Manchmal braucht es keine großen Thesen, sondern einen ruhigen Stuhl, ein warmes Licht und Worte, die nicht drängen. Murat Güleç’ „Es ist doch nur die Dunya: Worte für deinen inneren Frieden“ will genau das: ein Begleiter sein, kein Befehl. Statt Ratgebergestus serviert das Buch kurze, meditative Texte über Vergänglichkeit (Dunya), Hoffnung, Gottvertrauen und das kleine tägliche Bemühen, innerlich klar zu bleiben. Die Anlage ist bewusst schlicht, die Ansprache direkt („du“), die Zielrichtung präzise: zurück zu dem, was wirklich zählt – zu Allah und zu dir, wie der Klappentext es zusammenfasst. Wer wissen will, ob diese Schlichtheit trägt – und für wen sie sich lohnt –, bekommt hier die Einordnung.
Handlung von Es ist doch nur die Dunya – Miniaturen des Alltags
Das Buch besteht aus kurzen, in sich geschlossenen Kapiteln: Gedankensplitter, die einen Alltagseindruck nehmen (Stress, Neid, Schnellurteile, verlorene Zeit) und ihn behutsam umdrehen. Dazwischen stehen kleine Ermutigungen – nicht die Sorte „Du schaffst alles“, sondern die Sorte, die Grenzen anerkennt und trotzdem auf Bewegung besteht: Geduld (ṣabr), Dankbarkeit (shukr), Vertrauen (tawakkul). Wiederkehrendes Leitmotiv ist der Kontrast zwischen Dunya(diesseitige Welt, begrenzt, verführerisch, laut) und Akhira (jenseitige Verantwortung, Sinnhorizont, Ruhe). Anstelle von fertigen Lösungen formuliert Güleç Einladungen: innehalten, prüfen, neu gewichten. Genau so beschreibt es auch die offizielle Buchinformation: „Einladung zur Reflexion, zur inneren Ruhe und zur Rückkehr zu dem, was wirklich zählt.“
Die Texte lassen sich ohne Reihenfolge lesen – morgens als Ton für den Tag, abends als Reflex. Formal erinnert das an Andachtsliteratur: kurze Impulse, die Atmosphäre schaffen, nicht Abarbeitungslisten.
Themen & Motive – Dunya als Prüfstein, nicht als Feindbild
1) Vergänglichkeit als Ordnungsprinzip.
„Nur die Dunya“ heißt hier nicht: Das Diesseits sei wertlos. Es heißt: Miss die Dinge richtig. Prüfungen, Erfolge, Likes – alles durchlässig. Das Buch benutzt dieses Denken als kognitive Entlastung: Wer Wichtiges von Lautem trennt, atmet anders.
2) Verantwortete Hoffnung.
Hoffnung ist nicht rosiges Wünschen, sondern eine Arbeitsbeziehung zwischen Herz und Handlung: Du richtest dich aus – Gott gibt den Ausgang. Diese Doppelbewegung (Bemühen + Vertrauen) zieht sich als Tonleiter durch die Kapitel.
3) Anti-Zynismus.
Güleç argumentiert gegen den kleinen, bequemen Zynismus des Alltags: das reflexhafte Abwerten, das uns kurz schützt und langfristig aushöhlt. Stattdessen: Zartheit mit Zähnen – freundlich im Ton, klar in der Forderung.
4) Intimität der Ansprache.
Das konsequente „du“ schafft Nähe. Nicht jede Leserin mag das; wer sich darauf einlässt, erlebt die Texte als gesprochenen Zuspruch. So positioniert es auch der Handel: „Ein Buch für alle, die fühlen. Für alle, die glauben.“
Gesellschaftlicher Kontext – Muslimische Selbstsorge, deutschsprachig gedacht
Die wachsende deutschsprachige muslimische Community sucht nach Texten, die sowohl spirituell als auch alltagstauglich sind. Genau hier sitzt das Buch: niederschwellige Spiritualität, ohne gelehrten Diskurs, ohne harte Debattenfronten. Dass ein Band wie dieser in gängigen Buchketten (Thalia/Hugendubel, Dussmann) gelistet ist, zeigt: Sichtbarkeit wächst – und damit der Wunsch nach sprachlich zugänglicher religiöser Literatur jenseits akademischer Fachabteilungen.
Bemerkenswert ist, wie kulturell hybrid der Ton wirkt: Es ist eine deutsche Prosa, die muslimische Schlüsselbegriffe unkitschig führt. Das hilft Jugendlichen, Konvertierten, „Rückkehrern“ zum Glauben – und überhaupt allen, die Alltagsmystik lieber leise als laut haben.
Sanfter Imperativ, klare Bilder
Güleç schreibt ohne Pathos, aber mit Nähe. Kein Predigtgestus, sondern sanfter Imperativ: Schau hin. Ordne. Lass los. Typisch sind klare, kurze Sätze, kleine Bilder (Tasse, Telefon, Flüstern), kaum Theoriewörter. Wo Fachbegriffe auftauchen (Dunya, Akhira, ṣabr, shukr), tragen sie funktional, nicht als Schmuck. Das ergibt einen langsam lesbarenTon – ideal, um beim Wort Ruhe nicht nur zu nicken, sondern tatsächlich ruhiger zu werden.
Für wen eignet sich das Buch?
