Olaf Zeidler: Wintermärchen in der Fassung von 1990

Vorlesen

Es war einmal ein liebes Kind, das machte alles recht geschwind sehr artig und
fast ungefragt, so wie die Eltern streng gesagt. Zu Großmut wurd` es oft
verdammt und schlicht das „gute Volk“ genannt. Bis eines düst`ren Tages
dann zur Abendstunde laut begann, das Kind zu schrein` als wär es krank, die Mutter
an – ganz ohne Dank. Sie wurde auch – wer hat`s erkannt – recht ehrfürchtig
„Partei“ genannt. Der Vater wollte nicht verzagen, dem Kind ganz laut die
Meinung „sagen“. Doch Mutter hielt ihn schlau zurück: „Bei Wut bringt das sehr
wenig Glück.“ So hielt der Mann sich an den Rat – man nannte ihn auch ängstlich „Staat“. Die Eltern in dem Kämmerlein, beschlossen kurz ne` „Wende“
– fein. Bevor das Kind war hell und wach und hätt` gemacht erst richtig Krach,
man holte schnell die Schlüssel vor und stieß ihm auf das große Tor. Als
staunend es die Welt beschaut, wurd` mancher Ärger abgebaut. Man hatte Zeit
und konnt` in Ruh verstecken das was in der Truh` bewiesen hätt`- wie
unbedacht – der Eltern böse Machenschaft.

Und heute?

Zwölf Jahre gab`s den D-Markschein, dann kam das schöne Eurolein. „Oh Kind –
was hat es dir gebracht? Sind jetzt die Richt´gen an der Macht?“…


Gefällt mir
1
 

Weitere Freie Texte

lesering
Freie Texte

Nachdenken einer vernachlässigten Sache

Hegel würde sagen: Ihr habt die Dialektik angehalten. Arendt würde sagen: Ihr habt den Raum zerstört, in dem Wahrheit erscheinen kann. Zwischen diesen beiden Sätzen liegt keine historische Distanz, sondern eine präzise Diagnose der Gegenwart. Denn was heute als wissenschaftlicher Konsens, evidenzbasierte Politik oder alternativlose Sachlogik firmiert, ist weniger Ausdruck gewonnener Erkenntnis als Ergebnis einer epistemischen Stillstellung. Wahrheit wird nicht mehr gesucht, sondern verwaltet; ...
Freie Texte

Horaffe: Ein Land

„Wer kennt das Land, in dem die Menschen in der Gegenwart die Vergangenheit vermissen, um positiv in die Zukunft blicken zu können“. Ein Volk, vereint in Kraft und Glauben an seine Stärke, kann niemand ihre Überzeugung an das Gute im Menschen rauben. Versuchen auch finstere Mächte, dies zu untergraben, sie werden sich damit nur selber schaden. Fleißige Hände erschaffen Tag und Nacht eine blühende Landschaft. Gesundes Essen, gesunde Tiere gibt es nur durch die Arbeit einer Gemeinschaft. ...
Freie Texte

Geschichte: Dilara Sophie Schömer

Eilig rannte ich durch das hohe Gras. Es war schon Nachmittag, bald würde die Sonne untergehen. Doch jetzt strahlte diese noch hell genug, dass ich die Landschaft unter mir sah und nicht hinfiel. Als ich jedoch das Feld hinter mir gelassen hatte und in den dichten Wald rannte, wurde es schlagartig dunkel und man sah nur wenig vom Boden, woraufhin ich auf jeden meiner schnellen Schritte achtete, nicht auszurutschen. Doch das war ziemlich schwer, denn gleichzeitig schaute ich regelmäßig nach ...
Freie Texte

Lächelndes Mädchen: Pia Reichstein

Das Lächelnde Mädchen siehst du in mir, Aber wenn ich ihn den Spiegel schaue sehe ich nur die Fehler an mir. Die unproportionale Nase,der Körper der nicht richtig ins Bild passen will ,die Daumen die ich täglich verstecke. Das alles was du nicht siehst, weil du siehst nur das lächelnde Mädchen in mir. Das das glücklich und zufrieden ist. Das das selbstbewusst wirkt. Aber das das bin nicht. v Den hinter dieser Maske da ist ein zerbrechliches, verletztes Mädchen was sich Abends in den Schlaf weint ...

Aktuelles