Achtsamkeit ist inzwischen überall: im Podcast, im Büro, auf Kaffeebechern, in Führungskräfteseminaren. Manchmal klingt sie wie eine sanfte Einladung, manchmal wie eine neue Form der Disziplinierung: Atme – und funktioniere danach bitte wieder besser. Genau in diese Ambivalenz stößt Maxim Leo mit Einatmen. Ausatmen. Sein Roman stellt eine Figur in den Mittelpunkt, die nach außen alles im Griff hat – und nach innen so etwas wie einen blinden Fleck kultiviert: Gefühle, Rücksicht, Nähe. Als ihr Aufstieg an die Spitze eines Konzerns nur noch Formsache zu sein scheint, bekommt sie eine Bedingung verpasst, die fast wie ein Witz klingt: Achtsamkeitstraining. Nur dass dieser Witz schnell eine Schneide bekommt.
Worum geht es in Einatmen. Ausatmen?
Marlene Buchholz soll Vorstandsvorsitzende des Aviola-Konzerns werden – fachlich überragend, menschlich aber, gelinde gesagt, eine Herausforderung. Im Unternehmen gilt sie als kompromisslos, scharf, unangenehm. Genau das soll sie nach oben bringen – und genau das bringt sie gleichzeitig in Gefahr. Denn der Aufsichtsrat will keine Chefin, die intern verbrannte Erde hinterlässt. Also ordnet man an, was in solchen Hierarchien als „Entwicklung“ etikettiert wird: Marlene muss ein Achtsamkeits-/Coaching-Programm absolvieren.
Der Ort ist bewusst gewählt: ein Schloss in Brandenburg, abgeschirmt, mit Seminarflair, luxuriöser Kulisse und dem Versprechen, dass man hier „zu sich selbst“ findet – oder zumindest so wirkt, als hätte man sich gefunden. Die Zeit ist begrenzt (in vielen Beschreibungen ist von zwei Wochen die Rede), der Druck maximal: Marlene soll am Ende dieses Aufenthalts nicht nur eine bessere Version von sich sein, sondern auch beweisen, dass sie führen kann, ohne zu zerstören.
Dort trifft sie auf den Coach – je nach Quelle wird er als Alex Grow benannt –, und der Clou ist schnell klar: Der Mann, der anderen zeigen soll, wie man richtig lebt, steckt selbst in einer Sinnkrise. Während Marlene innerlich alles ablehnt, was nach Räucherstäbchen, Atemtechnik und „innerem Kind“ aussieht, ist Alex keineswegs der souveräne Guru. Er ist eher jemand, der professionell Ruhe verkauft und privat merkt, wie dünn sein eigener Boden geworden ist.
Der Roman lebt von dieser Reibung: Marlene, die gelernt hat, dass Kontrolle Sicherheit bedeutet, trifft auf ein System, das ihr Kontrolle entzieht – sanft verpackt, aber wirksam. Übungen, Gespräche, Gruppensituationen: alles zielt darauf, Marlene zu spiegeln. Und während sie anfangs versucht, das Ganze als lästige Pflicht abzuhaken, beginnt sich etwas zu verschieben. Nicht wie im Ratgeber („und dann war alles gut“), sondern in kleinen, irritierenden Momenten: wenn sie merkt, dass Härte nicht immer Stärke ist – und dass Verletzlichkeit nicht automatisch Schwäche bedeutet.
Glück, das sich nicht befehlen lässt
1) Leistung als Charakterersatz
Marlene hat ein Erfolgsmodell: arbeiten, gewinnen, weitergehen. Gefühle sind dabei eher Störgeräusche. Der Roman zeigt, wie diese Logik irgendwann nicht mehr trägt – nicht, weil sie „falsch“ wäre, sondern weil sie menschlich zu teuer wird. Ein Unternehmen kann eine Weile mit Angst geführt werden. Ein Leben eher nicht.
2) Coaching als Spiegelkabinett
Leo nimmt das Coachingmilieu ernst genug, um es nicht platt zu veralbern – und ironisch genug, um die Mechanik sichtbar zu machen. Übungen, die nach Wohlfühlkultur aussehen, sind im Kern Machtinstrumente: Wer definiert, was „gut“ ist? Wer entscheidet, wann jemand „entwickelt“ ist? Der Roman spielt diese Frage durch, ohne Thesen zu stapeln.
3) Die Suche nach Leichtigkeit
Das Buch wird als „rasend komisch und tief berührend“ beschrieben – und dieser Ton passt: Humor entsteht aus Marlenes Widerstand, aus ihren inneren Kommentaren, aus Situationen, in denen sie merkt, dass sie gerade nicht die Stärkste im Raum ist. Gleichzeitig bleibt immer eine ernsthafte Linie: Leichtigkeit ist nicht das Gegenteil von Verantwortung, sondern manchmal ihr Ergebnis.
