Der Künstler und die Assassinin (Auszug)

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Patrick Wunsch
- 2 Seiten -

Der Meister schritt langsam auf und ab. »Niemand«, sagte er, »soll reich sein. Dafür sorgen wir. Die Ausdrücke auf den Gesichtern reichten von Verwunderung bis Verblüffung, aber jedem Einzelnen hatten sich die Mundwinkel nach oben gezogen. Was Mephisto sagte, war richtig und gut. Und wenn es gegen etwas war, umso besser!

»Es wird keine freundliche Erinnerung geben«, skandierte der Meister. »Wir versenden keine Briefchen, in denen auf die Überschreitung des Limits hingewiesen und der Empfänger in bürokratischen Floskeln gebeten wird, die überschüssigen Moneten bis zum soundsovielten des nächsten Monats wieder loszuwerden. Wir kümmern uns unverzüglich um das Problem. Machen unseren Job effizient.« Er lachte auf. »Das ist es doch, worauf Leute größten Wert legen, die gar nicht schnell genug noch reicher werden können.« Er wandte sich seinem gespannten Publikum zu. »Stellt euch vor«, sprach er verschwörerisch, »überall auf der Welt würde man unserem Beispiel folgen! Da würde sich das Gefälle zwischen Reichtum und Armut innerhalb kürzester Zeit geebnet haben, denn Furcht ist stärker als Gier. Und ich frage euch, warum sollte es nicht so kommen, wenn man sieht, dass es funktioniert?« Er beugte sich vor, die Hände zu Krallen erhoben. Ein schwarzes Schreckgespenst, das rief: »Wir sind die Avantgarde!«

»Wir sind die Avantgarde!«, wiederholten die Paladine.

Dann die Mädels darunter: »Wir sind die Avantgarde!«

Nach und nach stimmten alle mit ein. Ein Grölen und Lachen und Jauchzen erfüllte den Saal.

Der Meister hob die Hand und ließ wieder Ruhe einkehren. »Die Welt verändert sich jeden Tag ein bisschen«, sagte er. »Doch das menschliche Leben ist kurz und voller Leid. Man kann nicht auf den kontinuierlichen Wandel warten, zumal man oft nicht weiß, ob die Entwicklung überhaupt in die richtige Richtung geht. Wer nicht dem Glauben an ein Jenseits anheimgefallen ist, muss erkennen, dass radikale Umbrüche das Einzige sind, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ein besseres Leben für kommende Generationen zu schaffen, mag ein nobles Ziel sein, doch was nützt es, nobel zu sein, wenn niemand davon Notiz nimmt und es nicht auch einen unmittelbaren Vorteil bringt? Soziales Engagement und Dummheit liegen dicht beieinander.«

Zoe hatte einen Schritt zurück gemacht. Mephistos Worte klangen nicht falsch, nur zynisch, aber irgendwas an seinem Tonfall störte sie.

»Man muss herausstechen aus dem tosenden Meer reißerischer Themen, die um die Aufmerksamkeit des Lesers, des Zuschauers oder des Besuchers ringen. Anders geht es nicht.« Der Meister fuchtelte mit der Schere rum. »Wenn es einem revolutionären Gedanken nicht gelingt, in allen Köpfen gleichzeitig einen Funken zu zünden, wird es nichts mit der Feuersbrunst. Und ich sage euch: Mit weniger als einer Feuersbrunst braucht man es nicht zu versuchen, wenn man die Welt verändern will.«

»Leon Witt ist Millionär!«, rief jemand. »Ganz sicher!«

Der Meister wandte sich theatralisch um, ein schurkisches Grinsen auf dem Gesicht. »Was war das? Wer hat das gesagt?«

Es war Don, der zögerlich aufstand. »Leon Witt ist ein sehr erfolgreicher Künstler. Zeitungen und Magazine, Radio- und Fernsehsender, Blogger, Streamer, Podcaster, Influencer und so weiter – er ist allgegenwärtig. Wer so berühmt ist, muss auch reich sein.«

Das Auge des Meisters zuckte beim letzten Satz. Aber auf den Trugschluss ging er nicht ein. »Also töten wir den zuerst?«, fragte er suggestiv.

»Es muss ja medienwirksam geschehen«, sagte Don, »wenn sich viele andere ein Beispiel daran nehmen sollen. Über ein Attentat auf Leon Witt würde man ausführlich berichten.«

Der Meister stieg eine Stufe hinab, beugte sich vor. Übertrieben, wie ein Schauspieler auf der Bühne. Die Augenbrauen hochziehend, fragte er: »Und wie töten wir ihn?«

Don wandte sich zur Seite, verengte die Augen zu Schlitzen. »Hmmm«, machte er unter seinen schuppigen Zotteln.

Jemand rief: »Schießen wir ihm eine Ladung Schrot in die Fratze! Oder zwei!« Es war der pummelige Kain, der sich aufraffte und die Hand zur speckigen Faust ballte. »Dem Kerl soll das arrogante Grinsen vergehen!«

»Warum vergiften wir ihn nicht einfach?«, murmelte ein Mädel verhalten.

»Wir sollten ihn in einen Kerker sperren und uns ein bisschen vergnügen«, sagte einer mit dichtem Bart, den Zoe auf Ende zwanzig schätzte. »Da gibt es viele Möglichkeiten.«

»Nein!«, fuhr Mephisto ihn an. »Nein, nein, nein!« Er wandte sich hierhin und dorthin, schüttelte wild den Kopf und schnaubte wie ein Büffel. »Schusswaffen sind profan. Gift ist langweilig. Folter ist etwas für Psychopathen. Ihr Kretins! Medienwirksam, habe ich gesagt!« – Don hatte es gesagt – »Dramatisch! Wir wollen ein Exempel statuieren, über das jeder spricht – wegen des Opfers und der Methode.«

Es wurde still. Niemand hatte mehr einen Vorschlag.







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