Interview mit dem Reisebuchautor Thomas Bauer "Richtig zufrieden können wir nur sein, wenn wir den Dingen Zeit einräumen"

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Er umrundete Frankreich auf einem Postrad, folgte der Donau in einem Paddelboot zum Schwarzen Meer, ging zweieinhalbtausend Kilometer auf Jakobswegen durch Europa und beobachtete im Himalaya einen der letzten Schneeleoparden - Der Reisebuchautor Thomas Bauer scheint unermüdlich. Wir haben ihn gefragt, wie sich das Reisen auf sein Schreiben auswirkt, welche Werke ihn besondern beeinflusst haben und ob er das Konzept Reisen von Kameras und Smartphones bedroht sieht...

Wir haben mit dem Reisebuchautor Thomas Bauer über Inspirationen, Literatur und das Reisen als Katalysator gesprochen. Foto: Thomas Bauer

Herr Bauer, wann sind Sie zum ersten Mal auf die Idee gekommen, die Sachen zu packen und auf Reisen zu gehen? Wann zog es Sie in die Welt?

Mit 16 bin ich gemeinsam mit einem Kumpel per Interrail durch Italien und Großbritannien gezogen. Ich weiß noch, dass wir zum ersten Mal ein überwältigendes Gefühl von Freiheit spürten, aber auch schnell merkten, dass unsere Entscheidungen Konsequenzen nach sich zogen. Einmal hatten wir zum Beispiel keine Unterkunft gefunden. Also beschlossen wir, in einem Wald zu übernachten – bis die Stechmücken über uns herfielen. Eher keine so gute Idee …

Die Initialzündung für meine größeren Abenteuerreisen folgte nach dem Studium. Da wollte ich nicht gleich arbeiten, sondern erst noch etwas Außergewöhnliches erleben. Ich bin dann auf Jakobswegen 69 Tage lang durch Europa gegangen, von meiner Studienstadt Konstanz durch die Schweiz, Südfrankreich und Nordspanien bis an die galicische Westküste. Unterwegs habe ich Freunde und Gesprächspartner gefunden. Mein Buch, kurz vor dem „Jakobsweg-Hype“ veröffentlicht, erreichte bald die 6. Auflage. Da dachte ich: Abenteuer erleben und anschließend darüber schreiben – das ist es! Meine Eltern haben das zu Beginn noch unterstützt. Die konnten ja nicht ahnen, welche Ausmaße das dann annehmen würde!

Wie strukturieren Sie Ihre Reisen? Steht am Anfang ein ausgeklügelter Plan, oder spielt auch der Zufall eine wichtige Rolle? Kann man das abwägen?

Bevor ich aufbreche, lese ich viel: weniger Reiseführer, eher Reiseberichte und vor allem Romane und Erzählungen, die in den Gegenden spielen, die ich bereisen will. Erst dann erstelle ich meinen ausgeklügelten Plan – der in der Regel spätestens am dritten Reisetag über den Haufen geworfen wird! Das ist auch gut so: Indem ich ein Stückweit die Kontrolle abgebe, biete ich den Gegebenheiten die Chance, mich zu beeindrucken und bestenfalls zu überraschen.

Ich möchte mich nicht selbst einengen. Wenn es mir zum Beispiel irgendwo besonders gut gefällt oder ich interessante Menschen kennenlerne, will ich sagen können: Hier bleibe ich ein wenig länger. Zusammengefasst würde ich sagen: Der Plan gibt einen groben Rahmen vor; unterwegs aber öffne ich die Tür weit und hoffe, dass ein glücklicher Zufall eintritt. Bisher bin ich mit dieser Mischung eigentlich immer ganz gut gefahren.

Gab es Reiseliteratur, die Sie besonders inspiriert hat? Und wann haben Sie selbst damit begonnen, die Erlebnisse und Begegnungen auf Ihren Wegen schreibend festzuhalten?

