Am 20. Juni 2025 gab Bayerns Kunstminister Markus Blume in München bekannt, was Fachwelt und Lesepublikum kaum überraschte – aber umso mehr erfreute: Christine Wunnicke erhält den Jean-Paul-Preis 2025. Der Freistaat Bayern würdigt damit das Gesamtwerk einer Autorin, die wie kaum eine andere historischen Stoffen eine neue, fast spröde Poesie abringt. Die Auszeichnung ist mit 20.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre vergeben. Die feierliche Verleihung findet am 11. Juli im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth statt – einem durchaus angemessenen Ort für eine Schriftstellerin, die aus der Zeit heraus schreibt, aber nie rückwärtsgewandt.
„Eine Stimme für sich“ – Der Tonfall als Markenzeichen
Blume fand ungewöhnlich klare Worte für die Preisvergabe: Wunnicke sei „keine Stimme unter vielen – sie ist eine Stimme für sich“. Tatsächlich ist ihr Werk so konsequent eigensinnig wie elegant. Ihre Sprache: lakonisch, aber nicht trocken. Ihre Form: reduziert, aber nie schlicht. Ihre Romane scheinen die literarische Entsprechung eines Kupferstichs zu sein – präzise, feingliedrig und mit einer Tiefe, die sich erst im Nachblick entfaltet.
Was Wunnicke von der Vielzahl historisch schreibender Autorinnen unterscheidet, ist nicht nur ihr Ton, sondern die Art der Perspektive. Sie schreibt nicht über Geschichte, sie schreibt aus ihr heraus – ohne Pathos, aber mit einer stillen Ironie, die um die Absurditen menschlicher Wissbegierde weiß.
Figuren aus den Rändern der Geschichte – und der Literatur
Die Jury hebt Wunnickes Fähigkeit hervor, „historische Momentaufnahmen zum kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Bild auf[zu]spannen“. In der Tat betreibt sie eine Form literarischer Archäologie, die weniger an große Namen glaubt als an merkwürdige Lebensläufe. Ob Carsten Niebuhr in Die Dame mit der bemalten Hand, das viktorianische Medium Katie, der Psychoanalyse-Pionier Dr. Shimamura oder – jüngst – die französische Anatomin Marie Biheron: Wunnicke zieht Figuren ins literarische Licht, die in der Geschichtsschreibung meist nur als Fußnoten existieren. Ihre Romane sind durchdrungen von einem subtilen Spiel mit Tragik und Komik, Geist und Geistern – nie laut, aber stets eigensinnig.
Form als Haltung – Der Miniaturroman als Kunstform
Dass ihre Bücher meist schmal sind, ist kein Nebeneffekt, sondern Programm. Wunnicke hat, so Blume, „ein ganz eigenes Format des Miniaturromans entwickelt“. Eine Form, in der sie mit „verblüffendem Detail“ arbeitet, ohne auszuufern. Die Jury spricht von einer „Textökonomie“, die stets in Spannung zur Fülle des historischen Materials steht. Wunnickes Kunst besteht genau darin: das Weglassen zur literarischen Geste zu machen, ohne dem Stoff Gewalt anzutun.
Preise, Nominierungen und die leise Beharrlichkeit
Wunnickes Werk wurde in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewürdigt: Der Tukan-Preis für Serenity, der Franz-Hessel-Preis für Der Fuchs und Dr. Shimamura, der Wilhelm-Raabe-Preis für Die Dame mit der bemalten Hand, der Münchner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Und doch wirkt sie nie wie eine Figur des Literaturbetriebs, sondern eher wie jemand, der aus der Randsituation heraus souverän operiert – was zur stillen Beharrlichkeit ihrer Texte passt.
Eine Auszeichnung mit Tradition – und eine würdige Trägerin
Der Jean-Paul-Preis, benannt nach dem romantischen Eigensinnigen aus Wunsiedel, ging in der Vergangenheit an Autorinnen und Autoren wie Friedrich Dürrenmatt, Botho Strauß, Brigitte Kronauer oder Petra Morsbach. Dass nun Christine Wunnicke in diese Reihe aufgenommen wird, ist weniger eine Überraschung als eine notwendige Ergänzung.
Ihre Prosa ist „phantastisch-fabulös“, wie die Jury schreibt – ein Werk, das sich mit feiner Subversion und großem Wissen der literarischen Mode entzieht. Eine Auszeichnung, die kein Trend ist, sondern eine Entscheidung für Qualität – im besten Sinne des Wortes altmodisch.
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