Die Lücke im Satz – Die SWR Bestenliste im März 2026 als Gedächtnisraum

Vorlesen

Ein Großvater, geboren 1904. Er stirbt vor der Geburt der Enkelin. Er war Mitglied der Waffen-SS. Ein Täter. Mehr steht am Anfang nicht. Und doch ist damit ein Raum geöffnet, in dem sich die März-Ausgabe der SWR Bestenliste 2026 lesen lässt. Judith Hermanns Ich möchte zurückgehen in der Zeit steht mit 117 Punkten an der Spitze. Aber das Buch steht nicht allein. Es ist umstellt von Texten, die sich mit Erinnerung, Verstrickung, Fluchtlinien und der Fragilität von Wirklichkeit befassen. Die Liste wirkt in diesem Monat wie ein Archiv, das nicht ordnet, sondern tastet.

cms.lbogw S. FISCHER

Hier bestellen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Erinnerung als Widerstand gegen Eindeutigkeit

Hermanns Roman – 160 Seiten, schmal, fast zurückgenommen – folgt den Spuren eines Mannes, der sich dem Zugriff entzieht. Nicht, weil er unschuldig wäre, sondern weil die Sprache der Nachgeborenen versagt. Hermann schreibt nicht anklagend. Sie beschreibt eine Bewegung: die Annäherung an eine Figur, die im familiären Gedächtnis eher ausgespart als erzählt wurde. Das Buch ist kein Dokument, sondern eine Versuchsanordnung. Wie spricht man über Schuld, wenn sie genealogisch ist? Wie über Täter, wenn sie Teil der eigenen Herkunft sind?

Die Verweigerung von Erinnerung wird hier nicht als Skandal inszeniert, sondern als Struktur. Die Nachkommen sind nicht nur sprachlos, sie sind in Sprachmustern gefangen, die das Ungeheuerliche abschleifen. Hermann arbeitet mit Leerstellen. Ihre Prosa ist ruhig, beinahe kühl. Gerade darin liegt die Zumutung. Die Frage nach Verantwortung bleibt im Raum. Sie wird nicht beantwortet. Sie wird ausgestellt.

Generationenporträts im Splitterlicht

Dorota Masłowskas Im Paradies (110 Punkte) wirkt daneben wie eine Gegenwartsdiagnose unter Neonlicht. Die polnische Autorin montiert Figuren aus unterschiedlichen Milieus. Sie verbindet sie lose, trennt sie abrupt. Die Sprache ist hart, bisweilen schroff. Gefühle erscheinen als Relikte. Das Paradies ist kein Ort, sondern eine Ironie.

Masłowska zeigt eine Welt, in der Zugehörigkeit prekär geworden ist. Generationen sprechen aneinander vorbei. Identität ist kein Besitz, sondern ein flackernder Zustand. Die Prosa verweigert Harmonie. Sie setzt auf Brüche. Gerade dadurch entsteht ein Bild der Gegenwart, das nicht psychologisiert, sondern strukturell argumentiert: Gesellschaft als zersplittertes Feld, in dem jede Figur um Sichtbarkeit ringt.

Oroppa oder die Unruhe des Politischen

Safae el Khannoussis Roman Oroppa (70 Punkte) wurde früh als „Roman des Jahres“ gehandelt. Eine Zuschreibung, die Erwartungen produziert. Im Zentrum steht Abergel, eine jüdisch-marokkanische Künstlerin, die aus politischen Gründen ihr Land verlassen hat und verschwindet. Eine Gruppe sucht sie.

Die Suche ist das eigentliche Narrativ. Sie führt durch politische, kulturelle, diasporische Räume. El Khannoussi verknüpft individuelle Biografien mit geopolitischen Verschiebungen. Europa erscheint als Projektionsfläche und als Grenzregime. Identität ist hier nie stabil. Sie ist durchzogen von Geschichte, Religion, Migration.

Der Roman stellt die Frage, wem ein Körper gehört, wem eine Geschichte. Die Suche nach Abergel wird zur Suche nach einer Position im Geflecht globaler Machtverhältnisse. Dass ein solcher Text auf der SWR Bestenliste erscheint, zeigt eine Öffnung: Literatur als Ort transnationaler Aushandlung.

Täter, Tagebücher, Perspektiven

Mit Banines Tagebuch Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich (59 Punkte) tritt eine historische Figur ins Zentrum, die bis heute irritiert: Ernst Jünger. Die Aufzeichnungen eröffnen eine neue Perspektive auf seine Pariser Zeit während der Besatzung.