Natürlich schaue ich mir genau an, was andere über Orte schreiben, die mich interessieren. Ryszard Kapuścińskis Reiseberichte sind aus meiner Sicht bislang unerreicht: So spannend und zugleich sachkundig und hintergründig kann nur er schreiben. Seinen Klassiker „Reisen mit Herodot“ habe ich mehrmals regelrecht verschlungen, ein tolles Buch. Roger Willemsens Sprachgewalt und Weitsicht sucht ihresgleichen. In seine Sätze kann man sich förmlich hineinkuscheln. Dann lese ich natürlich Abenteuergeschichten, zum Beispiel „Die Erfahrung der Welt“, die Nicolas Bouvier nach dem Verlust der Aufzeichnungen aus dem Gedächtnis niedergeschrieben hat. Oder auch Walter Bonattis Abenteuer, „Die weiße Odyssee“ von Nicolas Vanier und immer wieder gerne den „Atlas eines ängstlichen Mannes“ von Christoph Ransmayr.

Leider sind Frauen in diesem Bereich noch immer unterrepräsentiert; erst jetzt treten endlich immer mehr von ihnen in die Öffentlichkeit. Carmen Rohrbach erkundet seit vielen Jahren unermüdlich und unerschrocken die Welt – zu Fuß, per Pferd und auch per Esel. Ich mag ihre sympathische und unprätentiöse Art zu schreiben sehr gerne. Und wenn mir Leute immer wieder sagen, dass sie ja auch gerne so reisen würden wie ich, aber es leider nicht könnten, verweise ich manchmal auf Andreas Pröve, der als 23-Jähriger mit dem Motorrad verunglückte, seither im Rollstuhl sitzt und trotzdem die entlegensten Gegenden der Erde bereist.

Ich selbst schreibe, seit ich schreiben kann: Schon als Kind habe ich wilde Geschichten darüber verfasst, wie ich zum Beispiel die traurigen Adler aus dem heimischen Zoo befreien würde. Anfangs fasste ich meine Erlebnisse noch in Gedichten zusammen. Nach und nach bildete sich dann aber meine Art zu schreiben heraus: Im besten Fall lernen meine Leser ein Land, eine Gegend, einen Ort durch eine persönliche, spannende, gerne auch selbstironische Geschichte kennen. Unterwegs habe ich daher immer Stifte und einen Block dabei, mittlerweile auch ein Netbook.

Unsere westliche Welt scheint sich immer stärker auf das Ziel, weniger auf den Weg zu konzentrieren. Alles ist sofort zu haben, konsumiert, und schnell wieder vergessen. Sehen Sie das Konzept Reisen unter diesen Umständen in Gefahr? Manchmal hat man doch den Eindruck, Leute besuchen Orte nurmehr, um sich dort selbst zu fotografieren.

Ich glaube, dass es die „Konsumenten“ und Tagestouristen schon immer gegeben hat. Durch die sozialen Medien haben sie nur eine größere Echokammer gefunden. Dabei werden sie, wenn man genau hinschaut, an der Nase herumgeführt! Ich meine, am Ende des Lebens schauen wir ja nicht zurück und sagen: Damals hat mein Post 80 Likes bekommen, oder? Facebook & Co. haben es geschafft, eine Kunstwährung einzuführen, die außerhalb der sozialen Medien gar keine Rolle spielt. Denn ich kann ja nicht in einen Laden gehen und mir für die erhaltenen Likes ein Paar Socken kaufen. Wer auf sein Smartphone starrt, drückt aus, dass er in diesem Moment nicht ansprechbar ist. Mit seinen Gedanken ist er nicht hier, sondern anderswo.

Daneben gab es aber immer schon Menschen, die sich für ihre Umgebung interessieren. Das sind aus meiner Sicht natürlich vor allem die echten Reisenden, aber zum Beispiel auch Leute wie Timon Krause, der die Verhaltensweisen seiner Mitmenschen genau beobachtet und dadurch ein Gespür für sie entwickelt. Solche Menschen gehen ein Risiko ein, weil sie Dinge an sich heranlassen und damit einverstanden sind, dass ein Ort oder ein Mensch etwas mit ihnen macht. Vielleicht zeigt er ihnen einen Wesenszug, den sie selbst bislang gar nicht wahrgenommen haben. Wahrscheinlich überrascht es Sie nicht, wenn ich Ihnen sage, dass ich solche Menschen wahnsinnig sympathisch finde. Ich glaube nämlich, dass man belohnt wird, wenn man die Kontrolle ein Stückweit abgibt und Veränderungen zulässt: Meist erfährt man dann, dass man selbst über mehr Kraft verfügt, als man glaubte.

