Am Dienstag startete in Köln das diesjährige "lit.Cologne"-Festival. Im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung stand dabei der Protest der Frauen im Iran. Eine Solidaritätsbekundung unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit", die innerhalb kürzester Zeit Kritiker auf den Plan gerufen hatte, die sich am Dienstag vor dem Festival-Eingang versammelten und "Achtung! Iranische Propaganda" skandierten. Diskurs, Debatte, Rede und Gegenrede. Da blieb kaum Platz für Literatur, auf Europas größtem Literaturfestival.
Bereits im vergangenen Jahr stand der Auftakt der "lit.Cologne" voll und ganz im Lichte einer politischen Debatte. Damals waren es die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann, der Schriftsteller Navid Kermani, der ukrainische Autor Sasha Filipenko sowie der damalige PEN-Präsident Deniz Yücel, die, vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, über die Möglichkeiten und Versäumnisse Europas sprachen. Yücel, völlig außer Rand und Band, forderte die Einrichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine. Kermani, noch bei Lichte, widersprach und bezeichnete eine solche Einrichtung als einen Schritt in Richtung "maximaler Eskalation". Zu jener Zeit kursierte der Hashtag #closethesky, den sich twittereske Schreibtischtäter bedenkenlos ans Revers hefteten.
Die Proteste im Iran als politisches Hauptthema
In diesem Jahr blickte man mit der Eröffnungsveranstaltung auf die hauptsächlich von Frauen geführten Proteste im Iran. Die im Kölner Sartory-Saal angesiedelte Veranstaltung begann mit einer Lesung von Eva Mattes, die einige literarische Auszüge, darunter ein Kapitel aus Navid Kermanis 2011 erschienenen Roman "Dein Name", vortrug. Anschließend ging es zur politischen Diskussion über, an der neben den Journalistinnen Ferdos Fourdastan und Isabel Schayani auch die Schriftstellerin Asal Dardan, die Politikwissenschaftlerin Azadeh Zamiriad, und eben Navid Kermani beteiligt waren.
Thema der Runde war die steigende Repression im Iran sowie die sich wandelnde Form der Proteste, welche, da waren sich die Gesprächspartner schnell einig, an Sichtbarkeit verloren hat. Die Repression hätte sich indessen verstärkt, stellte die Politikwissenschaftlerin Azadeh Zamiriad fest. Isabel Schayani sagte unter Berufung auf Bekannte im Iran, man warte nur auf eine Gelegenheit. Kermani verwies darauf, dass den gegenwärtigen Protesten ein langer Prozess der Bewusstseinsänderung vorausging, und es sich bei den Aufständen nun um eine Kulmination handle.
Kermani fuhr kurz aus der Haut
Hitzig wurde es bei der Frage, was man von hier aus tun könne. Weiterhin auf die Proteste und die Situation in Iran aufmerksam machen, meinste Kermani. Außerdem müsse man den Iran politisch auf allen Ebenen isolieren. Die Revolutionsgarden, so der Autor, gehörten auf die EU-Terrorliste. Dem widersprach Azadeh Zamiriad, die darauf aufmerksam machte, dass dann Tausende eingezogene Wehrpflichtige als Terroristen gelten würden. Zamiriad selbst schlug vor, Geld zu verteilen, welches dann von Exil-Iraner über eigene Wege ins Land gepumpt werden könnte.
Nun fuhr Kermani kurz aus der Haut. Städnig höre er Politiker und Diplomaten erklären, warum dieser oder jener Vorschlag nicht umsetzbar sei. Die hervorgebrachten Alternativvorschläge würden allerdings ebenfalls niemals umgesetzt. Asal Dardan beruhigte die Runde mit dem Vorschlag, die Patenschaften auszubauen. Isabel Schayani forderte einen leichteren Zugang zu humanitären Visa für Regimegegner. Und dann... dann blieb da gegen Ende der Runde noch Zeit für ein Gedicht von Ahmad Schamlou. "Eines Tages werden wir unsere Tauben wieder finden / und die Zärtlichkeit wird mit der Schönheit / Hand in Hand gehen" - heißt es in den ersten Zeilen von "Der helle Horizont". Und dann stand die diesen Zeilen vorausgegangene Diskussion im Schatten.
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