Spätsommer-Romanze

Vorlesen
- 2 Seiten -

Ich wende meinen Blick von dir. Es fällt mir schwer. Drehe mich zur Seite. Das Fenster steht weit offen; dein cremefarbener Leinenvorhang schwingt zart im Rhythmus der Brise, die der Wind von außen hereinträgt. Ich schaue zu, verliere mich wieder im Moment. Denke an uns. Denke an deine schönen Hände auf meinem zarten Körper. Fühle, wie deine Fingerkuppen über meinen Rücken streichen. Langsam fährst du an meiner Wirbelsäule entlang. Hoch. Und runter. Fühle mich lebendig. Aufgeregt. Ich mag dieses Gefühl, das du in mir weckst.

Die Straße schreit laut ins Zimmer. Ich rutsche zurück ins Jetzt. Stehe auf und bewege mich zum geöffneten Fenster. Blicke hinaus ins Licht, kneife die Augen zusammen, ich bin noch müde. Die Luft scheint zu schwimmen, sie nimmt Abgase und Hitze der Großstadt in sich auf und formt ein wässrig überladenes Bild. Obwohl es so heiß ist an diesem Morgen, greife ich hinter mich auf den Baststuhl. Dort hängt dein Hemd, das hast du gestern im Jazzclub getragen. Zusammen mit dieser lässigen Hose und der frechen Schiebermütze auf deinem verträumten Kopf, der voll ist mit wunderbaren Dingen. Ich greife danach. Drücke es fest an meine Nase. Ich rieche die letzte Nacht. Die vielen Straßen, die lebendige Musik um uns und die vielen Farben der Stadt, die uns verschlungen haben und durch die wir stundenlang geschwommen sind. Eng ineinander verkeilt. Wir küssten uns wild, lachten, erzählten. Tranken den Cepunto, den du in deiner rechten Hand hieltest und von dem du zeitweilig etwas der Straße schenktest, als du zu euphorisch gestikuliert hast.

Und immer wieder warfst du mir diese Seitenblicke zu. Die, von denen ich genau wusste was sie bedeuten sollen. Ohne dass du etwas sagen musst. Ich war verloren im Moment mit dir, der niemals enden sollte.

Ich schüttle das Hemd etwas aus und ziehe es mir über. Es fällt weit über meine Schultern, du bist viel größer als ich. Und stärker. Ich schlinge es schützend um mich, verschließe es vor meiner Brust. Spüre dich auf mir. Fühle mich wohl in dir. Schaue aus dem Fenster. Beobachte die Großstadt. Es ist viel los an diesem Morgen. Zahlreiche bunte Farbkleckse strömen durch die Straßen, hier und da blitzt es hell: da, wo die Sonne eine Reflexion malt. Kleine Lichtblitze, die dem Morgen einen besonderen Charme verleihen.







Gefällt mir
1
 

Weitere Freie Texte

Freie Texte

Traumlicht und Schattenspiel

Jennifer

Meine Gedanken kreisten Von tiefen langen Fluren Abzweigend tausend Räume Ein Labyrinth voller Möglichkeiten Jede Tür -Ein Tor - Ein Schritt ein unbekannter Raum -Ein Paradox Eine Realität - Ein Universum Etwas Unbekanntes - Etwas Unerforschtes Dies wurde bald zur Sucht zur Suche nach dem Kick nach Adrenalin zur Droge die mich geiselt und ihre Ketten enger werden lässt Die Schatten meiner selbst drohten mich zu extrahieren Doch dann erkannte ich in den Korridor da war Licht In Form von ...
Freie Texte

Bei Tisch

Hans-Ulrich Kramer

Geht man heutzutage auswärts essen, kommt man nicht umhin, die Tischgespräche anderer Menschen anzuhören. Nicht, weil man diese klandestin belauscht, sondern weil die Leute an den Nachbartischen – in der Regel die vielfach beschriebenen und viel zitierten alten weißen Männer – einem ihre Gedankengänge in entsprechender Lautstärke quasi aufzwingen. Geschimpft und gehetzt wird bei Tisch zur warmen Mahlzeit gegen Asylanten (das neutralere Wort Flüchtling wird nie verwendet), gegen die ...
Freie Texte

Die Armada der Arbeitslosen – ein Arbeitsvermittler klagt an

Hans-Ulrich Kramer

Als Arbeitsvermittler bei der Agentur für Arbeit bin ich ein armes Würstchen: Den meisten meiner Klienten – häufig sind diese psychisch angeschlagen und/oder ohne Berufs- bzw. Schulabschluss – kann ich nicht weiterhelfen. Meine Kollegen und ich simulieren hier nur Vermittlung. Anstrengend sind Klienten mit höheren Bildungsabschlüssen, die dennoch durch alle Raster fallen, ihre Ansprüche und ihren Dünkel aber weiterhin aufrechterhalten. Es heißt ja immer: Durch den Fachkräftemangel sei es so ...

Aktuelles