Der Mann im roten Mantel – The Life and Adventures of Santa Claus von L. Frank Baum
Am Anfang steht ein Wald. Kein finsterer, bedrohlicher Märchenwald, sondern ein Raum der Ordnung und Stille: Burzee. Wer The Life and Adventures of Santa Claus öffnet, betritt nicht einfach eine fiktionale Welt – er betritt eine Denkfigur. Der Wald Burzee ist Ursprungsraum, Schutzraum, und schließlich auch: Ausschlussraum. In ihm wohnen keine Menschen, sondern Kategorien: die Nymphs, Ryls, Knooks, Fairies – Repräsentanten einer Naturordnung, die weder Evolution noch Geschichte kennt. Es ist eine Welt vor der Zeit, doch nicht ohne Gesetz.
Mythos als Raumordnung
Schon die Beschreibung des Waldes folgt einem klaren Ordnungsprinzip. Die Bäume „intertwine“, oben wie unten, bilden ein geschlossenes System, durch das nur spärlich Licht dringt. Was in anderen Geschichten Unheimliches bedeutet – das Dickicht, der Schatten – wird bei Baum zur Geborgenheit. Die Dunkelheit ist nicht bedrohlich, sondern regulierend. Chaos existiert hier nicht, weil jedes Wesen seinen Platz kennt. Burzee ist eine modellhafte Welt: eine utopische Ökologie, die von Wiederkehr und Erhaltung lebt, nicht von Veränderung.
Der Wald spricht nicht zur Leserin – er schweigt. Aber sein Schweigen ist strukturiert. Alles hat seinen Namen, seine Funktion, seine Beziehung. Die Nymphe Necile etwa ist nicht einfach eine Figur, sondern Teil eines Systems, das sich über Farben, Aufgaben und Beziehungen definiert. Ihre Welt ist ornamental, aber stabil – bis ein Kind auftaucht.
Das Kind als Störung
Claus, nackt und schutzlos, wird am Rand des Waldes gefunden. Doch mit ihm tritt eine andere Dimension in den Text: die der Geschichte. Denn mit Claus kommt Zeit in den Wald – Wachstum, Bedürftigkeit, Veränderung. Burzee, das bisher statische System, wird durch ein fremdes Element irritiert. Die Adoption des Kindes durch Necile ist in dieser Hinsicht ein symbolischer Akt: Sie stellt nicht nur die emotionale Öffnung der Figur dar, sondern auch die epistemologische Öffnung des Waldes zur Welt.
In der Szene, in der Necile das Kind entdeckt und mitnimmt, geschieht ein Perspektivwechsel: Von der narrativen Beschreibung gleitet Baum in eine beinahe sakrale Bildsprache. Die Nymphe mit dem Kind im Arm, der Wald, der sie schweigend aufnimmt, der Widerstand der Gesetze – das ist weniger eine Handlung als eine Allegorie: auf die Aufnahme des Anderen in das Eigene. Claus ist kein Eindringling, sondern eine Anfrage. An die Natur, an die Unsterblichkeit, an das Gesetz.
Ak und die Umkehr des Gesetzes
Die Reaktion des großen Ak, des Master Woodsman, ist zentral: Er duldet, was verboten war. Doch nicht aus Sentimentalität, sondern aus Einsicht. Die Szene, in der er Necile die Stirn küsst, bricht mit der Statik des Waldes. Es ist der Moment, in dem der Mythos seine Unumstößlichkeit verliert – und dadurch lebendig wird. Baum zeigt hier nicht nur den Ursprung einer Figur, sondern auch den Ursprung eines Prinzips: dass jedes Gesetz die Möglichkeit seiner Umkehr in sich tragen muss. Claus wird zur Ausnahmestelle im System – und genau darin liegt seine Bedeutung.
Denn Claus, der in Burzee zur Kindheit der Welt gehört, wird später zu ihrer Erinnerung. Er taucht nicht durch den Schornstein, sondern aus dem Nebel einer anderen Welt: Ein Findelkind, geborgen bei sprechenden Tieren und unsterblichen Wesen, das zu dem wird, was wir heute Santa Claus nennen.
Der Mensch wird gemacht
Es ist auffällig, wie konsequent Baum Claus nicht als Natur-, sondern als Kulturwesen denkt. Die Welt, in die er später hinaustritt – die Welt der „echten“ Menschen –, ist kalt, ungerecht, von Armut durchzogen. Claus entscheidet sich, die Not der Kinder zu lindern, indem er ihnen Geschenke macht – und dabei nicht bloß Spielsachen, sondern Zuwendung. Der Akt des Schenkens wird zu einem zivilisatorischen Prinzip. So, wie Claus im Wald von Burzee aufgezogen wurde, so zieht er nun die Welt auf: mit Wärme, Ritualen, Geschichten.
Dass Claus am Ende Unsterblichkeit verliehen bekommt, wirkt wie ein Zugeständnis an die Funktion, die er übernimmt: Er soll nicht sterben, weil das, wofür er steht – Fürsorge, Gerechtigkeit, Trost –, nicht enden darf. Die Erzählung ist auch ein Gleichnis auf das Weiterwirken von Ideen durch Institutionalisierung. Aus einer Figur wird eine Figur gewordene Institution.
Weihnachten als Wiederholungssystem
Baum erzählt Weihnachten nicht aus theologischer, sondern aus narrativer Perspektive. Ihm geht es nicht um ein Ereignis (Geburt Christi), sondern um ein Prinzip (Hoffnung durch Handlung). Das Weihnachtsfest, wie es sich hier entfaltet, ist eine poetische Maschine: Es produziert Sinn durch Wiederholung. Jedes Jahr, dieselbe Reise, dieselbe Geste, dieselbe Nacht – und doch immer anders, weil jedes Kind anders ist.
Claus wird nicht durch Wunder zum Heiligen, sondern durch Beharrlichkeit zum Symbol. In einer Welt, in der die Götter keine Kinder mehr retten, übernimmt ein Mensch ihre Funktion – und wird dadurch größer als sie. Baum schreibt damit eine säkulare Genesis: Der Mensch schafft sich seinen eigenen Heiligen, nicht durch Macht, sondern durch Mitgefühl.
Zwischen Mythos und Modell
Die stille Ironie, mit der Baum erzählt, bewahrt den Text vor Kitsch. Die Immortals wirken bisweilen wie Verwaltungsbeamte eines kosmischen Sozialamts. Doch genau in dieser Spannung entfaltet sich das Buch als moderne Mythologie: Eine Geschichte über Kindheit, Gesetz, und die literarische Konstruktion von Moral. The Life and Adventures of Santa Claus ist ein Buch über den Ursprung einer Figur – und zugleich über die Frage, wie Erzählungen Herkunft erzeugen. Der rote Mantel ist keine Tradition. Er ist eine Erfindung. Aber eine, die trägt.
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