"Eine perfide Fassade..." Durch Salzburg mit Thomas Bernhard

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In Salzburg ist Thomas Bernhard aufgewachsen, hier hat er die prägendsten Jahre seines Lebens verbracht, hier blühte auf, was der spätere Vierkanthofbesitzer als Hassliebe bezeichnete. Der Comic-Künstler Nicolas Mahler hat Bernhards Wege durch Salzburg nachgezeichnet. Bild: Residenz Verlag

Der Comic-Künstler Nicolas Mahler hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Leben und Werk Thomas Bernhards auseinandersetzt. 2014 adaptierte Mahler das Theaterstück "Der Weltverbesserer", 2015 folgte die Komödie "Alte Meister". Im vergangenen Jahr erschien dann "Die unkorrekte Biografie", die zeichnerisch das Leben des Übertreibungskünstlers nachbildete. Kürzlich hat Mahler nun ein weiteres Bernhard-Buch auf den Weg gebracht: "Thomas Bernhards Salzburg" zeigt Streifzüge durch eine Stadt, hinter deren perfider Fassade "alles Künstlerische absterben muss".

Als Hassliebe bezeichnete Thomas Bernhard seine Beziehung zu der Stadt Salzburg und dem Land Österreichn. In Interviews, in seinen Büchern und Theaterstücken aber auch in seinen Dankesreden taucht dieses Österreich immer wieder als Martyrium auf, als eine schier unerschöpfliche Wunde, die, so scheint es, den Österreicher unermüdlich weiterschreiben ließ. Aus Österreich heraus, schrieb er gegen Österreich an. Eine ambivalente Beziehung, deren Zerrissenheit sich in den monomanischen Tiraden wiederfinden lässt. Sein Verhältnis zu der Stadt Salzburg arbeitete Bernhard wohl am deutlichsten im Auftakt seiner vier Bände umfassende Autobiografie heraus. Unter dem Titel "Die Ursache" verhandelte er darin die Gründe seiner "Empfindungen für oder gegen Salzburg", wie er in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Rudolf Bayr erklärte. Die "Vorlieben oder Verkrampfungen gegen oder für diese Stadt." Entlang seiner eigenen Kindheit und Jugend erzählend, setzte Bernhard der zuweilen verkitscht-touristischen Außendarstellung der Stadt ein Bild der Einfältigkeit, der Gemeinheit und Niederträchtigkeit entgegen. "Was alle schreiben, dass die Stadt schön ist, das weiß ja eh jeder. Aber hinter dieser Schönheit ist eben etwas anderes.", so Bernhard im Gespräch.

"In die entgegengesetzte Richtung"

Der Comic-Künslter Nicolas Mahler hat Thomas Bernhards Wege durch seine "Heimstadt" in dem Buch "Thomas Bernhards Salzburg" künstlerisch aufgearbeitet. Angeregt wurde diese Korrespondenz vom Museum Salzburg, das im Rahmen der im Februar eröffnenden Daueraustellung "Salzburg einzigartig - Geschichte(n) aus Stadt und Land" spannende Zugänge gesucht hatte. Neun der im Buch enthaltenen Zeichnungen sind nun auch im Museum ausgestellt, wo am 21. Juli auch die Buchpräsentation stattfand.

Insgesamt sind es 33 Zeichnungen, die Leserinnen und Leser durch die Mozartstadt führen. An für Bernhard wichtigen Stationen, wird der ebenso zerstörerische wie schöpfende Blick des Autors anhand von Zitaten eingepflegt. Wir beginnen am Klausentor, besteigt den Mönchsberg, durchquert den Festspielpark, lässt das Landestheater und das Mozarteum hinter sich und läuft hinaus in die berüchtigte Scherzhauserfeldsiedlung, wo Bernhard seine kaufmännische Lehre absolvierte und, wie es in dem autobiografischen Band "Der Keller" heißt, in die entgegengesetzte Richtung gegangen ist.

Die Kultur hat gesiegt

In einem aufschlussreichen Nachwort beleuchtet der Leiter des Literaturarchivs Salzburg, Manfred Mittermayer, einen Aspekt, der auch in "Die Ursache" bereits Anklang fand. Mittermayer beschreibt die Auswirkungen des Bombardements 1944, das desaströse Auswirkungen nicht nur auf die Stadt, sondern auch auf Bernhard selbst hatte. In der von Tod und Zerstörung, von flüchtenden Menschen und Armut gezeichneten Salzburger Nachkriegszeit, machte Bernhard als Kind bereits erste Erfahrungen mit Auslöschung und Vernichtung. Wir wissen, dass bald schon weitere Erfahrungen dieser Art folgten.

Mittermayer läuft auch durch die "Thomas-Bernhard Straße", die 1996 am Rand der Scherzhausfeldsiedlung nach ihm benannt wurde. In einem anderen Stadtteil Salzburgs wurde ein solcher Versuch zu vor von den Anwohnern abgelehnt. Zu groß war die Verachtung gegenüber des "Nestbeschmutzers".

Ob Bernhard selbst von der Benennung einer Salzburger Straße nach ihm begeistert gewesen wäre, ist fragwürdig. Im Gespräch mit Bayr hatte er sich abfällig über die In-Beschlag-nahme von Künstlern von Seiten der Stadt geäußert. So etwas könne man nur mit Leuten machen, die sich nicht mehr wehren könnten, also bereits gestorben seien.


Nicolas Mahler (Illustrator), Thomas Bernhard (Autor) - "Thomas Bernhards Salzburg"; Residenz Verlag; 96 Seiten; 15 €

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