Interessant ist weniger der biografische Mehrwert als die Verschiebung des Blicks. Jünger erscheint nicht als Monument, sondern als Figur im Tagebuch einer anderen. Banine schreibt aus Nähe und Distanz zugleich. Ihre Beobachtungen sind persönlich, aber nicht naiv. Das Private wird zum Resonanzraum politischer Ambivalenz.

Wirklichkeit unter Strom

Ein Kontrapunkt findet sich in Ben Lerners Transkription, empfohlen von Daniela Strigl. Der Erzähler bekennt, seit 2008 über- oder unterfordert zu sein von der bloßen Tatsache, „dort zu sein, wo ich war“. Das Smartphone wird zur Metapher einer permanenten Entkopplung.

Lerner verbindet Liebesgeschichte, Reisebericht und Campusroman. Die Form ist unterhaltsam. Doch unter der Oberfläche arbeitet eine ontologische Frage: Was ist Wirklichkeit im Zeitalter permanenter Verfügbarkeit? Wahrnehmung ist technisch vermittelt. Das Gedächtnis wird ausgelagert.

Schuld durch Unterlassung

Norbert Gstreins Im ersten Licht (43 Punkte) spannt einen Bogen über ein Jahrhundert. Adrian Reiter, geboren 1901, steht daneben und ist trotzdem Teil des Ganzen. Die Frage, die der Roman stellt – ist man schuldig, wenn man nichts tut? – verbindet ihn mit Hermann.

Geschichte erscheint als Strom. Das Danebenstehen schützt nicht vor Verstrickung. Schuld wird nicht als spektakuläre Tat untersucht, sondern als Haltung. Das Schweigen wird politisch lesbar.

Abschiede und Denkmalformen

Julian Barnes’ Abschied(e) (36 Punkte) reflektiert Erinnerung, Liebe und Wahrhaftigkeit. Mit 80 Jahren schreibt Barnes gegen das Verschwinden an. Abschied wird zur literarischen Form.

Barbara Honigmanns Mischka. Drei Porträts (28 Punkte) setzt Überlebenden ein Denkmal. Keine Heroisierung. Sondern genaue Porträts von Menschen, die nach der Katastrophe auf geistige Freiheit bestehen.

Europa träumt

Wolfram Lotz’ Träume in Europa (25 Punkte) sammelt Traumschilderungen aus Internetforen. Europa erscheint als kollektives Unterbewusstsein. Das Politische verschiebt sich ins Imaginäre. Vielleicht sagt der Traum mehr über den Zustand eines Kontinents als jede Analyse.

Die Liste als Seismograf

30 Kritiker, 10 Bücher, eine Liste. Die SWR Bestenliste im März 2026 zeigt ein Muster: Erinnerung, Schuld, Generation, Migration, digitale Wirklichkeit. Auffällig ist die Verdichtung. Viele Bücher sind schmal. Präzise. Konzentriert.

Die Liste funktioniert wie ein Resonanzraum. Texte sprechen miteinander. Täter und Überlebende, Suchende und Beobachter, analoge Archive und digitale Transkriptionen stehen nebeneinander. Keine endgültigen Urteile. Nur Bewegungen.

Literatur im März 2026 beruhigt nicht. Sie öffnet Archive, verschiebt Perspektiven, befragt Gewissheiten. Und vielleicht ist genau das ihre eigentliche Geste: ein tastendes Zurückgehen in der Zeit, das weniger rückwärtsgewandt ist, als es scheint.

Die Bücher der SWR Bestenliste März 2026 mit Bewertungen

  1. Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit – 117 Punkte
  2. Dorota Masłowska: Im Paradies – 110 Punkte
  3. Safae el Khannoussi: Oroppa – 70 Punkte
  4. Banine: Liebe ist Dir verboten. Ernst Jünger und ich – 59 Punkte
  5. Joanna Bator: Die Flucht der Bärin – 51 Punkte
  6. Norbert Gstrein: Im ersten Licht – 43 Punkte
  7. Julian Barnes: Abschied(e) – 36 Punkte
  8. Barbara Honigmann: Mischka. Drei Porträts – 28 Punkte
  9. Alexander Schnickmann: Gestirne. Weltraumgedichte – 26 Punkte
  10. Wolfram Lotz: Träume in Europa – 25 Punkte
  11. Kristof Magnusson: Die Reise ans Ende der Geschichte – 25 Punkte

Hier bestellen

Ich möchte zurückgehen in der Zeit

Gefällt mir
0
 

Topnews

Aktuelles

Rezensionen