Franka Zozoma:Familengefühl, leben das ist und sonst so

Vorlesen


Es war einmal ein kleines Mädchen. Sie fuhr mit ihrem Vater nach England in eine dunkle Wohnung. Der Vater hatte etwas mit einer alten Frau zu besprechen und das kleine Mädchen saß mit dem alten Mann in der dunklen Küche und sie spielten Karten. Das kleine Mädchen konnte kein Englisch, außer Zahl- und Farbwörter. Und so saßen sie tagelang da und verständigten sich in knappen Sätzen, wie „Oh, blue!“, oder „One!“. Dann reisten das kleine Mädchen und der Vater wieder ab und hin und wieder dachte das kleine Mädchen noch an den alten Mann.

Viele Jahre fuhren das kleine Mädchen und ihr Papa nirgendwo mehr hin. Der Papa arbeitete. Er schrieb und spielte Theater und fürchtete sich vor der Mutter. Als das Mädchen schon eine junge Frau war, reisten der Papa und sie nach Paris. Die junge Frau, sie nannte sich Zozo, erinnerte sich an den alten Mann. Er war Tischler gewesen und hatte geschnitzt. Es gab ihn und die alte Frau nicht mehr. Aber den Vater, den gab es noch und darüber war das kleine Mädchen, die junge Frau, Zozo glücklich.

Der Vater schrieb in sein Heft, blickte auf und lächelte seine Tochter an. Seine Tochter lächelte zurück und las weiter ihr Buch. Vater und Tochter schauten auch oft aus dem Fenster. Die vorrüberziehende Landschaft machte ihnen Freude.

Wer sind dieser Vater und diese Tochter? Sie sind Schreiber, sie sind Leser und sie lieben die Mutter und den Sohn. Aber sie fürchten sich auch vor ihnen, sie sind so laut.

Das kleine Mädchen war sehr schlau. Sie las von früh bis spät, immer steckte ihre Nase in Büchern. Als sie älter wurde, schloss sie viele Freundschaften und investierte viel in die zart geknüpften Bande. Doch wenn immer sie Zeit für sich hatte, kehrte sie zurück zu den Büchern, Sie las Tolstoi, Murakami, Oteri und Funke. Hustvedt, Kennedy, Bachmann, Murail und Tartt. Russisch, japanisch, spanisch, deutsch, amerikanisches englisch. Britisches englisch, österreichisch, französisch. Nicht alle dieser Sprachen beherrschte sie. Französisch lernte sie in Schule und Universität, wie auch Englisch. Österreichisch war ihre Muttersprache, Deutsch ihre Vatersprache. Von ihrer Mutter hatte sie ein kleines bisschen Russisch gelernt, und von ihrem Vater ein paar spanische Wörter. Eine Freundin von ihr sprach Japanisch und eine andere amerikanisches Englsich. Verbindungen bestanden also. Die Sprachräume faszinierten sie in einer Zeit in der sie gerade zur Frau wurde. Sie studierte an der städtischen Universität, und beschäftigte sich jeden Tag mit Literatur. Einmal im Monat schrieben sie und ihre japanische Freundin sich Briefe, und die amerikanische Freundin und sie telfonierten. Männliche Freunde hatte sie keine. Sie wollte keinen Sex, nicht einmal aufs Küssen hatte sie Lust. Und manchmal wenn sie sich in neue Frauenbekannschaften verliebte, wusste nicht wie sie kommunzieren sollte, dass sie nicht mit ihnen schlafen wollte, ja nicht einmal küssen wolte, wenn es nach ihr ging.

So also lebte die junge Frau so vor sich hin, wenn sie aufstand aß sie etwas, einen Apfel, Hafer oder Suppe von gestern. Oft war sie müde in der früh, drehte sich noch eine Weile im Bett, sah auf ihr Handy und hing ihren Gedanken nach. Einmal aufgestanden, packte sie ihren Rucksack, zog sich zwischen einigen Handgriffen um, wusch sich das Geschicht, putzte die Zähne und zog sich abschließend die Schuhe an, schnappte sich den Rucksack, und schloss die Wohnung hinter sich zu. Die Universität fiel ihr leicht, sie las viel, lernte viel, schrieb viel, traf sich dabei mit Freundinnen und machte lange Pausen.

Manchmal machte sie Sport, fuhr ins Schwimmbad oder ging den Hügel am Ende ihrer Straße hinauf. Am liebsten besuchte sie am Wochenende das Fitnessstudio und verbrachte einige Stunden dort, laufend und Gewichte hebend.

Sie aß mittags in einem kleinen Bioladen im Stadtzentrum, mit familiärer Atmosphäre. Dort traf sie eines Tages den Jungen am Skateboard. Er saß am Thresen genau wie sie und sprach mit der älteren Frau, die im Bioladen arbeitete, über Körpergröße. Die Frau meinte er solle groß und stark werden und viel essen, aber er sagte, er glaube, er sei schon ausgewachsen. Die junge Frau musste lächeln und der Junge sprach sie an und fragte sie ob sie noch wachsen wolle. Und so lernten sie sich kennen. Denn ein paar Tage später fuhr der Junge auf seinem Skateboard an der jungen Frau vorbei, die gerade Richtung Straßenbahn eilte. Sie unterhielten sich ein bisschen, denn sie mussten in die gleiche Richtung und zum Abschied sagte die junge Frau, „ich glaub wir sehen uns wieder.“ Der Junge sah sie fragend an und sagte „na dann bis bald, junge Frau“ und die Sonne ging unter.

Abends kochte die junge Frau Tee und malte. Dann duschte sie und ging ins Bett. Sie träumte, jede Nacht. Morgens schrieb sie die Träume auf, wenn sie sich erinnerte. Das Mädchen schreit, „ich will, Ich Will, ICH WILL“, die Mutter nickt, der Vater schaut weg, der Bruder kreischt. Die Mutter nimmt das Mädchen in den Arm, der Vater nimmt das Mädchen in dem Arm, der Bruder kreischt. Die Mutter sagt sie will eine Familie. Der Vater möchte lieber alleine sein. Das kleine Mädchen fragt, möchte ich überhaupt sein? Das kleine Brüderchen kuschelt sich an das Mädchen und die junge Frau wacht auf.

Alle glücklichen Familien sind gleich, ünglückliche Familien aber sind einzigartig. So meint Tolstoi. Ich bin mir nicht sicher ob das stimmt, aber ich lese gern Tolstoi. Es hat eine beruhigende Wirkung auf mich in seinen Büchern zu schmökern, insbesondere in Anna Karenina. Mit Humor und Leichtigkeit werden innerfamiliäre Dynamiken in all ihrer Tragik aufs Korn genommen und es macht mir Mut mich dem gesellschaftlichen Leben zu stellen, ich denke mir „es ist was es ist“ und denke dabei an Erich Fried.

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