Die Gewinner des Preises der Leipziger Buchmesse 2026

Vorlesen

Katerina Poladjan Katerina Poladjan Von Rudolf H. Boettcher - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Ein Mann liegt auf einem Sofa und erzählt sein Leben, während draußen ein Europa steht, das sich selbst nicht mehr ganz glaubt. In der Glashalle der Leipziger Buchmesse wird dieser Ton prämiert. Katerina Poladjan erhält den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 für Goldstrand. Neben ihr werden Marie-Janine Calic für Balkan-Odyssee, 1933–1941 und Manfred Gmeiner für seine Übersetzung von Unten leben ausgezeichnet. Drei Bücher, die nicht abschließen, sondern öffnen.

Ein Abschied ohne Ziel: Katerina Poladjan

Die Jury liest Goldstrand als „Abgesang auf Europa“. Ein großes Wort, das der Roman selbst unterläuft. Denn Poladjan schreibt keinen Abgesang, sondern eine Bewegung des Abschieds. Ihr Protagonist Eli erinnert sich – an den Vater, an architektonische Utopien in Bulgarien, an familiäre Verwerfungen. Doch diese Erinnerungen ordnen nichts. Sie bleiben in der Schwebe.

Das Setting – eine bröckelnde römische Villa, das Sofa einer Psychoanalytikerin – markiert bereits die Struktur: Innenräume, in denen erzählt wird, während draußen Geschichte weiterläuft. Poladjan interessiert sich nicht für die große Geste, sondern für das Zögern. Für die Momente, in denen sich ein Leben nicht mehr eindeutig erzählen lässt.

Ihre Sprache bleibt dabei kontrolliert. Leicht, wie die Jury sagt, aber nicht leichtfertig. Unter der Oberfläche arbeitet ein Bruch. Der Roman entzieht sich der klaren Perspektive, verschiebt Erzählebenen, lässt Erinnerung und Gegenwart ineinanderlaufen. Europa erscheint hier nicht als Idee, sondern als gelebte Fragilität.

Dass dieser Text ausgezeichnet wird, ist eine Entscheidung für eine Literatur, die sich der Eindeutigkeit entzieht. Für eine Poetik, die nicht erklärt, sondern offenlegt, wie wenig sich noch schließen lässt.

Geschichte in Bewegung: Marie-Janine Calic

Marie-Janine Calics Balkan-Odyssee, 1933–1941 setzt an einem anderen Punkt an – und kommt doch zu einer ähnlichen Offenheit. Ihr Buch rekonstruiert Fluchtbewegungen durch Südosteuropa in einer Zeit, in der sich politische Ordnungen neu formieren.

Die Jury hebt die „akribische Recherche“ hervor, doch entscheidend ist, wie diese Recherche organisiert wird. Calic erzählt nicht von oben. Sie folgt Biografien. Einzelne Lebenswege werden zu Trägern von Geschichte, ohne darin aufzugehen.

Südosteuropa erscheint als Transitregion. Als Raum des Übergangs, in dem Hoffnung und Unsicherheit gleichzeitig existieren. Wer sich hier bewegt, ist abhängig von politischen Entscheidungen, aber auch von Zufällen. Ein Dokument, ein Kontakt, ein geöffneter Grenzposten – all das kann den Verlauf bestimmen.

Calic schreibt Geschichte als offenes System. Ihre Darstellung vermeidet die geschlossene Deutung. Stattdessen entsteht ein Geflecht, in dem sich individuelle Erfahrung und geopolitische Struktur gegenseitig durchdringen. Die Auszeichnung würdigt damit ein Sachbuch, das nicht abschließt, sondern lesbar macht.

Marie-Janine CalicMarie-Janine CalicVon C.Stadler/Bwag - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Stimmen im Labyrinth: Manfred Gmeiner

Mit Manfred Gmeiners Übersetzung von Unten leben rückt eine Arbeit ins Zentrum, die oft im Hintergrund bleibt. Die Jury spricht von „spielerischer Eleganz“ und „furchtloser“ Übersetzung. Begriffe, die auf eine Haltung verweisen.

Faverón Patriaus Roman ist ein vielstimmiger Text. Ein Mosaik aus Perspektiven, in dem sich Wahrheit, Erinnerung und literarische Verweise überlagern. Diese Struktur lässt sich nicht einfach übertragen. Sie verlangt Entscheidungen.

Gmeiner bewahrt die Komplexität des Originals, ohne sie zu glätten. Seine Übersetzung hält die Vielstimmigkeit aus. Sie lässt Brüche stehen, erhält den Rhythmus, folgt den eigensinnigen Figuren. Dabei entsteht ein Deutscher Text, der nicht nach Anpassung strebt, sondern Differenz sichtbar macht.

Übersetzung erscheint hier als eigenständige literarische Praxis. Nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Form der Produktion. Der Preis macht diese Arbeit sichtbar – und verschiebt damit den Blick auf das, was Literatur im Kern ist: Bewegung zwischen Sprachen.

Manfred GmeinerManfred GmeinerJoachim Hass-Feldmann

Auswahl als Setzung

485 Titel von 177 Verlagen bildeten das Feld, aus dem die Jury – Katrin Schumacher, Zita Bereuter, Kais Harrabi, Thomas Hummitzsch, Judith von Sternburg, Tilman Spreckelsen und Katharina Herrmann – ihre Auswahl traf. Zahlen, die Größe anzeigen. Und zugleich Reduktion.

Ein Preis ist keine neutrale Entscheidung. Er setzt Schwerpunkte. Er erzeugt Sichtbarkeit. In diesem Jahr fällt die Wahl auf Texte, die sich gegen Vereinfachung sperren.



Gefällt mir
0
 

Topnews

Mehr zum Thema

Aktuelles

Rezensionen