist die eigentliche Pointe des Buches, geschehen nicht trotz unserer Eigenheiten, sondern gerade wegen ihnen.
Mut zum Anderssein
Bo Starkers Erzählung wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Märchen – Mottenwesen, Prinzessin, Sturm und Schloss. Doch ihre eigentliche Botschaft liegt tiefer: „Du bist genau richtig, wie du bist“.
In einer Zeit, in der Kinderbücher immer stärker Diversität und Empowerment thematisieren, geht Starker einen besonderen Weg. Sie predigt keine Moral, sondern erzählt ein Abenteuer, in dem sich die Fragen von Identität, Freundschaft und Selbstannahme organisch entfalten. Mumpelmoff muss lernen, dass Verkleidung keine Nähe schafft. Damit knüpft das Buch an eine lange Tradition kinderliterarischer Figuren an, die ihren Wert erst im Anderssein entdecken: vom „Kleinen Ich bin ich“ von Mira Lobe bis hin zum „Kleinen Prinzen“.
Das Besondere hier: Es ist kein didaktisches „Du musst dich annehmen“, sondern ein spielerisches „Schau, am Ende klappt es gerade, weil du bist, wie du bist“.
Wenn Leben Märchen schreibt
Die Authentizität des Buches ist kein Zufall, sondern biografisch verwurzelt. Bo Starker schrieb Mumpelmoff, inspiriert von ihrem Sohn Raphael, der mit Hemiparese und Autismus lebt. Als er auf dem Spielplatz gehänselt wurde, fragte er seine Mutter: „Bin ich behindert?“ Starker fand keine Worte – bis ihr eine Motte begegnete, die Löcher in die Strickjacke fraß und doch im Abendlicht wunderschön schimmerte.
Aus diesem Moment entstand die Figur Mumpelmoff. Kein pädagogisches Projekt, sondern eine literarische Antwort auf eine kindliche Frage. Ein Beispiel dafür, wie existenzielle Verletzlichkeit in poetische Bilder verwandelt werden kann.
Handgemalte Welten gegen die Glätte der KI
140 Illustrationen schmücken das Buch, alle von Hand gezeichnet, farbig, detailreich. Starker malt nicht digital, sondern mit Pinsel und echter Farbe – ein Bekenntnis zur Materialität in einer Zeit, in der viele Kinderbücher zunehmend glatte, algorithmische Ästhetik zeigen.
Die Bilder erinnern in ihrer detailreichen Fülle an Rotraut Susanne Berner, gleichzeitig tragen sie eine nostalgische Note, die eher Lisbeth Zwerger nahekommt. Dass Starker auch Puppenhäuser baut, merkt man sofort: Räume, Vorhänge, kleine Möbel – all das wirkt wie Miniaturen, die lebendig geworden sind.
Das Buch ist somit nicht nur Text, sondern auch visuelles Erlebnis. Kinder werden darin blättern, als wäre jede Seite ein kleines Wimmelbild; Erwachsene spüren die malerische Handschrift, die dem Ganzen eine fast intime Qualität verleiht.
Hörbuch: Rufus Beck und die magische Motte
Man könnte sagen, es ist eine glückliche Fügung – oder, passend zum Thema: ein Wunder –, dass Rufus Beck das Hörbuch spricht. Der Schauspieler, bekannt als Stimme einer ganzen Harry-Potter-Generation, stolperte zufällig in Bo Starkers Atelier. Dort sah er die Illustrationen, fragte nach dem Manuskript und versprach: Wenn das einmal veröffentlicht wird, liest er es ein. 2025 ist es so weit – er hält Wort.
Damit bekommt die kleine Motte eine große Stimme, und die Leserschaft darf sich auf ein Hörerlebnis freuen, das der Geschichte zusätzliche Tiefe verleiht.
Zwischen Trostbuch und Abenteuer
Mumpelmoff überzeugt vor allem durch seine Vielschichtigkeit: Es ist einerseits ein zartes Trostbuch für Kinder, die sich anders fühlen. Andererseits ein humorvolles Abenteuer mit skurrilen Ideen (Sockentee dürfte in manchen Kinderzimmern Kultpotenzial entwickeln).
Kritisch könnte man einwenden, dass die Geschichte stellenweise sehr behutsam erzählt ist, fast zu sanft für eine Welt, die Kinderbücher gern laut und schrill konsumiert. Doch genau hier liegt ihr Gegenentwurf: Kein pädagogischer Hammer, kein hyperaktiver Plot, sondern ein stiller Kosmos, der Kinder in ihrer eigenen Wahrnehmung ernst nimmt.
Ironisch betrachtet könnte man sagen: Erwachsene lesen darin über Selbstannahme, Kinder dagegen freuen sich vor allem über einen plüschigen Mottenfreund mit Froschstrümpfen. Beides darf nebeneinanderstehen – und macht den Reiz des Buches aus.
Ein Wunder in leisen Tönen
Bo Starkers Mumpelmoff und das Wunder am Schloss ist ein Kinderbuch, das seine Stärke nicht in Lautstärke, sondern in Echtheit findet. Es ist gleichzeitig poetisches Märchen, biografische Spurensuche und visuelles Erlebnis. Es schenkt Kindern Mut, sich selbst zu sein, und Eltern eine Geschichte, die Trost und Humor verbindet.
Das Buch empfiehlt sich nicht nur zum Vorlesen, sondern auch für Gespräche über Freundschaft, Anderssein und innere Stärke. Und es zeigt, dass wahre Wunder nicht in Spektakel, sondern in stillen Begegnungen geschehen.
Über die Autorin Bo Starker
Bo Starker, geboren in Dresden, ist freiberufliche Künstlerin. Bekannt wurde sie durch Porträts und detailreiche Puppenhäuser, die sie selbst entwirft und baut. Mit Mumpelmoff legt sie ihr Debüt als Autorin und Illustratorin vor. Heute lebt sie mit ihren Kindern, einem Mops, zwei Katzen und drei Zwergschafen auf einem Hof am Rand der Alpen.
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