Wirklich wertvoll wird ein Ziel für uns erst dann, wenn wir kämpfen mussten, um dorthin zu gelangen. New Orleans habe ich erreicht, nachdem ich in einem Velomobil vier Wochen lang dem Mississippi gefolgt war. Im spanischen Finisterra kam ich nach 69-tägiger Wanderung an. In La Rochelle traf ich ein, nachdem ich Frankreich auf einem Postrad umrundet hatte. Da werden Glücksgefühle freigesetzt, wie sie jeder Mensch zumindest einmal erleben sollte! Richtig zufrieden können wir doch nur sein, wenn wir den Dingen Zeit einräumen – „den Dingen Zeit einräumen“, der neue Luxus! –, Zeit für ein gutes Gespräch, ein gutes Buch, für wertvolle Momente und ein gutes Leben.

Können Sie sagen, wie genau sich das Reisen auf ihr Schreiben auswirkt?

Es ist ein Katalysator. Der Perspektivwechsel setzt Kreativität frei. Menschen, die Dinge anders sehen als ich, sorgen für spannende Impulse und Einsichten. Es ist aber auch die Bewegung selbst, das Vorwärtskommen, Weiterkommen, das das Schreiben begünstigt. Im besten Fall löst es einen Flow aus.

Das klingt so, als wäre es Ihnen wichtig, allein zu Reisen.

Wo immer es möglich ist, bin ich allein unterwegs. Denn sobald ich mit Freunden zusammen bin, sprechen wir Deutsch und reden über Themen, die in Deutschland relevant sind. Genau davon will ich mich aber lösen; ich will ja ankommen in einem Land. Das heißt für mich, dass ich möglichst rasch herausfinden möchte, wie die Menschen dort „ticken“. Was bringt sie zum Lachen, was bereitet ihnen Sorge? Ich will darauf angewiesen sein, mit ihnen zu sprechen und ihren Alltag ein Stückweit kennenzulernen. Darum bin ich meistens zu Fuß, per Kajak oder in einem verrückten Fahrrad unterwegs – jedenfalls nicht in einem Auto oder einem klimatisierten Bus, der mich von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten bringt. Die besten Begegnungen und nachhaltigsten Erlebnisse habe ich in Kleinstdörfern und Bauernhöfen, in Bergfalten oder am Ufer von Flüssen gesammelt.

Gibt es Orte, an denen Sie sich stärker beziehungsweise weniger stark inspiriert fühlen? Welche Orte würden Sie gern noch einmal besuchen?

Ich mag Orte, an denen ich selbst entscheiden kann, wann ich auf Menschen zugehe und wann ich mich zurückziehe, um zu schreiben. In manchen Ländern, beispielsweise in Vietnam und Marokko, wird einem das nicht unbedingt leicht gemacht: Man hat dort jenseits des Hotelzimmers selten seine Ruhe.

Ich will sehr gerne noch einmal in die Arktis; das raue und ehrliche Leben dort hat es mir angetan. Indien ist ein Subkontinent, den man in einem einzigen Leben gar nicht kennenlernen kann! Und immer wieder Lateinamerika mit seiner Mischung aus Weltschmerz und Lebensfreude – Buenos Aires, die Anden, Ecuador und Mittelamerika.

Ich mag es, nachts von oben, zum Beispiel von einem Berg, auf eine Stadt zu blicken. Und ich liebe es, Flüssen zu folgen! Als ich im Kajak die Donau entlang zum Schwarzen Meer gepaddelt und per Fahrradrikscha an den Ufern des Mekong entlanggefahren bin, habe ich gespürt, wie viel Kraft von diesen Gewässern ausgeht. Zudem entsprechen sie natürlich meinem Wesen: Auch ich will ja immer weiter, immer in Bewegung sein, und am liebsten gleich nachschauen, welche Geheimnisse sich hinter der nächsten Biegung auftun!


Thomas Bauer ist Reisebuchautor und hat bereits eine Vielzahl an Büchern veröffentlicht, die seine Wege durch- und um die Welt nachvollziehen. Auf Lesering sind mit "Kanada. Begegnungen mit Waschbären und Weltstädten" und "Neugier auf die Welt. Warum es sich lohnt zu reisen" bereits zwei Texte Bauers erschienen.

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