Noch bevor die Preisträger heute bekannt gegeben werden, beginnt der eigentliche Wettbewerb: mit einer Liste, die weniger Rangordnung als Verdichtung ist. Fünf Titel pro Kategorie, drei Kategorien – Belletristik, Sachbuch/Essayistik, Übersetzung. Fünfzehn Bücher, die den literarischen Zustand der Gegenwart umkreisen, ohne ihn festzuschreiben.
Belletristik: Gegenwart unter Spannung
Die diesjährigen Nominierungen in der Belletristik zeigen ein Feld, das sich zwischen innerer Verdichtung und gesellschaftlicher Wahrnehmung bewegt.
Helene Bukowski eröffnet mit „Wer möchte nicht im Leben bleiben“ (Claassen) einen Raum, in dem Existenzfragen nicht abstrakt, sondern körperlich verhandelt werden. Norbert Gstrein setzt in „Im ersten Licht“ (Hanser) auf seine bekannte Präzision im Beobachten von Wahrnehmung und Erinnerung.
Anja Kampmann („Die Wut ist ein heller Stern“, Hanser) verschiebt Emotion ins Kosmische, während Katerina Poladjan mit „Goldstrand“ (S. Fischer) einen Ort wählt, der zwischen Geschichte und Gegenwart oszilliert. Elli Unruh schließlich („Fische im Trüben“, TRANSIT) arbeitet am Unklaren selbst – am Erzählen unter Bedingungen der Unsicherheit.
Gemeinsam ist diesen Texten weniger ein Thema als eine Haltung: die Weigerung, Komplexität zu glätten.
Sachbuch/Essayistik: Geschichte als offenes System
In der Kategorie Sachbuch/Essayistik rückt die Vergangenheit in den Fokus – allerdings nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als konflikthaftes Archiv.
Marie-Janine Calic zeichnet in „Balkan-Odyssee. 1933–1941“ (C.H. Beck) Fluchtbewegungen durch Südosteuropa nach und verknüpft individuelle Wege mit geopolitischen Verschiebungen. Ines Geipel („Landschaft ohne Zeugen“, S. Fischer) untersucht Erinnerungslücken rund um Buchenwald und fragt nach den Bedingungen des Erinnerns selbst.
Jan Jekal richtet den Blick in „Paranoia in Hollywood“ (Matthes & Seitz Berlin) auf die USA der 1940er und 1950er Jahre – ein Kapitel, in dem Rettung und Verfolgung ineinander greifen. Ulli Lust („Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen“, Reprodukt) erweitert den essayistischen Zugriff in Richtung Bild und Narration, während Manfred Pfister mit „Englische Renaissance“ (Galiani Berlin) eine Epoche neu vermisst.
Auffällig ist hier die Bewegung weg von geschlossenen Deutungen hin zu offenen Konstellationen. Geschichte erscheint als etwas, das immer wieder neu gelesen werden muss.
Übersetzung: Literatur im Übergang
Die Kategorie Übersetzung macht sichtbar, was oft im Hintergrund bleibt: die Bewegung von Texten zwischen Sprachen.
Ulrich Faure überträgt Anjet Daanjes „Das Lied von Storch und Dromedar“ (Friedenauer Presse) aus dem Niederländischen und öffnet damit einen erzählerischen Kosmos, der sich über Zeiten und Perspektiven spannt. Tina Flecken bringt Auður Ava Ólafsdóttirs „Eden“ (Insel) aus dem Isländischen ins Deutsche – ein Text, der leise Verschiebungen ernst nimmt.
Manfred Gmeiner übersetzt Gustavo Faverón Patriaus „Unten leben“ (Droschl) aus dem Spanischen, Timea Tankó András Viskys „Die Aussiedlung“ (Suhrkamp) aus dem Ungarischen. Petra Zickmann schließlich überträgt Irene Solàs „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ (S. Fischer) aus dem Katalanischen.
Übersetzung erscheint hier nicht als technische Leistung, sondern als eigenständige Form der Literaturproduktion. Sie verschiebt Bedeutungen, erzeugt neue Lesbarkeiten und erweitert den literarischen Raum.
Ein Preis als Momentaufnahme
Die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026 zeigen ein literarisches Feld, das sich nicht auf klare Linien reduzieren lässt. Unterschiedliche Formen, Themen und Perspektiven stehen nebeneinander – verbunden durch eine gemeinsame Aufmerksamkeit für Sprache und Struktur.
Wer am Ende ausgezeichnet wird, entscheidet die Jury. Doch schon die Liste selbst fungiert als Diagnose: Sie zeigt, welche Fragen die Literatur derzeit stellt – und welche sie offenlässt.
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