Netz ohne Fischer, aber mit Wirkung – Rezension zu Sascha Kokots „Geisternetze“

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Es gibt Gedichte, die sofort nach Aufmerksamkeit verlangen. Und es gibt Gedichte, die sich Zeit lassen. Sascha Kokots neuer Band Geisternetze gehört entschieden zur zweiten Sorte. Diese Texte drängen sich nicht auf. Sie gehen ihren Weg – ruhig, beobachtend, Schritt für Schritt. Wer ihnen folgt, merkt schnell: Die eigentliche Spannung entsteht nicht aus großen Gesten, sondern aus Genauigkeit.

cms.ddeju Gans

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Geisternetze: Gedichte

Kokot schreibt Gedichte, als würde jemand durch eine Landschaft gehen und Dinge festhalten: Bewegungen, Verhältnisse, Kräfte. Diese Landschaft ist allerdings nicht mehr die klassische Natur der Lyrik. Sie besteht aus Geräten, Bildschirmen, medizinischen Apparaturen und urbanen Räumen.

Wer Kokots frühere Gedichte kennt, erinnert sich vielleicht an die starken Naturbilder seiner Texte. In Geisternetze scheint dieser Blick geblieben zu sein – nur dass sich die Landschaft verändert hat. Statt Feldern und Wäldern treten Geräte, Bildschirme und medizinische Apparaturen. Doch die Wahrnehmung bleibt dieselbe: genau, ruhig, beinahe topografisch.

So stehen Begriffe wie Embryoskop, Doppler, Server oder Ports ganz selbstverständlich im Gedicht. Sie wirken nicht wie Fremdkörper, sondern wie Elemente einer Gegenwart, in der Intimität unter Halogenlicht stattfindet und Hoffnung als Messwert erscheint. Schwangerschaft rauscht in Schwarzweiß über einen Bildschirm.

Und dennoch bleibt der Ton leise. Wenn es etwa heißt:

„wir umkreisen die Fusion
ihr Gewicht hat uns eingefangen“

dann klingt das zunächst physikalisch. Gravitation, Umlaufbahnen, Kräftefelder. Doch gerade in dieser physikalischen Metapher wird Bindung beschreibbar. Zwei Menschen geraten in ein Feld gegenseitiger Anziehung. Das Gedicht vermeidet jede romantische Überhöhung – und erreicht gerade dadurch eine überraschende Nähe.

Diese Balance zwischen Präzision und Gefühl ist typisch für Kokots Schreiben. Seine Gedichte wirken kontrolliert, manchmal beinahe sachlich, aber sie sind nie emotionslos. Zärtlichkeit entsteht hier nicht durch große Bilder, sondern durch kleine Verschiebungen.

„du wohnst in mir schöne Katze“

Dieser Satz ist von großer Innigkeit – und bleibt doch konkret. Gedanken haben Ecken und Kanten, Träume werden gejagt, das Herz erscheint als eine Gegend, in der ein Nest gebaut wird. Liebe ist in diesen Gedichten weniger Flamme als vielmehr eine Form des Einrichtens.

Auch Verlust wird bei Kokot nicht dramatisiert. Er erscheint als Veränderung im Gefüge der Wahrnehmung. Im Gedicht vom Winterhimmel fallen Flocken

„auf alles was wir noch vor kurzem
gemeinsam beschritten hatten“

Eine „alles löschende Decke“ bleibt zurück. Doch der Text endet nicht im Stillstand:

„sitze ich nun im berauschten Frühling
und warte auf dich“

Kein Umschlag ins Pathos, kein lauter Schluss. Nur eine Bewegung der Zeit.

Auffällig ist, wie häufig Kokot Beziehungen in räumlichen oder naturwissenschaftlichen Bildern denkt: Gravitation, Netze, Sedimente, Messungen. Gefühle erscheinen hier weniger als Explosionen denn als Kräftefelder.

Der Titel Geisternetze passt in diesem Zusammenhang erstaunlich gut. Ein Geisternetz ist etwas, das weiterwirkt, obwohl es scheinbar verlassen wurde. Ein Netz ohne Fischer, aber mit Wirkung. Genau so funktionieren viele dieser Gedichte: Sie zeigen Verbindungen, die bestehen bleiben, auch wenn ihre Ursachen längst verschwunden sind.

Auch die urbanen Texte folgen dieser Logik. Baustellen, Trams, Abrisshäuser, Betonstaub. Erinnerung erscheint hier fast geologisch. Vergangenheit liegt unter der Oberfläche und arbeitet weiter. In einem Gedicht heißt es, hinter den Fliesen eines Badezimmers lebten Fossilien.

Das ist ein typischer Kokot-Moment: Die Gegenwart bleibt sichtbar, aber darunter öffnen sich plötzlich Tiefenschichten.

Wer eruptive, pathetische Lyrik sucht, wird in Geisternetze kaum fündig werden. Kokots Gedichte setzen auf eine andere Form von Intensität. Sie vertrauen auf Genauigkeit, auf die Kraft der Beobachtung und auf eine Sprache, die sich nicht aufdrängt. Ihr Rhythmus ist der eines gleichmäßigen Gehens. Gerade darin liegt ihre Stärke. Diese Texte wollen nicht überwältigen – sie wollen genau sein. Und in dieser Genauigkeit entsteht eine stille, aber nachhaltige poetische Spannung.

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