Ein Preis, der nach einem Vogel benannt ist, beginnt mit einem Bild: ein weißer Kranich mit roter Krone, Tancho genannt, in Japan ein Symbol für Glück, Langlebigkeit – und für eine stille Form der Würde. Dass nun ein deutschsprachiger Manga-Preis diesen Namen trägt, ist mehr als ein ästhetischer Import. Es ist ein Versuch, eine kulturelle Linie zu ziehen, die nicht kopiert, sondern übersetzt. Der erste Tancho Award setzt genau hier an: bei der Frage, wie sich eine Erzählform, die historisch in Japan verankert ist, in einem anderen Sprach- und Produktionsraum entfaltet – und welche Kräfte dabei sichtbar werden.
Tancho Award 2026: Sozan Coskun (Verlag) und LIAN (Selfpublishing) zeigen die Spannweite des deutschsprachigen Manga
Die Verleihung auf der Manga Comic Con in Leipzig markiert keinen Anfang aus dem Nichts. Sie markiert eine Verdichtung. Seit Jahren wächst die deutschsprachige Manga-Szene, oft im Schatten des Imports, oft entlang von Nischenöffentlichkeiten. Was der Tancho Award nun tut, ist Sichtbarkeit institutionalisieren. Sichtbarkeit heißt hier nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch: Einordnung, Bewertung, Kanonbildung im Kleinen. Preise sind nie neutral. Sie strukturieren Wahrnehmung.
Die beiden ausgezeichneten Werke zeigen, wie unterschiedlich diese Struktur aussehen kann.
Zwischen Jenseitsökonomie und Intimität: Sozan Coskuns „Kiela“
In „Kiela und das letzte Geleit“ beginnt alles mit einer Dienstleistung. Ein Unternehmen organisiert den Übergang ins Jenseits – vorausgesetzt, man kann ihn bezahlen. Der Tod wird zur Ware, das Abschiednehmen zur kalkulierten Erfahrung. Es ist ein Motiv, das sich kaum bemühen muss, aktuell zu wirken. Die Ökonomisierung existenzieller Grenzerfahrungen ist längst Teil gesellschaftlicher Realität.
Coskun entscheidet sich jedoch gegen die platte Allegorie. Ihr Zugriff ist leiser. Die Welt wird nicht erklärt, sie wird gezeigt – in Blicken, in Räumen, in der Körperlichkeit der Figuren. Der von der Jury hervorgehobene Shōjo-Stil erfüllt hier eine doppelte Funktion: Er ästhetisiert, aber er destabilisiert auch. Die großen Augen, die weichen Linien, die ornamental ausgearbeiteten Hintergründe erzeugen eine Oberfläche der Sanftheit, unter der Konflikte liegen, die sich nicht auflösen lassen.
Auffällig ist, wie konsequent das Werk mit Nähe arbeitet. Die Beziehung zwischen Kiela und Mira ist kein bloßer emotionaler Anker, sondern ein epistemisches Zentrum. Durch sie wird die Welt lesbar. Vernachlässigung, familiäre Gewalt, Verlust – diese Themen erscheinen nicht als narrative Bausteine, sondern als Erfahrungsräume, die sich gegenseitig überlagern.
Dabei vermeidet Coskun moralische Eindeutigkeiten. Die Figuren handeln nicht richtig oder falsch. Sie reagieren. Auf Strukturen, die größer sind als sie selbst. Auf ein System, das sogar den Tod organisiert. In dieser Perspektive wird „Kiela“ zu einer Studie über Handlungsspielräume unter Bedingungen struktureller Begrenzung.
Der dritte Band, der nun ausgezeichnet wurde, scheint diese Dynamik zuzuspitzen. Die Konflikte verdichten sich, ohne sich zu entladen. Der Wunsch, eine verstorbene Person noch einmal zu sehen, bleibt genau das: ein Wunsch. Kein kathartischer Moment, sondern ein Zustand. Es ist diese Verweigerung einfacher Auflösung, die das Werk trägt.
