Vor Netflix, vor den Spielen, vor dem Popkultur-Orkan stand ein schmales Buch mit sieben Geschichten: „Der letzte Wunsch“. Hier betritt Geralt von Riva die Bühne – nicht als strahlender Retter, sondern als vertragstreuer Profi, der Monster erledigt und Menschen dabei mitdenkt. Sapkowski kombiniert Märchenmotive, slawische Mythen und trockenen Humor zu einer Fantasy, die Grautöne liebt. Die Sammlung erschien 1993 zuerst in Polen (Originaltitel „Ostatnie życzenie“), die deutsche Ausgabe liegt heute u. a. bei dtv (Übersetzer: Erik Simon). Wer wissen will, warum The Witcher mehr ist als Schwertgeklirre: Hier beginnt es.
Der letzte Wunsch (The Witcher 1) von Andrzej Sapkowski:Wo Märchen scharfkantig werden
Handlung von Der letzte Wunsch
Der Band ist als Rahmenerzählung komponiert: Geralt wird nach einer Verletzung im Tempel der Melitele gesund gepflegt. Zwischen Gesprächen mit der Priesterin Nenneke erinnert er sich an jüngste Aufträge – jede Erinnerung eine eigenständige Story. Diese Struktur erzeugt zwei Leseflüsse: den ruhigen, fast essayistischen Klinikrhythmus und die pulsierenden Einsätze draußen.
In den Geschichten begegnet Geralt verwunschenen Fürsten, Strigen, Silvanern, Djinns und ganz normalen Dorfgemeinschaften, die weniger Monster brauchen als Mediation. Besonders zentral ist der spätere „Kanon-Moment“: die Djinn-Episode mit Yennefer von Vengerberg, bei der sich ein lebensgefährlicher Zauber mit einer sehr irdischen Anziehung verschränkt – ohne Romanzucker, dafür mit Konsequenzen, die die Reihe prägen. Dass die Sammlung als offizieller Einstieg ins Witcher-Universum gilt (trotz früherer Texte), ist kein Zufall: Sie baut Figuren, Ton und Leitmotive, auf denen die Romane stehen.
Was Sapkowski wirklich verhandelt
1) Moral als Handwerk: Geralt hat keinen Heiligenschein, sondern einen Kodex. Er verhandelt, prüft, zweifelt – und arbeitet mit Kosten-Nutzen-Logik gegen das einfache Gut/Böse-Schema. Monster sind oft Symptome, Menschen die Ursache.
2) Märchen unter Realbedingungen: Schneewittchen, Die Schöne und das Biest, Nixen – Sapkowski entromantisiert die Vorlagen, ohne ihnen die Magie zu nehmen. Pointe: Geschichten helfen, solange man ihnen nicht blind folgt.
3) Sprache als Waffe: Die berühmten Dialoge sind klingenscharf: Ironie als Schutzschild, Pointen als Druckabbau, Verträge als Kampfzone. Was gesagt wird (und was nicht), entscheidet häufig stärker als ein Hieb.
4) Schicksal als Beziehung: Der Band deutet bereits das zentrale Trio an: Geralt, Yennefer, später Ciri. „Schicksal“ ist hier weniger Prophezeiung als Bindungspflicht – ein Motiv, das die Hauptsaga entfaltet.
Warum sich das 2025 so modern liest
Die frühen Witcher-Texte entstanden zwischen spätem Ostblock und Transformation. Sapkowski traut Institutionen nicht blind – weder Königen noch Gilden noch Magierkonventen. Dieses Misstrauen gegenüber großen Erzählungen passt unheimlich gut in eine Gegenwart, die sich mit Propaganda, Identitätspolitik und Deutungshoheit herumschlägt.
„Der letzte Wunsch“ demonstriert, wie man Ambivalenz erzählt, ohne moralische Beliebigkeit: Entscheidungen haben Preis, Verträge Kleingedrucktes, und Neutralität ist nur so lange bequem, bis ein Mensch im Weg steht. (Dass dtv die Sammlung als Einstieg in „die Bücher zur Netflix-Serie“ positioniert, zeigt, wie stark dieser Ton heute anschlussfähig ist.)
Dialoggetrieben, pointiert, frei von Zierrat
Sapkowski ist ein Meister des szenischen Dialogs. Er zeigt Figuren, statt sie zu erklären. Die Prosa (in der deutschen Übertragung von Erik Simon) ist präzise, mal lakonisch, mal poetisch, selten pathetisch. Die Rahmenerzählung im Tempel bietet Atempausen, die Kurzgeschichten liefern Reibung – eine Rhythmik, die auch Nicht-Fantasy-Leser abholt. Wer „nur drei Seiten“ lesen will, ertappt sich oft bei drei Geschichten.
Für wen eignet sich „Der letzte Wunsch“?
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Fantasy-Leser, die Graubereiche und Dialogintelligenz mögen – weniger Lore-Lehrgänge, mehr moralische Entscheidungssituationen.
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Serien- oder Game-Fans, die den Originalton suchen: trockener Humor, schneidende Ethik, wenig Kitsch.
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Buchclubs, die über Verantwortung, Verträge und Zweitchancen sprechen wollen – kurz: über die kleinen Ethiken des Alltags im fantastischen Gewand.
Kritische Einschätzung – Stärken & Schwächen
Stärken
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Sofortiger Ton: In wenigen Seiten sind Figur, Welt und Konfliktlogik klar – ohne Expositionsstau.
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Märchen-Refraiming: Bekanntes wird frisch und ambivalent, nie zur Zitatenschau.
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Rahmenbau: Tempelszenen + Einsätze erzeugen Lesesog und Thementiefe.
Schwächen
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Episodenform: Wer einen Romanbogen erwartet, braucht Geduld – die Sammlung „atmet“ anders.
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Politik im Hintergrund: Die großen Linien (Kriege, Fraktionen) bleiben hier noch Skizze; das holt erst die Saga nach.
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Tonlage: Der trockene Witz kann kühl wirken, wenn man klassisches High-Fantasy-Pathos sucht.
Warum dieser Band bleibt
„Der letzte Wunsch“ ist kein Warm-up, sondern Grundstein. Er zeigt, wie man Fantasy ohne Schwarz-Weiß erzählt, wie Märchen als Ethiklabore funktionieren und warum ein Hexer mit Vertrag manchmal mehr Haltung hat als ein Ritter mit Schwur. Wer mit Geralt einsteigen will, beginnt hier – und versteht danach, weshalb die spätere Saga nicht von Drachen lebt, sondern von Entscheidungen. Klare Empfehlung: für Einsteiger wie für alte Hasen, die wissen wollen, wie der Ton entstand, dem heute Serien und Spiele verpflichtet sind.
Über den Autor – Andrzej Sapkowski
Andrzej Sapkowski (1948, Łódź) gilt als eine Schlüsselfigur der europäischen Fantasy. Neben der Witcher-Reihe schrieb er u. a. die Hussiten-Trilogie. Seine Auszeichnungen reichen vom Zajdel-Preis (Polen) bis zum World Fantasy Award – Life Achievement. Charakteristisch: skeptische Moderne trifft heroische Stoffe – eine Kombination, die die Witcher-Texte so langlebig macht.
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