„Ich habe es gewusst und nicht geglaubt. So ist es ja meistens.“ Dieses Resümee zieht Sergej Dowlatow – Autor, Erzähler und Protagonist in Personalunion – im letzten Drittel des 160-Seiten-Bändchens „Der Koffer“.
Da ist ihm bereits die Ehefrau davongelaufen (genauer gesagt: sie emigriert in die USA), er selbst hat mehrere Journalistenjobs bei Werkszeitungen in Leningrader Staatsbetrieben hingeschmissen, ist als Monumentalbildhauer gescheitert und wurde mit der Schnalle eines Soldatengürtels verprügelt. Unter anderem. Denn diesem tragikomischen Anti-Helden passieren ständig Unglücke, die im Grunde ebenso vorhersehbar wie auch abwendbar gewesen wären. Dowlatow aber will nichts abwenden.
In einer Mischung aus Fatalismus und unerschöpflicher Neugier lässt sich sein Held auf die schrägsten Unternehmungen ein. Immer dabei als teuflischer Katalysator: der Alkohol. Der Leser lacht unterwegs Tränen. Manchmal möchte er aber auch ein bisschen weinen. Zum Beispiel darüber, dass der hierzulande wenig bekannte Dowlatow insgesamt nur fünf schmale Bücher geschrieben hat. Mehr hat der Alkohol nicht zugelassen.
In der letzten Geschichte von „Der Koffer“ steht der hoch gewachsene Held, kostümiert als Zar Peter der Erste, am helllichten Tag im Zentrum von Leningrad in einer Schlange von Alkoholikern nach Bier an. Gestorben ist er 1990 in New York, nicht einmal fünfzig Jahre alt.
Autor Sergej Dowlatow
Der Koffer
Roman
Verlag: DUMONT Literatur und Kunst Verlag; Auflage: 1 (25. August 2008)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3832180737
ISBN-13: 978-3832180737
Originaltitel „Tschemodan“, veröffentlicht 1986 in den USA
Topnews
Erich Lejeune: „Lebe ehrlich, werde frei!“ – Ein Leben sucht seine Ordnung
H. G. Wells zum 160. Geburtstag: Mit der Zeitmaschine zurück zu ihrem Erfinder
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Morgen, morgen und wieder morgen von Gabrielle Zevin: Eine außergewöhnliche Geschichte über Freundschaft, Kreativität und das Leben dazwischen
Stuart Little – Die Kunst, klein zu sein
Szczepan Twardoch: Sehnsucht – Der Roman, der aus einem Stausee einen Ozean macht
Ronja von Rönne: Alles Liebe – Wenn Geschichten die Wirklichkeit verändern
Let Him Go: Wie Larry Watson den Western in ein Familiendrama verwandelt – und was die Verfilmung daraus macht
Das schönste aller Leben von Betty Boras – Schönheit als Versprechen – und als Zumutung
Frankie von Jochen Gutsch & Maxim Leo – Ein Kater als Erzähler, ein Mensch am Rand
Muttertag von Nele Neuhaus – Ein Taunuskrimi über Mütter, Masken und die langen Schatten der 90er
Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr– Ein Roman über Würde im Nebel von Krieg und Schuld
Robinson Crusoe - Ich Herr. Wir Freunde.
Unter der Drachenwand von Arno Geiger – Roman über Krieg, Heilung und Menschlichkeit
Rezension zu "Die Passagierin" von Franz Friedrich
Größtenteils heldenhaft (engl. Mostly Hero) von Anna Burns
„Air“ von Christian Kracht – Eine atmosphärische Reise zwischen Mythos und Wirklichkeit
„In einem Zug“ von Daniel Glattauer – Eine humorvolle und nachdenkliche Reise durch das Leben
Aktuelles
Valeria Gordeev: „Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle“ – unter der Oberfläche der Gegenwart
Valeria Gordeev erhält den „aspekte“-Literaturpreis 2026 für ihren Debütroman
Die Armada der Arbeitslosen – ein Arbeitsvermittler klagt an
„Lebe ehrlich, werde frei!“: Erich Lejeune und Emanuel Pavel starten neuen Video-Podcast
Kindle Storyteller Award 2026: Drei Bücher zwischen Sommer, Erinnerung und Gift
Wir waren zwei.
Der Apfelbaum von Christian Berkel: Eine Familie kann ihre Vergangenheit verschweigen – verschwinden lässt sie sich nicht
Ich bin ein Fritz
Into the Jungle von Paul Rosolie: Einen Regenwald rettet man nicht mit schönen Bildern
Mit dir
Denk zur Freiheit
Weiter weiter
Der Film „Nürnberg“: Douglas M. Kelley, Hermann Göring und die Geschichte hinter „Der Nazi und der Psychiater“
Der kleine Drache