Fachkräftemangel Seite 2

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"Wir Erwachsenen haben immer Recht."– die moderne und plumpe Interpretation des vierten Gebotes: "Du sollt Vater und Mutter ehren!". Ein tief verankerter Glaubenssatz, der in sich selbst ein ganz eigenes, fatales Problem darstellt.

Also gehorcht das Kind und akzeptiert: Das Studium ist richtig; die Ausbildungen können die Anderen machen. Der Weg zum Gymnasium ist bereitet und kurze Zeit später sitzt das Kind inmitten vieler anderer Kinder, die die großen Erwartungen ihrer Eltern zu erfüllen hoffen. Die Lehrer, die Generationsgenossen unserer Eltern, ja oft sogar selber Eltern wissen natürlich auch, dass das Studium der einzig wirklich richtige Weg ist. Sie würden selbstverständlich nie vor den Schülern die Ausbildungsberufe diskreditieren, denn auch diese haben ihren Platz in der Gesellschaft; aber das Gymnasium dient dazu, die Kinder zu wirklichem Erfolg zu führen und da die Lehrer der verlängerte Arm der Eltern – Erwachsene! – sind, haben sie Recht.

Doch im weiteren Verlauf der Schullaufbahn muss das Kind sich entscheiden, worauf es sich spezialisieren möchte. Es muss sich festlegen, wie seine zukünftige berufliche Laufbahn und somit sein Leben auszusehen hat. Plötzlich ist es gefordert, dass sich ein junger Mensch, der nie maßgebliche Entscheidungsgewalt hatte und über den seit jeher Bestimmt wird, eine Reihe von Entscheidungen trifft, die sein Leben formen sollen. Einfach so. Als wäre es das natürlichste und einfachste der Welt. Die naheliegende Entscheidung? Das, was die Eltern wollen. Wer an dieser Stelle nicht der Rebellion zum Opfer fällt, wird gefügig. SoWi-Leistungskurs und Debattierclub, also! Schließlich ruft die Politik und falls das nichts wird, kann man immer noch BWL studieren, Betriebswirte sind schließlich gefragter denn je!

Doch es fühlt sich nicht richtig an. Der Lernstoff scheint ein unwegsamer Dschungel zu sein und die Begeisterung für staatliche Gewaltenteilung und für Statistik bleiben aus. Die Noten sausen in den Keller und der Frust steigt – sowohl beim Kind als auch bei den Eltern. Wie kann man nur seine Zukunft so aufs Spiel setzen? Ist es denn wirklich so schwer, sich auf seinen Hosenboden zu setzen und zu lernen? In Kunst und Englisch scheint es doch zu klappen! Selbstzweifel kommen als erstes. Dann der Zweifel an der Schule und schließlich, an den Eltern. Vermutlich war das Studium der Politikwissenschaften doch nicht das, wofür das junge Herz schlägt? Dafür macht die Malerei im Kunstunterricht oder das Analysieren von Kafkas Werken in Deutsch umso mehr Spaß. Sei’s drum, der Weg ist beschritten worden und was man anfängt, das zieht man auch durch. Eine weitere Maxime vergangener Generationen, die sicherlich in schwierigen Zeiten ihren nutzen hatte; doch nun, da Selbstverwirklichung als höchstes Ziel unserer Generation auf vermeintlich unbegrenzte Möglichkeiten trifft, ist sie womöglich die größte Einschränkung, die ein junger, neugieriger Verstand erfahren kann.

Jetzt ist der Weg gegangen worden und führt den nun jungen Erwachsenen zur Universität. Selbst jetzt noch kann fast jeder studieren, sofern das Abitur erreicht wurde. Numerus Clausus erreicht? Fantastisch! Nicht? Irgendwo im Ausland lässt sich auch ohne NC der passende Studiengang belegen. Taugt das Kind nichts als Student im herkömmlichen Hörsaal? Eine Privat-Uni wird es richten, schließlich wird den besonderen Kindern dort auch eine besondere Behandlung zuteil. Das Geld dafür lässt sich schon auftreiben, wenn nicht aus der eigenen Tasche, dann über einen Kredit. Abschluss um jeden Preis. Die Leidenschaften und vor Allem Fähigkeiten der Schüler spielen im Vergleich zur Kaufkraft der Eltern und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung keine Rolle. David, darf ich Vorstellen: Goliath.



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