Im vergangenem Jahr ging die Nachricht „wie ein Lauffeuer“ um den See, ein Taucher der am Westufer angesiedelten Tauchschule sei vom Tauchgang nicht wieder gekommen. Trotz intensiver tagelanger Suchaktion fand man keine Spur von ihm.
Die Schwimmer überlief ein kalter Schauer, Eltern befahlen ihren Kindern, aus dem Wasser zu kommen und besuchten lieber den Wildpark. Einige Tage lag der See menschenleer in der Landschaft wie eine Scherbe vom zerschlagenen Spiegel eines Riesen. Doch bald kamen die Schwimmer, die Segler, die Surfer und die Sonnenanbeter zurück. Auch die Tauchschule nahm wieder den gewohnten Betrieb auf.
Ich stelle mir lieber vor, er wäre doch hochgekommen, der Untergetauchte, aber als ein anderer Mensch.
Vielleicht hatte er die Nase voll von seinem bisherigen Leben? War es ihm womöglich langweilig geworden, 30 Jahre in ein und der selben Firma verbracht zu haben, in der selben Wohnung, mit der Sandkastenliebe verheiratet „bis dass der Tod euch scheidet“, kinderlos geblieben zu sein, oder vielleicht sich selbst und der Familie fremd geworden?
Nicht jeder ist so stark, die vorherrschenden Lebensumstände zu ändern, zu sagen „Schatz, ich habe genug, ich will jetzt alleine leben“, oder „ich will ab sofort im Wohnwagen hausen“ (oder im Hausboot, im Schrebergarten, einer Wohngemeinschaft, oder scheinbar ohne jeglichen Besitz und Verpflichtungen unter der Brücke).
Weil man befürchten muss, missverstanden zu werden? Weil der Partner es persönlich nehmen könnte und den Lebensveränderungswunsch mit Tränen und Diskussionen (wie vergossene Milch mit einem saugfähigen Lappen) aus der Welt schaffen würde?
Es erfordert schon sehr viel Mut, den gewohnten Trampelpfad zwischen Wiege und Grab zu verlassen... Nicht auszudenken, welche Gefahren da lauern könnten! Vielleicht würde man entdecken, dass blond nicht die ultimative Haarfarbe ist, die einem gefällt, oder dass Gemüse ebenso köstlich schmeckt wie Fleisch, oder dass man nicht unbedingt rauchen muss, um männlich zu erscheinen.
Es ist schon schwer genug, die vertraute Kaffeesorte oder Biermarke zu wechseln.
Der vermeintlich Ertrunkene oder vom Seeungeheuer verschlungene Taucher lebt heute vielleicht immer noch in dieser Stadt, nur in einem anderen Viertel, ohne Angst haben zu müssen, seiner verlassenen Frau beim Einkaufen zu begegnen. Denn hier in meiner Stadt kleben die Menschen an „ihren“ Vierteln wie an gut eingelaufenen Wanderschuhen. Ein Wechsel des Wohngebietes scheint nahezu unvorstellbar, auch wenn eine andere, noch hübschere und sogar um einiges günstigere Wohnung nur einen Kilometer entfernt gleich hinter dem vertrauten Park liegen sollte.
Unsichtbare Grenzen, ja geradezu Mauern scheinen vor manchen Menschen empor zu wachsen, wenn sie an Veränderung nur denken.
Manch einer will sich auf kein noch so kleines Abenteuer einlassen, und sei es nur, den Zahnarzt (mit dem man vielleicht sogar ganz und gar unzufrieden ist, seit Jahren!) gegen einen wärmstens vom besten Freund und Stiftung Ärztetest empfohlenen zu tauschen.
Mir ist das unbegreiflich, denn ich ändere gerne. Mit jeder Änderung passieren neue, unerwartete Dinge in meinem Leben und es müssen nicht mal die ganz großen Veränderungen sein.
„Du musst das Ändern lieben“ schrieb mir ein Freund, der das Gegenteil liebte, trotzig. Er lebte viele Jahre lang in möblierten Zimmern und wenn er umziehen musste, dann passte sein Hab und Gut in einen einzigen Koffer. Bis er eine Frau traf, die sein bisheriges Leben auf den Kopf stellte. Glauben Sie aber nicht, dass dieser Freund darüber traurig ist!
Zurück zum Taucher: ich hoffe, er ändert auch sein Hobby, jetzt, wo er alles andere geändert hat. Fliegen soll auch schön sein.
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