Trümmerliteratur Heinrich Böll und die Spuren des Krieges

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Heinrich Böll gilt als einer der wichtigsten deutschen Nachkriegsautoren und Mitbegründer der sogenannten Trümmerliteratur. Im Zentrum seines Werkes stehen einfache Soldaten und Kriegsheimkehrer. Die Wirren nach 1945 verarbeitete Böll in etlichen Kurzgeschichten und Romanen. Bild: Marcel Antonisse / Anefo (Wikipedia)

Der Schriftsteller Heinrich Böll war einer der bekanntesten und prägendsten Autoren der sogenannten "Trümmerliteratur"; jener Epoche, deren Autoren es sich zur Aufgabe gemacht haben, die deutschsprachige Literatur nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges inhaltlich und formal neu auszurichten. In Bölls Frühwerk begegnet uns der einfache Soldat als Identifikationsfigur. Ein Anti-Held, in dem sich all die Kriegsheimkehrer wiederfanden, die nach 1945 auf die kalte und karge Gegenwart blickten.

"Ich habe es mir oft und lange, lange überlegt, ob ich nicht Offizier werden soll; es wäre so einfach; in wenigen Monaten schon könnte ich als Leutnant herumlaufen, da ich ja die nötige Dienstzeit auf dem Puckel habe ... aber ich will es nicht; nein, ich werde mir niemals mehr Gedanken darüber machen, ich will es nicht..." schreibt Heinrich Böll im Juli 1942 an seine Mutter. Zu dieser Zeit ist er als Wehrmachtssoldat in Frankreich stationiert, wo er vorrangig als Dolmetscher für die deutsche Besatzungsmacht arbeitet. Bis April 1945 wird Böll Soldat bleiben, bis zu jenem Tag, an dem man ihn aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlässt. Sechs Jahre Krieg liegen da hinter ihm. Sechs Jahre, in denen der spätere Nobelpreisträger sein belletristischen Schaffen gezwungenermaßen beiseite ließ, und vor allem Briefe schrieb. "... ich meine fast, es wäre ein Verrat an allem, was wir haben mitmachen und erleiden müssen, wenn ich jetzt Offizier werden wollte, weil mir der Dreck da unten nicht mehr gut genug ist."

Die Kriegserfahrungen werden sich nicht nur in Form von Aufzeichnungen und Briefen in Heinrich Bölls Werk niederschlagen. Insbesondere sein Frühwerk beschäftigt sich intensiv mit der Rolle des einfachen Soldaten, der einberufen und an die Front Geschichte wird, wo er mit Leid, Tod und menschlichen Abgründen konfrontiert ist. Kurzgeschichten wie "Die Verwundung", "Im Käfig" oder "Jak, der Schlepper" berichten von der Aussichtslosigkeit in Schützengräben, von Entfremdung und Entmenschlichung, zeigen Soldaten, die sich, nach tagelangen Märschen, kraftlos und ausgezehrt den Tod wünschen.

Der 1950 veröffentlichte Sammelband "Wanderer, kommst du nach Spa..." wird rückblickend Bölls Ruhm als Kurzgeschichtenautor begründen. Die titelgebende Geschichte erzählt von einem Schwerverwundeten, der durch sein ehemaliges Gymnasium getragen wird, welches er nur drei Monaten zuvor verlassen hatte und welches jetzt es als Notlazarett dient. Im Zeichenraum angekommen, kann der Verwundete die Räumlichkeit endgültig als die seiner ehemalige Schule identifizieren. An der Tafel erkennt er seine eigene Handschrift: "Wanderer, kommst du nach Spa..."

Heimkehrerliteratur

Vor allem mit diesen frühen, kurzen Prosastücken prägte Heinrich Böll eine Literaturepoche mit, die als Trümmerliteratur in die Geschichte eingehen wird. Autoren wie Wolfgang Borchert, Hans Werner Richter, Alfred Andersch und Günter Eich bemühten sich in den späten 40er Jahren darum, eine neue deutsche Literatur zu etablieren, eine Literatur, in der die Sprache nicht länger als Ideologieträger dienen sollte, wie es zur Zeit des Nationalsozialismus der Fall gewesen war. Dagegen stellten die Autoren jener Epoche eine Literatur, die im Dienste des Realismus stand, die Wahrhaftigkeit an den Tag legte und sich von allzu psychologischen Motiven abwandte.

