Der Teufel trägt Prada von Lauren Weisberger – Glamour als Arbeitsvertrag mit dem schlechten Gewissen

Vorlesen

Mode, Macht, Manhattan: Der Teufel trägt Prada ist nicht einfach eine Satire auf High Fashion, sondern ein Roman über Arbeit als Identität. Lauren Weisberger schickt die literaturaffine Collegeabsolventin Andrea Sachs in den Maschinenraum eines globalen Lifestyle-Imperiums – als Assistentin der gefürchteten Miranda Priestly, Chefin des Modemagazins Runway. Was folgt, ist weniger ein „Märchen in Manolos“ als eine Initiationsgeschichte über Preis, Privileg und Prioritäten. Der Clou: Der Roman lässt die glänzende Oberfläche wirken und zeigt gleichzeitig, wie viel unsichtbare Arbeit, Demütigung und Disziplin hinter ihr klebt. Das macht die Lektüre bis heute erstaunlich frisch.

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Der Teufel trägt Prada: Roman

Handlung von Der Teufel trägt Prada – Ein Jahr im Auge des Orkans

Andrea, Boston-Hintergrund, Literaturträume, landet – wider jede innere Stimme – im glamourösesten Vorzimmer New Yorks. Der Deal klingt verlockend: „Ein Jahr bei Miranda, und dir stehen alle Türen offen.“ In Wirklichkeit bedeutet er 24/7-Dienst, Telefonterror, Tüten schleppen, unmögliche Besorgungen (Jahreszeitenjäckchen im Juli, nicht veröffentlichte Harry-Potter-Ausgaben „für die Zwillinge“), Botengänge quer durch die Stadt, Reiseumbuchungen im Minutentakt, und jederzeit die Möglichkeit, ohne Vorwarnung ersetzt zu werden.

Andrea lernt schnell, dass bei Runway Zeit die härteste Währung ist: Wer zögert, verliert. Ihre Beziehung zu Freund Alex und die Freundschaft zu Lily leiden; Schlaf wird ein Luxusartikel. Parallel verändert sich ihr Blick auf Mode: Vom ironischen Desinteresse tastet sie sich zur Kenntnis vor – nicht aus Liebe, sondern weil Kenntnis Schutz bietet. Die Frage, die der Roman Andrea stellt, ist nicht „Willst du Mode?“, sondern: „Was bist du bereit zu opfern, um dazu zu gehören?“ Als eine Reise nach Paris die Eskalationsschraube anzieht, muss sie entscheiden, ob die Eintrittskarte in die Medienwelt den Verlust der Selbstachtung wert ist. Die Handlung bleibt auf Andrea fokussiert, lässt aber genug Raum, um Runway als System zu begreifen – von Praktikantinnen über PR-Agenten bis zu Fotografen und Designern, die an Mirandas Mikrobewegungen die Wetterlage ablesen.

Themen & Motive – Arbeit, Macht, Körper

Arbeitsmoral vs. Selbstausbeutung: Der Roman seziert die Grenzverwischung zwischen „Leidenschaft“ und Selbstausbeutung. Das Mantra „Du darfst glücklich sein, aber erst später“ rechtfertigt jede Grenzüberschreitung. Andrea rationalisiert das lange – bis sich ihre restlichen Lebensachsen schief stellen.

Macht als ästhetische Praxis: Miranda Priestly ist nicht nur Chefin, sie ist Institution. Ihre Macht äußert sich in Feinheiten: ein hochgezogener Augenbrauenbogen, ein seidenweicher Satz, der Existenzen verschiebt. Die Mode ist hier nicht bloß Stoff, sondern Disziplin: Wer dazugehört, lernt die Codes (Schnitt, Marke, Ton).

Körper und Klassenzugehörigkeit: Kleider sind in Weisbergers New York Standeszeichen. Andrea muss lernen, dass Dauerleistung in High Heels nicht nur ein Klischee ist, sondern Körpersprache der Zugehörigkeit. Der Roman bleibt ambivalent: Mode ist gleichzeitig Zwang und Spiel, Ausdruck und Uniform.

Freundschaft als Gegenmodell: Lily und Alex sind Korrekturspiegel. Ihr Abstand zu Andrea wird zum Seismografen der Entfremdung – ein unsentimentaler, deshalb glaubwürdiger Strang.


Das Nullerjahre-Labor für heutige Arbeitswelten

Als der Roman 2003 erschien, war er eine perfekt getimte Arbeitswelt-Satire der Nullerjahre: „Traumjobs“ in Medien, PR und Mode, Prekarität als Lifestyle, 80-Stunden-Wochen als Heldenreise. Heute lesen wir das als Vorläufer der Debatten über Care-Balance, mentale Gesundheit und „Hustle Culture“. Weisberger zeigt die unsichtbare Infrastrukturhinter einem Glanzprodukt: Kaffee, Kurier, Kalender – und eine Armee von Menschen, die den Schein sichern. Auch der Klassenaspekt sitzt: Aufstiegschancen gibt es – aber die Eintrittsprüfung ist teuer und frisst Beziehungen, Zeit und Selbstbild. Genau deshalb wirkt der Stoff bis heute: Er erzählt Gegenwart, nicht Nostalgie.