Warum dieser Stoff so zeitnah wirkt
Achtsamkeit hat längst den Wellnessbereich verlassen und ist im Management angekommen – oft als „Tool“: Stress reduzieren, Produktivität erhöhen, Führung verbessern. Einatmen. Ausatmen setzt genau dort an, wo das Unbehagen entsteht: Wenn das Private zur Optimierungsfläche wird. Marlene ist ein Extrem – aber der Roman erzählt ihn so, dass er als Karikatur funktioniert und gleichzeitig als Spiegel. Denn viele kennen diese Arbeitswelt: freundlich im Ton, hart in der Erwartung, immer kurz vor „Selbstfürsorge“, aber selten wirklich bei Fürsorge.
Stil und Sprache: Komödie mit ernstem Unterstrom
Leo schreibt szenisch, flott, dialogstark. Der Roman hat Tempo, weil Marlene Tempo hat: eine Figur, die nicht gern innehält, muss in ein Setting, das genau das verlangt. Einige Stimmen loben die Anschaulichkeit der Figuren und das Flair der Schlosskulisse; andere merken an, dass der Text sich gegen Ende stärker ins Sinnierende bewegt und stellenweise ins Idealische kippt. Beides ist plausibel: Wenn ein Roman über Achtsamkeit nicht gelegentlich ins Nachdenken driftet, hätte er sein Thema verfehlt – die Frage ist nur, ob man als Leser diesen Drift gern mitgeht.
Für wen lohnt sich Einatmen. Ausatmen?
Für Leser, die moderne Gegenwartsromane mögen, die Arbeitswelt und Selbstbild zusammenbringen. Für alle, die sich über Coachingkultur amüsieren können, ohne sie pauschal zu verachten. Und auch für Menschen, die beim Wort „Achtsamkeit“ eher die Augen verdrehen – gerade die könnten Spaß an Marlenes Widerstand haben.
Kritische Einschätzung: Stärken und Schwächen
Die große Stärke des Romans ist seine Reibung: eine Hauptfigur, die man nicht sofort liebt, aber schnell versteht. Dazu kommt der Humor, der nicht aus billigen Pointen besteht, sondern aus präziser Beobachtung. Und: die Idee, dass auch der Coach nicht als allwissender Erlöser daherkommt, sondern als Mensch mit Rissen – das verhindert die übliche „Heilungs“-Folklore.
Reiben kann sich der Text dort, wo Wandlungen zu zügig wirken – ein Einwand, der in frühen Rezensionen auftaucht. Wer sehr realistische Psychologie erwartet, wird empfindlich für jedes „zu schnell“. Wer den Roman als Tragikomödie liest, akzeptiert eher, dass Entwicklungen manchmal verdichtet werden, damit sie literarisch zünden.
Ein Roman, der nicht predigt, sondern entlarvt
Einatmen. Ausatmen ist unterhaltsam, weil er die Selbstoptimierungsrhetorik nicht von außen verspottet, sondern von innen unter Druck setzt. Marlene Buchholz muss nicht „nett“ werden – sie muss nur begreifen, dass Führung ohne Menschlichkeit irgendwann nur noch Verwaltung von Angst ist. Und Alex, der Coach, zeigt: Auch wer Ruhe verkauft, kann innerlich lärmen.
Am Ende bleibt kein „alles wird gut“, sondern ein klügeres Gefühl: Dass Leichtigkeit nichts ist, was man sich verordnet. Man kann nur Bedingungen schaffen, unter denen sie möglich wird. Und manchmal beginnt das ganz banal – mit einem Atemzug, der nicht nur Technik ist, sondern Entscheidung.
Über den Autor: Maxim Leo
Maxim Leo wurde 1970 in Ostberlin geboren und ist als Journalist und Autor bekannt für Bücher, die Gegenwartsthemen mit Humor und Ernst verbinden. Er schreibt gemeinsam mit Jochen Gutsch erfolgreiche Romane (zuletzt auch mit dem Kater-Erzähler aus „Frankie“) und arbeitet zudem als Drehbuchautor. Für sein autobiografisches Buch Haltet euer Herz bereit erhielt er 2011 den Europäischen Buchpreis. Neben Sachbüchern und autobiografischen Texten hat Leo auch Romane und Krimis veröffentlicht – und bleibt dabei oft bei einem Grundmotiv: Wie Menschen sich ein Leben zurechtlegen, das nach außen funktioniert, während innen etwas anderes wahr ist.
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