Der japanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe ist tot. Wie sein Verlag Kodansha am Montag mitteilte, starb Oe am 3. März im Alter von 88 Jahren an Altersschwäche.
Für den früheren Bundeskanzler Willy Brandt war er so etwas wie der Günter Grass Japans; Henry Miller rückte ihn gar in die Nähe eines Dostojewski. Der japanische Schriftsteller Kenzaburo Oe war Provokateur und Außenseiter, entschiedener Atomgegner und Pazifist. Er zählte zu den großen Autoren der unmittelbaren Nachkriegsgeneration; einer Generation, die ihr künstlerisches Schaffen nicht von der gesellschaftlichen Wirkmächtigkeit ihres Werkes und - insbesondere - ihrer Person trennen konnte. Immer wieder, bis ins hohe Alter hinein, rannte Oe gegen konservative Bestrebungen der japanischen Regierung an. Als pazifistischer Mahner forderte er sein Land nach der Atomkatastrophe von Fukushima zum Ausstieg aus der Atomkraft auf. Vergeblich. Vehement verteidigte er die japanische Nachkriegsverfassung (Artikel 9), die die rechtskonservative Regierung unter Shinzō Abe 2014 "neuinterpretierte", um anschließend eine neue Militärdoktrin einzuführen. Auch Abe´s Vorstoß, stärkere Bestrafungen für Geheimnisverrat zu erlassen, begegnet der Literaturnobelpreisträger mit entschiedener Ablehnung und warnte vor dem Rückfall Japans in Zeiten, die zum Zweiten Weltkrieg führten.
Nobelpreis für Literatur 1994
Wo immer er es für nötig hielt, bezog Kenzaburo Oe Stellung und verteidigte seine Positionen mit einer Kraft, die auf die Lehren einer schmerzlichen Vergangenheit zurückzuführen ist. Gerade hier setzte der frühere Bundeskanzler Willy Brandt an, als er meinte, Oe spiele in seinem Land "offenbar dieselbe Rolle wie Günter Grass in Deutschland. Gemeint war damit die Rolle des "Netzbeschmutzers", die Oe in den Augen vieler einnahm.
Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises 1994 würdigte die Schwedische Akademie nicht nur Kenzaburo Oe´s literarisches Schaffen, sondern auch seine Rolle als Sozialkritiker, der unter anderem auch vor den Folgen einer unreflektierten Verwestlichung seines Heimatlandes warnte. Hinsichtlich seiner Bücher sprach das Komitee von fiktiven Werken, in denen "poetische Kraft eine imaginäre Welt erschafft, in der sich Leben und Mythos zu einem beunruhigenden Bild der misslichen menschlichen Lage verdichten"
Oe´s Werk war stark von der Europäischen Literatur geprägt. Wichtige Einflüsse waren unter anderem der französische Existenzialismus um Sartre und Camus, aber auch die Werke Thomas Mann´s, in denen der Autor insbesondere die Verbindung zwischen literarischer und gesellschaftspolitischer Bedeutung bewunderte. In seiner 1958 erschienenen Erzählung "Der Fang", die als sein literarischer Durchbruch gilt, beschäftigte sich Oe mit den Erlebnis- und Erfahrungswelten von Kindern durch Kriegseindrücke. Er selbst bezeichnete seinen Erzählstil als "grotesken Realismus".
"Hiroshima muss in unseren Erinnerungen eingeprägt sein"
Oe zeigte sich bestürzt angesichts des Atombombenabwurfs auf Hiroshima am 6. August 1945. In einem Interview äußerte er sich wie folgt: "Hiroshima muss in unseren Erinnerungen eingeprägt sein: Es ist eine Katastrophe, die noch dramatischer als Naturkatastrophen ist, weil sie von Menschen gemacht ist. Dies durch dieselbe Missachtung für menschliches Leben in Atomkraftwerken zu wiederholen, ist der schlimmste Verrat an die Erinnerung der Opfer von Hiroshima"
Schmerzhafte Erfahrungen und Schicksalsschläge im Werk verarbeitet
In den Werken des 1935 auf der Insel Shikoku im Südwesten Japans geborenen Autors spielen autobiografische Erfahrungen und Schicksalsschläge wiederholt eine wichtige Rolle. Kurz vor seinem 80. Geburtstag erschien der Essay "Licht scheint auf mein Dach" in deutscher Übersetzung. Darin schreibt Oe über seinen 1963 geborenen und von Geburt an geistig behinderten Sohn Hikari, der klassische Musik komponiert. Sein Sohn spielte bereits eine wichtige Rolle in seinem vielleicht bekanntesten Roman "Eine persönliche Erfahrung".
Darüber hinaus hat Oe den Suizid seines Schwagers, des Filmregisseurs Jūzō Itami, in dem Roman "Der Wechselbalg" literarisch verarbeitet. In dem Buch "Tagame. Berlin - Tokyo", schreibt er über die verstörenden Folgen dieses Selbstmords auf Itami´s Freunde und Familie.
Hier bestellen
Topnews
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
Aktuelles
Sebastian Fitzeks „Die Einladung“ wird 2027 als Theaterproduktion auf Tournee gehen
Das Buch Henoch: Die zensierte Apokryphe der Bibel – Rezension: Zwischen religiösem Geheimwissen und populärer Geschichtserzählung
Selfpublisher-Umfrage 2026: Neue Einblicke in die Entwicklung des Selfpublishings
Petra Morsbach: Orion
Die Kinder des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Der Roman, in dem die Dune-Saga ihre wahre Dimension entfaltet
Der Herr des Wüstenplaneten von Frank Herbert: Die geniale Fortsetzung, die den Mythos des Helden zerstört
Dune von Frank Herbert: Warum dieser Science-Fiction-Klassiker bis heute das Genre prägt
Wer wärst du ohne deine Sorgen? – Martin Wehrle sucht den Ausgang aus dem Gedankenkarussell
John Fowles’ „Magus“: Der Roman, der seinen Lesern misstraut
Stiftung Lesen warnt vor früher Bildungsungleichheit und fordert stärkere Leseförderung
Setareh Niazi: Only your voice
Setareh Niazi: عشق، دور از چشم
Setareh Niazi: Von Dir
Die Rückkehr des Analphabeten
Powerless – Die Flucht von Lauren Roberts: Die düstere Fortsetzung der BookTok-Sensation
Rezensionen
Wiedersehen mit mir selbst zwischen Pasta und Limoncello von Melanie Pignitter: Eine Reise nach Italien – und zurück zu sich selbst
Nathan Devers erzählt in „Gegen sich selbst denken“ von der Freiheit der Philosophie – und von einer Sprache, die den Glauben überlebt
Dunkle Sühne von Karin Slaughter: Ein düsterer Thriller über Schuld, Gewalt und die Geheimnisse einer Kleinstadt
Positive Psychologie von Johanna E. Kappel: Kann positives Denken das Leben wirklich verändern?
Die 4-Stunden-Woche von Tim Ferriss: Das Buch, das unsere Vorstellung von Arbeit und Freiheit verändert hat
Elisa Hoven: Feine Risse – Schuld, Wahrheit und die Grenzen des Urteils
Rabih Alameddine: Die wirklich wahre Geschichte von Radscha, dem Gutgläubigen (und seiner Mutter)
Die Frauen, die bleiben – Rafik Schamis spätes Mosaik der Erinnerung