Schneller Takt, gut geölte Dialoge

Weisbergers Prosa ist leichtfüßig, sarkastisch, rasant. Dialoge tragen viel, die Innenperspektive hält Andrea nah, ohne sie zu schonen. Der Witz entsteht aus Reibung – zwischen Anspruch und Realität, Geschmack und Geld, Intelligenz und Instinkt. Stilistisch ist das kein barocker Satzbau, sondern Pointenprosa, die Szenen sauber baut und Timing kann. Genau diese Klarheit macht das Buch für Nicht-Mode-Leser zugänglich: Man muss Vogue nicht lieben, um zu verstehen, was hier auf dem Spiel steht.

Für wen eignet sich der Roman?

Für Leser, die Arbeitswelt-Romane mögen und nicht nur wissen, was passiert, sondern warum Menschen funktionieren, wie sie funktionieren. Für Fans von Satiren mit Herz, für Buchclubs, die über Grenzen der Selbstausbeutung, Klassencodes und Berufsethos sprechen wollen. Wer eine reine Romanze erwartet, wird überrascht; wer Charakterentwicklung unter Druck sucht, ist goldrichtig.


Kritische Einschätzung – Stärken & Schwächen, ehrlich gewichtet

Stärken:

  • Scharfe Figurenzeichnung: Miranda bleibt größer als Klatschvorlagen; sie ist dramaturgisch präzise – eine Antagonistin, die das System verkörpert.

  • Tempo & Witz: Der Roman liest sich im Sprint, ohne hohl zu werden; viele Szenen sind komisch, weil sie wahr wirken.

  • Zeitdiagnose: Selbstausbeutung, Glamourökonomie, Klassensymbole – sauber beobachtet, bis heute anschlussfähig.

Schwächen (je nach Erwartung):

  • Schwarz-Weiß-Gefahr: Nebenfiguren geraten gelegentlich zu Typen, die die Hauptachsen flankieren.

  • Moralischer Schnellschluss: Die späte Einsicht kommt zügig, was Leser, die Zwischentöne lieben, als zu glatt empfinden könnten.

  • Modewissen light: Wer tief in die Branche will, bekommt Atmosphäre statt Industrielehre.

Die Verfilmung – Satire mit Schimmereffekt (2006)

Die Filmadaption (Regie David Frankel) poliert den Stoff zur hochglänzenden Komödie – und trifft dabei erstaunlich oft den Kern. Meryl Streep spielt Miranda als eisigen Minimalismus mit feinen Rissen; Anne Hathaway gibt Andrea mit glaubwürdiger Lernkurve; Emily Blunt wird zum heimlichen Fan-Liebling. Der Ton ist wärmer als im Buch: Der Film humanisiert Miranda stärker, federt Härten mit Eleganz, Musik und Tempo ab.

Inhaltlich strafft er Handlungsstränge, schärft die Mentorin-Schülerin-Dynamik und setzt stärker auf Transformation als auf Abrechnung. Ergebnis: eine der prägendsten Popkultur-Satiren der 2000er – und ein Paradebeispiel dafür, wie man Oberflächenkritik mit Genuss erzählt, ohne zum Werbefilm zu kippen. Wer den Roman las, entdeckt die raueren Kanten; wer nur den Film kennt, bekommt im Buch die unbequemen Schatten dazu.


Weiterlesen: Die Rache trägt Prada – die offizielle Fortsetzung

Weisberger kehrte 2013 mit Die Rache trägt Prada – Der Teufel kehrt zurück“ ins Runway-Universum zurück: Andrea ist erwachsen, beruflich erfolgreich, privat im Spagat – und wird doch wieder in den Gravitationsbereich von Miranda gezogen. Thematisch verlagert sich der Fokus auf Erfolg vs. Loyalität, Freundschaft und den Preis, den es kostet, nicht mehr die Person von früher zu sein. Wer „Der Teufel trägt Prada“ mochte, findet hier den natürlichen Anschluss – ideal, um im nächsten Artikel nahtlos weiterzulesen.

(Tipp für eine spätere Vertiefung: „When Life Gives You Lululemons“ (2018) ist ein Spin-off mit Emily im Zentrum – bissig, suburban, PR-scharf.)

Ein Klassiker, weil er Arbeit ernst nimmt

Der Teufel trägt Prada bleibt deshalb relevant, weil er mehr leistet als eine Branchen-Roast: Er zeigt, wie BerufIdentität umformt – und wie leicht man sich moralisch verrechnet, wenn jeder Tag als Ausnahme gilt. Weisberger beherrscht die Quadratur aus Tempo, Witz und scharfer Beobachtung; sie gönnt dem Leser das Schwelgen im Glanz und präsentiert gleichzeitig die Rechnung. Wer nur Glamour will, bekommt ihn; wer Strukturkritik will, findet sie zwischen den Zeilen. Und wer nach dem Zuschlagen wissen will, wie man aus so einem System noch einmal entkommt (oder zurückstolpert), greift zur Fortsetzung – und hat Stoff für die nächste Diskussion.

Über die Autorin – Lauren Weisberger

Lauren Weisberger (geb. 1977) wuchs in Pennsylvania auf, arbeitete in New York u. a. bei Condé Nast und veröffentlichte 2003 mit „The Devil Wears Prada“ ihren Debütroman, der international zum Bestseller wurde. Es folgten unter anderem „Die Rache trägt Prada“ (2013) und „When Life Gives You Lululemons“ (2018). Weisberger schreibt mit satirischem Blick auf Aufstiegsfantasien, Frauenfreundschaften und die Ökonomie des Images – immer mit gut geschärfter Pointe.

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