Duftmörtel und Ahnenwasser

Marek Födisch

Herbst 1994, mitten zwischen wachsenden Wänden, fließt es ab und heraus, mir, dir. Hinab das Uns. Du denkst und fürchtest uns füreinander weg. Ja? Sprich, sprich doch endlich, entkleide dein Hoffen, dein Schweigen, beide: Duftmörtel und Ahnenwasser.

Dein Vater, sag es mir doch, sieht er mich wirklich mit dem Satan im Bunde, nur, weil Staub und Sand an den Stiefeln mich verraten haben sollen? Seiner Tradition nach ein No-Go. Im Kirchenvorstand. Seit Tagen, es werden Jahre sein, wie sich später herausstellen wird, spreche ich so mit dir, in der Vorstellung. Zeit kehrt uns raus, aus dem Saal der Glücklichen: Stimmen, die, Umwege vorgaukelnd, im Stocken flimmernde Späne abwerfen, unterhalb der Metaebene eines Gottes, der das Uns nicht will. Die Klinkersteine der Hoffnung habe ich dennoch bestellt, bin in Vorkasse gegangen.

Monate später. Ah, da steht sie, noch vier Treppen, dann bin ich draußen, bei ihr, eine Zigarette rauchend, wie immer, auf dem Parkplatz vor einer Grundschule, in der ich abends den Blues singe. Susan, unterm Laternenlicht, wo sie mir ihre Woche aus Vorlesungen und Kommilitonengesprächen mit unsicherem Blick ausschüttet. Irgendetwas schweigt sich aber mit Mühe in sie hinein, rede ich gedanklich dazwischen, etwas, dass sie kürzlich im Brief gar nicht erwähnt hat. Die Tinte aus Neujahrswünschen ließ nichts erahnen, denke ich gerade, in Schieflage versetzt, in Spannung. Sprich, sprich doch endlich, entkleide dein Wissen! Wir frieren. Ich glaube, da gibt es noch etwas, was du mir erzählen musst, stimmt´s?, presche ich ungeduldig nach vorn. Du, ich, sagt sie, ich kann nicht mehr.

Zwischenprüfungen stehen an. Auch jenseits der Uni, sinniert mein Verstand, der nun vollends ins Wanken gerät. Ich halte das nicht aus, drehe mich abrupt um, steige ins Auto und fahre los, nehme Fahrt auf. Ja und Amen. Verzweiflung würgt den Ganghebel bis zur totalen Besinnungslosigkeit. Wie und ob ich überhaupt angekommen bin, kann ich nicht sagen.

Schnitt.

Dreihundert Monde später: Bin allein, und während einer Tauchgangnacht verfange ich mich tatsächlich in ihrem Atemklanggestrüpp, welches sich in der Neige alter Erinnerungen am Leben hält. In die Fänge der Sentimentalität gerate ich manchmal noch. Immerhin wachsen gerade meine Wände nicht.





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