Jenny Erpenbeck, eine Berliner Autorin, feiert derzeit internationale Erfolge, insbesondere in der englischsprachigen Welt. Ihr Roman "Kairos" wurde für den renommierten International Booker Prize nominiert, was ihr große internationale Anerkennung eingebracht hat von der "New York Times“ wird Erpenbeck als mögliche künftige Nobelpreisträgerin gehandelt.
Der Roman "Kairos" erzählt die Geschichte einer komplexen und kontroversen Liebesbeziehung zwischen der 19-jährigen Katharina und dem 53-jährigen Hans. Hans, geboren 1933, beschreibt sich selbst als einst begeisterten kleinen Nazi. Katharina, die 1967 zur Welt kam, wie auch die Autorin selbst, trifft Hans in den letzten Jahren der DDR.
Katharina bewundert Hans zutiefst. Er bringt zahlreiche Anregungen und Ideen über Kunst in ihr junges Leben, und ihre Liebe zu ihm gibt ihr das Gefühl, im Erwachsenenleben angekommen zu sein. Die Beziehung erfährt jedoch eine dramatische Wendung, als Hans herausfindet, dass Katharina eine Nacht mit einem jüngeren Mann verbracht hat. Er macht sie für die Belastung ihrer Beziehung verantwortlich, obwohl er selbst verheiratet ist und nicht bereit ist, seine Frau für Katharina zu verlassen.
Hans instrumentalisiert Katharinas vermeintliche Schuld, indem er sie dazu zwingt, ihre Schuld "abzuarbeiten" und dadurch die Beziehung zu ihm zu verlängern.
Jenny Erpenbeck beschreibt diesen Prozess als besonders schmerzhaft für Katharina, da sie sich nicht nur gegenüber Hans, sondern auch gegenüber sich selbst rechtfertigen muss. Dies führt zu einem tiefen inneren Konflikt, aus dem Katharina nur schwer herauskommt.
Parallel zu dieser privaten Beziehung zieht Erpenbeck Verbindungen zur Situation in der DDR. Der Staat hatte eine eigene "Kunstsprache" entwickelt, die oft das Lesen zwischen den Zeilen erforderte und die Bürger dazu zwang, ständig zu hinterfragen, was Lüge und was Wahrheit ist. Diese Doppelbödigkeit der Sprache sieht Erpenbeck als Parallele zwischen dem privaten und dem politischen Niedergang.
Rezeption im In- und Ausland
Die unterschiedliche Rezeption von Jenny Erpenbecks Werk in Deutschland und im englischsprachigen Ausland kann als Sinnbild für die nicht homogene Gesellschaft zwischen Ost und West betrachtet werden. Erpenbeck, die ihre Kindheit und Jugend in der DDR verbrachte und nach dem Mauerfall ihre Ausbildung im wiedervereinten Deutschland fortsetzte, verkörpert eine Generation, die tief im System der DDR sozialisiert wurde, aber gleichzeitig früh die Transformation in das neue westlich geprägte System erlebte. Diese einzigartige Perspektive ermöglicht es ihr, die Entwicklungen und Veränderungen nach 1989 aus einem differenzierten Blickwinkel zu betrachten.
Erpenbecks Roman "Kairos", der eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des untergehenden DDR-Regimes erzählt, stößt in den USA und Großbritannien auf großes Interesse. Dies lässt sich auf die dortige Suche nach Alternativen zum Kapitalismus und die Neugier auf das Scheitern der DDR zurückführen. In diesen Ländern wird die Geschichte der DDR oft als faszinierendes historisches Phänomen betrachtet, ohne die emotionale und persönliche Last, die viele Deutsche mit dem Thema verbinden.
Erpenbecks Perspektive als „Wandlerin zwischen den Systemen“
In Deutschland hingegen scheint das Interesse an Erpenbecks Werk aufgrund der historischen und kulturellen Prägungen vieler Leser differenziert zu sein. Für Ostdeutsche, die ebenfalls im System der DDR sozialisiert wurden, mag das Thema zu nah und emotional belastet sein. Gleichzeitig haben viele Westdeutsche möglicherweise eine weniger intensive Beziehung zu den Erfahrungen und Herausforderungen des Lebens in der DDR. Diese Unterschiede in der Rezeption könnten auf die unterschiedlichen Sozialisationsprozesse und historischen Erfahrungen zurückgeführt werden.
Erpenbeck selbst gehört zu einer Generation, die durch ihre Kindheit und Jugend in der DDR geprägt wurde. Das ermöglicht ihr einen klaren Blick auf die Veränderungen, die 1989 sowohl in der DDR als auch in der BRD stattfanden. Sie konnte beobachten, was verschwand, was zusammenwuchs und wie sich die Gesellschaften veränderten. Westdeutsche junge Menschen, die sich in einem kontinuierlicheren gesellschaftlichen Umfeld bewegten, konnten diesen tiefen Bruch und die damit verbundenen schnellen Veränderungen nicht in gleicher Weise erfahren und reflektieren.
Die Transformation, die Ostdeutsche nach 1989 erlebten, war tiefgreifend und rasant, während die Veränderungen in Westdeutschland gradueller und weniger disruptiv waren. Diese unterschiedlichen Erfahrungen prägen bis heute die Wahrnehmung und das Verständnis der jüngeren deutschen Geschichte und beeinflussen auch, wie Literatur, die sich mit diesen Themen auseinandersetzt, rezipiert wird.
Der Roman "Kairos" von Jenny Erpenbeck erschien am 30. August 2021 im Penguin Verlag.
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