-
Für Suchende, die einen freundlichen Einstieg in spirituelle Selbstprüfung wünschen.
-
Für Leser, denen mantraschwere „Motivationsbücher“ zu laut sind und die sanfte Verbindlichkeit bevorzugen.
-
Für Jugendliche/Studierende, die zwischen Alltag und Andacht einen tragbaren Kompass suchen.
-
Für Buchclubs in Moscheegemeinden oder interreligiöse Lesekreise – als Einstiegsbuch, das Gespräche ermöglicht, ohne zu überfordern.
Kritische Einschätzung – Stärken & Reibungen
Was überzeugt:
-
Niedrige Einstiegsschwelle: kurze Kapitel, klare Sprache, kein Überwältigungs-Paket – man kann sofort lesen und wirken lassen.
-
Haltung statt Hype: Der Band verspricht keine „Life Hacks“, sondern Haltung – und ist damit ehrlicher als vieles, was in der Selbsthilfe-Ecke steht.
-
Ton der Zuwendung: Das konsequente „du“ schafft Bindung; viele werden das als persönliches Gegenüber erleben.
Wo es reibt (und warum das ok ist):
-
Begrenzte Tiefe: Wer theologische Ausarbeitung erwartet (Qurʾan-Exegesen, Hadith-Diskussionen), wird unterfüttert weiterdenken müssen – das ist aber nicht der Anspruch des Buchs.
-
Wiederholungsgefühl: Weil die Form Miniaturen bevorzugt, klingen manches Mal Motive ähnlich – für meditative Lektüre gut, für „Durchleser“ eventuell monoton.
-
Beispielarmut: Die Texte vermeiden konkrete Fallberichte; wer Anwendungsfälle braucht (Familie, Job, Social Media), hätte sich an manchen Stellen mehr Szenik gewünscht.
Über den Autor – Murat Güleç
Murat Güleç schreibt auf Deutsch über innere Sammlung, Gottesvertrauen und alltagsnahe Spiritualität. Mit „Es ist doch nur die Dunya“ legt er einen kompakten Band mit meditativen Texten vor; gelistet ist er im deutschsprachigen Buchhandel von Thalia bis Dussmann. 2025 erschien zudem „Das Herz eines Muslims: Weisheiten für dein Herz“, das denselben Grundton – zuwendend, klar, praxisnah – variiert.
Veröffentlicht wird im Self-Publishing-Umfeld (Bookmundo), was zur Handschrift passt: direkter Kontakt zum Leser, niedrigschwellige Produktion, keine akademische Attitüde. Die Positionierung im Handel zeigt: Für leise, glaubensnahe Selbstsorge gibt es ein wachsendes Publikum.
Drei kurze Fragen, die Leser wirklich stellen
Ist das Buch nur für praktizierende Muslime?
Es ist klar islamisch grundiert (Wortfelder, Gottesbezug). Wer spirituell offen liest, kann viel mitnehmen; die höchste Resonanz liegt aber bei Leserinnen und Lesern mit islamischem Bezug.
Kann man „quer“ lesen?
Ja. Die Kapitel sind autonom. Viele nutzen das Buch als Morgen- oder Abendimpuls; durchlesen geht auch, verschenkt aber die Langsamkeit, die der Text sucht.
Brauche ich Vorkenntnisse?
Nein. Zentrale Begriffe werden implizit erklärt oder sind kontextverständlich; theologische Detailtiefe ist nicht das Ziel – eher innere Orientierung.
Ein kleines Buch mit ruhiger Autorität
„Es ist doch nur die Dunya“ ist kein Paukenschlag, sondern ein Stimmgabel-Buch: Man schlägt es an – und die eigene Innenwelt stimmt sich neu. Wer eine freundliche, klare Erinnerung daran sucht, was bleibt, wenn Geräusche verklingen, wird hier fündig. Wer Debatten oder Theorie will, greift besser zu anderen Titeln. Aber als tägliche Gegenwart – zwischen U-Bahn, Kinderzimmer, Schichtdienst – überzeugt dieser Band mit Respekt, Wärme und Disziplin. Er ist, was er sein will: Worte für deinen inneren Frieden.
Topnews
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
Wiedersehen im Café am Rande der Welt von John Strelecky – Zurück an den Tisch, an dem das Leben Fragen stellt
The Alchemist – Paulo Coelhos fesselnder Meisterroman über Träume & Schicksal
„Diese brennende Leere“ von Jorge Comensal – Wenn die Zukunft in Flammen steht
"The Book: On the Taboo Against Knowing Who You Are" von Alan Watts – Eine Reise zum wahren Selbst
„Rilke: Dichter der Angst – Eine Biografie“ von Manfred Koch
Das große Winterabenteuer von Hierony-Maus
Schmerz der Erkenntnis: Es braucht die Jüngeren!
Die allerschönste Abhängigkeit!
Der digitale Wandel stockt
Packender Jugendthriller mit Gänsehautmomenten
Wie ein Pfarrer in die USA auswandert
Aktuelles
Es ist doch nur die Dunya von Murat Gülec – Ein leises Buch für laute Tage
Nicolas Mahler erhält 2026 Wilhelm-Busch-Preis und e.o.plauen-Preis
Die vergessene Hausapotheke von Dr. Nicole Apelian – Alte Rezepte, neue Dringlichkeit