Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026 geht an den kroatisch-bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergović. Ausgezeichnet wird sein Erzählband Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered, erschienen im Suhrkamp Verlag und übersetzt von Brigitte Döbert. Die Preisverleihung findet am 18. März 2026 im Gewandhaus zu Leipzig statt. Die Laudatio hält die serbisch-österreichische Autorin Barbi Marković.
Ein Mann auf der Brüstung
Ein Mann sitzt auf einer Brüstung, Sarajevo liegt unter ihm — rußig, leer und zugleich voll von Stimmen. In seinem Blick spiegelt sich die Stadt, ihre Geister, ihre Fragmente. So etwas wie Erinnerung, die sich weigert abzureißen. Mit solcher Erinnerung im Blick blickt Miljenko Jergović auf Europa — und erhält dafür den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2026.
Warum gerade „Das verrückte Herz“
Der Preis geht an Jergović für seinen Erzählband Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered. In der Begründung der Jury heißt es, Jergović taste „mit großer Unbeirrbarkeit die Bruchlinien der Geschichte des Westbalkans ab“. Ob in Familienpanoramen, schrägen Roadmovies oder einem stillen Vaterporträt — stets bilden Kriegserfahrungen den Kern.
Der neue Band tritt als spätes Echo zum Klassiker Sarajevo Marlboro auf, der in den 1990er Jahren zum literarischen Zeichenraum der Belagerung wurde. Was damals fragmentarisch begann — kleine Alltagssplitter im Bombenhagel —, findet in Das verrückte Herz seine Fortsetzung, seine Vertiefung. Eine Rückkehr mit veränderter Distanz, aber ungebrochener Aufmerksamkeit.
So nimmt Jergović die Versehrungen der Individuen und die Verheerungen der Gesellschaft ins Visier — mal drastisch, mal poetisch. Ein ästhetischer Widerstand gegen Vereinfachung und nationalistische Verklärung. Es ist Literatur, die sich weigert, Geschichte in eindeutige Narrative zu übersetzen.
Der Preis und seine Bedeutung
Der Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung wird seit 1994 vergeben. Er ehrt Werke, die in besonderer Weise zum Dialog zwischen Ost und West, zwischen Erinnern und Erzählen beitragen. Dotiert ist er mit 20.000 Euro.
Er ist kein Preis für Versöhnungspoesie. Er ist ein Preis für den genauen Blick. Für literarische Arbeit, die sich mit Sprache tastend durch Trümmer bewegt. Für Stimmen, die an Vergessen nicht glauben.
Die diesjährige Jury besteht aus Maike Albath, Katja Gasser, Skadi Jennicke (Vorsitz), Michael Lemling und Lothar Müller. Dass sie Jergović auszeichnet, bedeutet mehr als ein Lob für sein aktuelles Buch. Es ist ein Zeichen, dass europäische Verständigung nicht im Konsens liegt, sondern in der Fähigkeit, komplexe Geschichten auszuhalten.
Erinnern als Widerstand
In Jergovićs Erzählungen sind es nicht die großen Schlachten oder heroischen Gesten, die zum Sinnbild werden. Es sind Glücksunterhosen, die nicht mehr passen. Vasen, die Bomben überleben und dann doch zerbrechen. Nachbarn, die zu Belagerern überlaufen. Das Pfeifen von Granaten, das an Flaggenmasten am Meer erinnert.
Solche Details sind keine Kuriositäten. Sie sind Widerstand. Gegen das Archivieren von Leben in Tabellen. Gegen die Konversion von Schmerz in Parolen. Gegen das Erzählen in nationalen Farben. Jergović schreibt in den Ritzen, in der Zwischenzeit. Und gibt damit Raum für das, was sich dem großen Erzählen entzieht.
Eine Narbe Europas lesen
Der Preis an Miljenko Jergović markiert keine Rückkehr zu alten politischen Mustern. Er markiert das Weiterdenken eines Europas, das zerbrochene Räume, verlorene Städte, stille Geschichten nicht als Schwäche behandelt, sondern als Bestandteil seines Gedächtnisses.
Das verrückte Herz lädt nicht zum Trost. Es zwingt nicht in ein Versöhnungsbild. Es bewahrt Bruchstücke — und mit ihnen das Gewicht dieser Jahre. Der Preis ehrt, dass Jergović uns dieses Bewahren nicht überlässt: Sprache als Resonanzraum gegen das Schweigen der großen Narrative.
Es bleibt die Frage: Wie liest Europa eine Narbe, ohne sie zu kaschieren? Und gibt es aus diesen Narben Hoffnung — auf Menschlichkeit, auf Erinnerung, auf Verständigung? Manche Antworten liegen im Zögern. Manche im Erzählen.
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