Filmporträt "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit": Weniger Genie als Akteur

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Am 6. Oktober startete der Film "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit" in den deutschen Kinos. Der Dokumentarfilm bietet Einblicke in das Leben und Schaffen des Schweizer Bestsellerautors, dessen bisheriges Oeuvre sich als erfrischend unvorhersehbar und doch immer wieder stark exaltiert erweist. Zu einer Art Porträt wird der Film dort, wo klar wird, das "Einblicke in Leben und Schaffen" stets nur Phrase bleiben kann.

Stellt man einen Schriftsteller vor die Kamera, kann das schnell nach hinten losgehen. Die Figur, die Leserinnen und Leser hinter den von ihnen heiß geliebten Geschichten vermuten, wird plötzlich enttarnt; ins scharfe Licht der Alltäglichkeit, in die reale Welt gesetzt. So kann schnell ein Moment der Entzauberung einsetzen, wie man ihn ab und an sogar bei Lesungen erlebt. Gut bedient ist man als Filmemacher daher dort, wo die zu Filmprotagonisten umzutaufenden SchriftstellerInnen als Persönlichkeiten bereits selbst eine Art Geschichte, ein Mythos, einen Witz mitbringen. Das funktionierte wunderbar in Corinna Belz´ Peter-Handke-Film "Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte". Auch Belz´ Film über den Maler Gerhard Richter - "Painting" - gehört in die Reihe der gelungenen Filmporträts. Nun versucht sich der Regisseur André Schäfers an den Schweizer Schriftsteller Martin Suter. Der Titel des Film: "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit" ist dabei programmatischer, als man zunächst annehmen mag. Denn wie so oft ist auch hier das Relevante nicht zu sehen.

Weniger Genie als Akteur

Während Corinna Belz in ihren Handke- und Richter-Porträts die Position der stillen Beobachterin eingenommen hatte, um die in ihren Prozessen versunkenen Meister in einem Moment der Vertiefung, der Radikalität, des Scheiterns oder der Unterbrechung erwischen zu können, wählt André Schäfer einen anderen Weg. "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit" ist wesentlich stärker konstruiert, stärker auf das Endprodukt, auf das zu lesende Werk, auf die Romane gerichtet, weniger auf den Prozess der Entstehung, wie wir es bei Belz zu sehen bekamen. Damit haben wir es hier auch mit weitaus weniger "Genie" zu tun. Suter, das begreifen wir schnell, funktioniert als Akteur innerhalb eines Betriebes. Und er funktioniert gut.

Der Schweizer Autor durchquert den Film als der Schöpfer seiner Figuren. Das bedeutet, dass wir anhand von Suters Aktivitäten und Wege seine Protagonisten ausfindig machen können; Protagonisten, die ihm vorausgingen oder nachhingen. Dazu gibt es von Andreas Fröhlich - unter anderem bekannt aus die "Drei ???" - recht unaufgeregt eingesprochene Szenen und Originalzitate aus den entsprechenden Büchern, wodurch Suters Erleben und Schreiben mit den Leseerlebnissen der Rezipienten zusammengebracht wird. Im Mittelpunkt steht also der Versuch, die Entstehung verschiedener Geschichten auf andere Weise - und mithilfe des Geschichtenerzählers als Akteur - erfahrbar zu machen.

Versuch über die Wahrheit

Flankiert wird dieser Versuch von verschiedenen Perspektiven aus dem Literaturbetrieb. So kommen unter anderem Suters Verleger, Schriftstellerkollegen und ein Literaturkritiker zu Wort, der kritisch mit dem Autor ins Gericht geht. Der Autor selbst wirkt unaufgeregt, mondän und gefasst. Die Aussagen aber, die wir von Suter zu hören bekommen, sind für die Gesamtkonstellation dieses Porträts konstitutiv. Die Phantasie stimme ja meistens mehr, als die Realität, stellt der Bestsellerautor an einer stelle fest. Dann: "Am fiktivsten sind meist die Biografien und noch mehr die Autobiografien". Aussagen, die den Filmtitel "Alles über Martin Suter. Außer die Wahrheit" nur folgerichtig erscheinen lassen.

Das Vexierspiel zwischen biografischer Abbildung und phantastischer Erzählung kann als Herzstück dieser Arbeit betrachtet werden. Martin Suter als Figur vor der Kamera auf der einen, als Ursprung der Figuren in seinen Romanen auf der anderen Seite. Gewissermaßen wird damit die alte Debatte um die Notwendigkeit der Trennung von Werk und Künstler angeschnitten. Diesem "Dokumentarfilm", der bereits im Titel die Möglichkeit einer "wahren" Abbildung dementiert, müsste man, um somit in der Logik dieses Projektes zu bleiben, mit dem Flaubert-Satz antworten: "Madame Bovary, das bin ich"

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