Die Katastrophe Seite 2

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Plötzlich hörte ich einen furchtbaren Schrei. Zuerst dachte ich, ich träume. Aber da hörte ich Männerstimmen und dazwischen immer wieder Mutters Worte: "Das kann nicht sein!" Ich zog mir schnell einen Mantel über und lief in die Küche. Morgenröcke gab es ja nicht. Da sagte einer der Männer: "Frau Hake, beruhigen Sie sich doch, er ist doch nur eingeschlossen. Vielleicht können ihn seine Kumpels noch retten." "Oh ja, so wird es sein. Hilde, hol schon meine Sachen, dann kann ich gleich bei ihm sein!" Die Leute aus dem Haus liefen zusammen. Sie hatten das Schreien gehört. Sie versuchten, Mutter zu trösten. Da kam Heini von der Zeche, er hatte auch Mittagsschicht. Sie sah gleich, was los war, sodass sie auf einmal ruhig wurde. Sie konnte es nicht glauben. Er war doch noch so jung: 44 Jahre. Sie hatte ihn noch mittags mit Rudi ein Stück begleitet. Heini erklärte: "Mutter, seine Kumpels hatten ihn schon fast frei, da kam die Kohle von Neuem runter. Es gab keine Rettung. Vielleicht, wenn ich dabei gewesen wäre, wäre mir noch was eingefallen. Sein bester Freund ist mit ihm umgekommen. Er war noch ein paar Jahre jünger als Vater. Die Kumpels, die ihn befreien wollten, waren ganz erschöpft und klitschnass geschwitzt und wären beinahe noch mit verschüttet worden." "Oh Gott", sagte Mutter, "nur das nicht!" Mutter konnte es nicht fassen, dass Vater sie alleine gelassen hatte. Drei Tage lang rührte sie nichts an. Tante Anna kochte ihr immer eine kräftige Brühe, davon trank sie nach vielem Bitten einen Schluck. "Lisbeth", sagte Tante Anna, "du musst dich zusammenreißen! Denk an die Kinder! Besonders an Erich, er braucht dich." Ich sah nie wieder so einen traurigen Menschen. Sie war so weit weg mit ihren Gedanken, hat uns einfach nicht verstanden. Am Beerdigungstag mussten wir sie wie ein kleines Kind anziehen. Als wir nach draußen kamen, waren wir platt: Tausende von Menschen! Der Trauerzug wollte nicht enden. Selbst die Zeitungen waren voll, dass noch nie ein Arbeiter eine solche Beerdigung gehabt hätte. Ein paar von seinen Tauben begleiteten den Trauerzug. Der Korb war mit einem schwarzen Tuch bedeckt. Mutter ging hinter dem Sarg her, sie wollte nicht gefahren werden. Aber als alles vorbei war, brach sie auf dem Friedhof zusammen. Der Taubenkorb wurde zum Schluss geöffnet. Es war unglaublich: Die Tiere hatten keine Angst und setzten sich um das Grab herum. Der Totengräber erzählte uns später, dass die Tauben noch nach drei Tagen über das Grab geflogen seien. Wir glaubten es kaum, aber es wird schon so gewesen sein. Jeden Abend ging Mutter zum Friedhof, danach wurde sie ruhiger. Wenn ich es eben schaffte, begleitet ich sie. Unser Stummel ging auch mit. Er hatte eine ganz wunderschöne Taube gemalt und sie Vater in den Sarg gelegt, ohne etwas zu sagen. Mutter freute sich darüber und sagte: "Mein Kleiner, du wirst mir keine Sorgen bereiten." Heini und ich gingen nach ein paar Monaten wieder unserem Vergnügen nach. Damit war Mutter auch einverstanden. Aber ein ganzes Jahr gingen wir jeden Sonntag zum Friedhof. Vaters Grab war wie ein Blumenmeer. Die anderen waren noch nicht verwelkt, dann waren schon wieder frische drauf. Schaffte es Mutter mal nicht, fuhr ich mit dem Fahrrad. Wir hatten ja selbst viele Blumen im Garten, da brauchten wir kein Geld dafür auszugeben. Mit der Zeit hatte Mutter sich mit dem Schicksal versöhnt. Tante Anna, auch Tante Mimmi, standen Mutter immer zur Seite. Auch Vaters Geschwister, besonders sein Bruder Ludwig und seine Frau, die tolle Emma. Er kümmerte sich um die Rente und nahm Mutter alles ab, was eben möglich war. Sie kannte sich ja in nichts aus. Onkel Ludwig umso besser. Tante Emma ließ keine Trauermine aufkommen. Wenn sie uns besuchten, war was los. Ich machte ja die schönsten Handarbeiten. Dafür hatte sie immer Verwendung. Sie hatten ein ganzes Haus und waren herrlich eingerichtet, da war für jede Handarbeit ein besonderer Platz. Darum gab ich auch immer gerne etwas ab. Ich liebte das Schöne und freute mich, wenn ich sie besuchen durfte. Onkel Ludwig hatte einen Narren an mir gefressen. Mutter hatte mich auch immer piekfein ausgestattet, und ich war immer guter Laune. Sie hatten drei Söhne, da war ich Hahn im Korb. Aber je älter wir wurden, umso seltener wurden die Besuche. Auch Vaters Schwestern besuchten uns. Eine war netter als die andere. Sie hatten gerade Vater alle besonders liebgehabt. Es ging nur immer um ihn. "Unser Heinrich, unser Heinrich." Sie konnten es nicht begreifen, dass gerade ihn, der niemandem etwas zuleide getan und nur Frohsinn und Freude verbreitet hatte, das Schicksal so hart traf. Aber wie es nun mal ist: Das Leben musste weitergehen. Die Arbeit ließ Mutter nicht viel Zeit zum Nachdenken. Sie war glücklich, dass sie sich um mich keine Sorgen zu machen brauchte.


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