Macht, Magie und Begehren: LIANs „Rabenfluch“
Während „Kiela“ als Verlagspublikation ausgezeichnet wurde und von innen nach außen arbeitet, steht LIANs „Rabenfluch 3“, prämiert in der Kategorie Selfpublishing, auf einer anderen Produktionsachse. Mittelalterliche Fantasy, politische Intrigen, ein instabiles magisches Gleichgewicht – das sind vertraute Versatzstücke. Doch auch hier liegt die eigentliche Bewegung woanders.
LIAN interessiert sich weniger für die große Handlung als für die Verschiebungen innerhalb der Figuren. Askell und Ryland bewegen sich durch ein Geflecht aus Verpflichtungen, Erwartungen und inneren Konflikten. Die äußere Welt – mit ihren Machtstrukturen und magischen Ordnungen – fungiert dabei als Resonanzraum für diese inneren Prozesse.
Der detailreiche Zeichenstil, den die Jury betont, erfüllt eine präzise Funktion: Er stabilisiert eine Welt, die erzählerisch immer wieder ins Wanken gerät. Kleidung, Architektur, Landschaft – alles ist sorgfältig gebaut. Diese visuelle Stabilität kontrastiert mit den emotionalen und politischen Unsicherheiten der Figuren.
Interessant ist auch die Integration von Boys-Love-Elementen. Sie werden nicht als isoliertes Genremerkmal behandelt, sondern in die Gesamtstruktur der Erzählung eingebettet. Begehren ist hier kein Zusatz, sondern Teil der Weltlogik. Es steht in Beziehung zu Macht, zu Verletzlichkeit, zu gesellschaftlichen Erwartungen.
Die „vielschichtige, aber nicht erschlagende“ Erzählweise, von der die Jury spricht, verweist auf eine Balance, die in der Fantasy oft schwierig ist. LIAN gelingt sie offenbar, indem sie Reduktion zulässt. Nicht jede politische Intrige wird bis ins Letzte ausgeführt, nicht jede magische Regel erklärt. Es bleiben Leerstellen. Und genau dort entsteht Spannung.
Zwei Modelle, ein Feld
Was diese beiden ausgezeichneten Werke verbindet, ist weniger ihr Genre als ihre Haltung zur Welt. Beide begreifen ihre Erzählräume nicht als Eskapismus, sondern als Modelle. Modelle, in denen gesellschaftliche Fragen sichtbar werden, ohne direkt benannt zu werden.
Der Tancho Award setzt damit ein Signal: Deutschsprachiger Manga wird hier nicht als Derivat verstanden, sondern als eigenständige Form, die globale Einflüsse verarbeitet und in lokale Kontexte übersetzt. Die Kooperation zwischen Leipziger Buchmesse, Deutsch-Japanischer Gesellschaft und Narradiver spiegelt diese Bewegung institutionell wider.
Gleichzeitig bleibt eine Spannung bestehen. Die Szene wird als „lebendig und kreativ“ beschrieben, aber auch als „zu wenig gesehen und gefördert“. Der Preis reagiert auf dieses Defizit – und macht es zugleich sichtbar. Förderung ist hier nicht nur finanzielle Unterstützung (1.000 Euro pro Kategorie wirken eher symbolisch), sondern vor allem diskursive Einbindung.
Preise erzeugen Aufmerksamkeit, aber sie erzeugen auch Erwartungen. Was als „herausragend“ gilt, wird zum Maßstab. Für kommende Arbeiten, für neue Künstler:innen, für die Szene insgesamt. Die Frage ist, welche Formen dadurch gestärkt werden – und welche unsichtbar bleiben.
Der Tancho Award beginnt mit einem Bild. Ein Vogel, der für Glück steht. Vielleicht ist es zu früh, um zu sagen, ob dieses Glück strukturell wird oder episodisch bleibt. Sicher ist nur: Die Szene hat nun einen Punkt, an dem sie sich selbst beobachten kann. Und das verändert bereits die Art, wie sie erzählt.
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