Der deutsche Literaturkritiker Karl Heinz Bohrer ist am 4. August im Alter von 88 Jahren in London gestorben. Mit ihm geht auch ein großer medialer Unruhestifter, der es durchaus verstand, seine Gegner und Befürworter gleichermaßen aufzuscheuchen und in Diskurse zu treiben.
Abseits längst marode gewordener Kategorisierungen wie "Links" und "Rechts" evozierte der Germanist und Literaturkritiker Karl Heinz Bohrer Auseinandersetzungen, die immer Sprengkraft besaßen. Stets warnte man vor seinem Urteil, vor seinem scharfen, sezierenden Blick. Woher aber, kam diese Kraft? Was ließ Bohrer selbst in den Augen großer Denker wie Jürgen Habermas so gefährlich erscheinen? Zunächst einmal stand für Bohrer das politische Jauchzen dezidiert unter der ästhetischen Betrachtung. Allein diese Position erlaubt es, sämtliche Fesseln zu sprengen, die sich der massentaugliche mediale Diskurs gegenwärtig so selbstverständlich anlegt. Worte oder Themen zu tabuisieren, Grenzzäune der Sprache zu ziehen, das wäre für Bohrer wohl nicht in Frage gekommen.
"Gutmenschen"
Dieser schoss im Gegenteil zielsicher gegen stumpfe Begrifflichkeiten und miefende Umschreibungen. So geht der Begriff "Gutmensch" auf Bohrer zurück. In einer seiner Glossen (Anfang 1992) heißt es: "Vielleicht wäre es am besten, der Merkur legte in Zukunft ein kleines Wörterbuch des Gutmenschen an. Dahinein gehörten die Mauer im Kopf einreißen oder Streitkultur oder eigensinnig oder Querdenker.‘ Mitte der 90er Jahre etablierte sich der Begriff zunehmend in politischen Auseinandersetzungen, und wurde dort in Zusammenhang mit "Politischer Korrektheit" genutzt. Noch heut ist der Begriff aktuell. Dass es einen eklatanten Unterschied zwischen der Bezeichnung "Gutmenschen" und guten Menschen gibt, verweist heut frappierend auf den Oberflächenglanz einer Diskussionskultur, die im Kern lieber erregt als diskussionsfreudig ist.
Wenn Bohrer schoss, traf er. Er liebte die Gefahr, setzte sich vom selbstnivellierenden, zerstörerischen Massengenuss ab, lobte die radikale Minderheit, die sich dem Mittelmaß widersetzte. Ja, das ist elitär, vielleicht reaktionär. Doch es war für den Ästheten Bohrer die einzige Position, aus der heraus man das Künstlerische, die Musik, den Roman ernst nehmen konnte. Den Einzelgänger-Typus, der daraus zwangsläufig entstand, lobte und stilisierte er hoch.
Bohrer und Marcel Reich-Ranicki
1961 promovierte Karl Heinz Bohrer mit einer Dissertation über frühromantische Geschichtsphilosophie. 1962 kam er dann in die Feuilletonredaktion der "Welt", bevor er 1966 zur "FAZ" wechselte, wo er ab 1968 das Literturressort leitete. 1973 wurde er in dieser Position von dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki abgelöst. Ranicki äußerste sich später abschätzig über Bohrer, dieser hätte "mit dem Rücken zum Publikum" redigiert. Eine Aussage, die Bohrer keineswegs störte, war er doch der Meinung, man solle sich nicht auf das geistigen Niveau der "Mehrheit" herablassen.
Bohrer stand für eine avantgardistische, schwierige Literatur, fürs literarische Experiment. Marcel Reich-Ranicki hingegen bemühte sich stets, dem Leser klar und verständlich mitzuteilen, warum dies gute und dies schlechte Literatur ist. Ein solcher Populismus, der ja, wie man später anhand des Erfolges des "Literarischen Quartetts " sehen konnte, durchaus massentauglich war, widersprach Bohrer zutiefst.
Spätere Jahre
Nachdem Bohrer nun, von Ranicki abgelöst, einige Jahr als Kulturkorrespondent aus London für die "FAZ" berichtete, wechselte er 1982 als Lehrstuhlinhaber für Neuere Deutsche Literaturgeschichte an die Universität Bielefeld, wo er bis zu seiner Emeritierung 1997 lehrte. Bereits 1977/78 habilitierte er sich an der Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld mit einer Arbeit über die Ästhetik des Schreckens. Die pessimistische Romantik und Ernst Jüngers Frühwerk. 2003 erhielt er einen Ruf als Gastprofessor an die kalifornische Standfort University.
Die größte öffentliche Wirkung erzielte Bohrer mit der von ihm herausgegebenen Kulturzeitschrift "Merkur" (1984-2011), in der unter anderem Bohrers Satire "Die Ästhetik des Staats" erschien. Als belletristischer Autor debütierte der Literaturwissenschaftler 2012 mit seiner autobiografischen Erzählung "Granatsplitter", die von den Kriegs- und Nachkriegsjahren erzählt. 2017 erschien unter dem Titel "Jetzt: Geschichte meines Abenteuers mit der Fantasie" eine Fortsetzung seines Debüts.
Karl Heinz Bohrer wird besonders als streitbarer Kritiker fehlen. Als eine gefestigte Position, die sich pointiert in Debatten mischt, ohne frühzeitig auf einen scher grenzenlosen Pluralismus zu beweisen. Er war ein Intellektueller, an dem man sich abarbeiten konnte, der eine Gegenposition bot, an der man die eigenen Überzeugungen schärfen, oder vor der man die eigenen Waffen niederlegen musste. Merkwürdig: Bohrer erschien selbst in seinen späten Jahren um so vieles jünger als unsere junge Elite. Was von seinem Ableben bleibt, ist eine Aufforderung dazu, waghalsiger, revolutionärer und aufbegehrender in die Welt zu gehen.
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