Unsichtbar

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Im Linienbus unerkannt duch Rom. Nicht, dass Ben berühmt wäre. Doch hier in der Fremde, als Tourist, ist er unsichtbar. Die Leute unterhalten sich oder blicken aufs Handy. Keiner nimmt Notiz von ihm.

Hätte er einen Unfall, gäbe es niemanden in seiner Heimat zu benachrichtigen. Familie oder Freunde hat er keine mehr. Wer die Verbindung nicht aus der Schulzeit in den sicheren Hafen der Gegenwart gebracht hat, wird sich schwer tun, jetzt noch neue Freundschaften zu knüpfen.

Gewiss, einige Bekannte, die gibt es. Menschen, die man auf eine Tasse Kaffee trifft und die einen danach sofort wieder vergessen bis zur nächsten Begegnung irgendwann oder nie. Mit Fug und Recht kann er behaupten, dass ihn keiner vermisst.

„Entschuldigung, bist du nicht Ben?“ fragt ihn eine Passagierin, die sich als ehemalige Mitschülerin der Grundschule herausstellt. Ob er auch eine Italienreise mache. Er nickt und lächelt zurück, mit feuchten Augen. Sie bemerkt es. Aber es stört sie nicht im Geringsten.


Sie lasen einen Auszug aus Misha Sommers neuestem Buch "Der Hund ist längst fort", welches neben 55 Gedichten auch 22 Kurznovellen enthält. Misha Sommer legt sich nicht fest. Jedenfalls nicht auf ein bestimmtes Bücher-Genre. Oder überhaupt: Wenn es um die Wahl der Ausdrucksform an und für sich geht. Wichtig ist einzig folgendes: die Kraft der Idee. Diese trägt dann die Form. Text, Bild, Song, Video und mehr. Misha Sommer lebt in der Schweiz.


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