Der Schriftsteller wurde dabei als sehendes, schreibendes und erlebendes Mitglied der Gesellschaft gesehen, als unmittelbarer Beobachter also, der die kalten und kargen Zustände jener Zeit innerhalb seines Werkes aufzeigt und verarbeitet. Den Elfenbeinturm als Produktionsstätte lehnten die Trümmerliteraten daher strikt ab. "Ein Bewohner des Elfenbeinturmes", um eine ironische Formulierung Peter Handkes zu verwenden, wurde Heinrich Böll auch in späteren Jahren nicht. Nicht nur seine Werke blieben bis in die späten Schaffensjahre hinein stets gesellschaftskritische Konstruktionen, auch der Autor selbst trat stets als engagierter und politisch ambitionierter Autor auf.

Die Gruppe 47

Wie viele Nachkriegsautoren der damaligen Zeit, die wir heute als Speerspitzen der deutschsprachigen Literatur bezeichnen würden, hat auch Henrich Böll seinen kometenhaften - wenn auch späten - Aufstieg der sogenannten Gruppe 47 zu verdanken. So nannte sich eine Autorenvereinigung um den Schriftsteller Hans Werner Richter, die Treffen von Autoren und Kritiker organisierte, auf denen Texte gelesen und bewertet wurden. Hier las Böll als noch weitestgehend unbekannter Autor 1951 seine satirische Kurzgeschichte "Die schwarzen Schafe" und gewann damit den damals sehr wichtigen Preis der Gruppe 47. Die Auszeichnung brachte ihm einen Autorenvertrag bei Kiepenheuer & Witsch ein.

In den 50er Jahren folgten dann Romane wie "Wo warst du, Adam?", "Und sagte kein einziges Wort" und "Haus ohne Hüter", in denen Böll die Motive seiner früheren Kurzprosa aufgreift und ausweitet. Hier flammt das Kriegsheimkehrer-Sujet in ausstaffierter Form auf, das entwurzelte Leben während der Nachkriegszeit, der Versuch, mit dem Verlust des gefallenden Vaters fertig zu werden und den vom Krieg gebliebenen Schmerz zu kompensieren.

Nobelpreis für Literatur

Mit dem 1971 veröffentlichten Roman "Gruppenbild mit Dame" legte Böll seinen umfangreichsten Roman vor. Hier zeigt er die Zerwürfnisse der Kriegs- beziehungsweise Nachkriegszeit anhand der Hauptfigur Leni Pfeiffer, die, wie Böll selbst sagte, eine Frau ist, "die die ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit und auf sich genommen hat." Pfeiffers Familie profitierte zunächst von der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Während der Kriegszeit aber, erleidet sie mehrere Schicksalsschläge. Die Protagonisten vereinsamt. Gegen Ende des Krieges - mittlerweile arbeitet sie in einem Kranz- und Blumenbinderei - lernt Leni den russischen Kriegsgefangenen Boris kennen, mit dem sie eine gefährliche - weil strikt verbotene - Liebesbeziehung eingeht. Leni bekommt ein Kind von Boris, der aufgrund eines Missverständnisses - man hält ihn für einen Deutschen - in ein alliiertes Kriegsgefangenenlage deportiert wird, wo er bald darauf stirbt.

In den Schlussepisoden des Romans erfahren wir von Lenis Beziehung zu dem türkischen Gastarbeit Mehmet. Die sozialen Ausgrenzung und Anfeindungen ihr gegenüber - "Sowjet-Hure" hatte man sie genannt - lassen sie kalt und unberührt. Die Nationalsozialistische Ideologie hat sie vollkommen verhärten lassen. Auf knapp 470 Seiten fasst Böll in "Gruppenbild mit Dame" die Lasten des Krieges, die sozialen, gesellschaftlichen Verwerfungen und die tiefe Entmenschlichung zusammen, die er in während der Nachkriegszeit immer wieder entdeckte. Ein Jahr nach Erscheinen erhielt Heinrich Böll für diesen Roman den Nobelpreis für Literatur.

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