Der mit 12.000 Euro dotierte "Buchpreis Familienroman" geht in diesem Jahr an die Journalistin und stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung Christiane Hoffmann. Ausgezeichnet wird damit ihr autobiografischer Reisebericht "Alles, was wir nicht erinnern - zu Fuß auf dem Fluchtweg meines Vaters". Die Auszeichnung wird am 21. November in Berlin übergeben.
Die Journalistin und Autorin Christiane Hoffmann wird mit dem Buchpreis Familienroman 2022 ausgezeichnet. Derzeit ist Hoffmann als Erste Stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung tätig. Sie arbeitete bereits für die Frankfurter Allgemeinen Zeitung, berichtete als Auslandskorrespondentin aus Moskau und Teheran und leitete stellvertretend das Hauptstadtbüro des "Spiegels". In ihrer vor etwa einem Monat erschienen Reiseerzählung "Alles, was wir nicht erinnern" berichtet Hoffmann von einer Exkursion, die in mehrfacher Hinsicht aufwühlend und bewegend ist. 75 Jahre nachdem ihr Vater als Kind 1945 aus Schlesien floh, geht die Tochter denselben Weg, 550 Kilometer nach Westen. Sie kämpft sich durch Hagelstürme und sumpfige Wälder, rastet in Kirchen, Küchen und Stuben, führt Gespräche mit den Menschen auf ihrem Weg und mit sich selbst. Im Schreiben reflektiert ihre Erfahrungen und Begegnungen, versucht, Flucht und Heimatlosigkeit nachzuempfinden, denkt über die Schrecken des Krieges und über Bewältigungsstrategien nach.
"Pflichtlektüre für Nachgeborene" - Begründung der Jury
In der Begründung der Jury heißt es, "Alles, was wir nicht erinnern" sei im doppelten Sinne eine gelungene Reiseerzählung. "Oberflächlich betrachtet handelt es sich um eine Reportage über eine Ost-West-Wanderung der Autorin, die am ehemaligen Hof der Familie in Schlesien beginnt und im tschechisch-bayerischen Egerland endet. Das Motto, das sich durch die herausragend formulierte Wandergeschichte zieht, lautet: „Zu Fuß?“ – „Zu Fuß.“ – „Allein?“ – „Allein.“ Die Autorin erlebt nicht nur die Unbillen eines Marsches durch Wildnis und teils verlassene Zivilisation mitten in Europa, sondern sucht als Passantin in den Dörfern das Gespräch mit überlebenden alten Menschen und mit dorf- und landeshistorisch interessierten Nachkommen. Literarischen Tiefgang erwirbt sich die Geschichte als Reise in die eigenen Erinnerungen der Autorin als Kind einer Flüchtlingsfamilie, ihre Auseinandersetzung mit den von Sehnsucht und Verdrängung geprägten Erzählungen der Eltern und Verwandten. "Vor allem der Vater hatte so gut wie alle Erinnerungen an seine schlesische Kindheit und die Schrecken des Jahres 1945 verloren. In einer Art Selbstanalyse erkundet die Erzählerin diesen weißen Fleck der Familiengeschichte und erkennt, wie sehr in ihrem eigenen Nachkriegsleben die unbewältigten Traumata weiterwirken. Ein komplexes und kluges literarisches Werk, verfasst mit intellektueller Präzision, sprachlicher Brillanz und hoher Anschaulichkeit, das sich als Pflichtlektüre für Nachgeborene eignet."
Der Buchpreis Familienroman
Der "Buchpreis Familienroman" von der Stiftung Ravensburger Verlag wird in diesem Jahr bereits zum zwölften mal verliehen. Ausgezeichnet wird jährlich der Autor oder die Autorin einer deutschsprachigen Publikation erzählender Prosa (Roman, Erzählung, Anthologie, Autobiografie, autofiktionaler Text). Der mit 12.000 Euro dotierte Preis soll Bücher ehren, die "mit literarischen Stilmitteln ein zeitgenössisches Bild der Familie" zeichnen.
Wer entscheidet über die Vergabe?
Bei der Auswahl der jeweiligen PreisträgerInnen lässt sich die Stiftung Ravensburg jährlich von Fachleuten aus Literaturkritik und Buchhandel berate. In diesem Jahr gehörten dazu: Dr. Uwe Wittstock (Literaturkritiker und Buchautor), Sandra Kegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Ellen Pomikalko (Buchmarkt), Michael Riethmüller (Buchhandlung RavensBuch), Mareike Fallwickl (Literaturbloggerin und Buchautorin) und Andrea Reidt federführend (Journalistin und Buchautorin)
"Leuchtturmpreis Ehrenamt 2022" wird ebenfalls verliehen
Im Rahmen der Preisverleihung des "Buchpreis Familienroman" am 21. November in der Berliner Landesvertretung Baden-Württemberg wird auch der "Leuchtturmpreis Ehrenamt 2022 für vorbildliches Engagement im Sektor familiäre, institutionelle oder ehrenamtliche Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen" verliehen. Diesen erhalten in diesem Jahr Fernanda Wolff Metternich und Xenia von Schiller, die mit dem HerzCaspar e. V. junge erkrankte Menschen unterstützt, und sie aus Einsamkeit und Isolation holt. Damit setzen die Schwestern den Wunsch ihres Bruders Caspar von Schiller um, der 2014 nach langer Herzkrankheit im Alter von 20 Jahren verstarb.
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