Einsamkeit

Ida Brauneis

Alleine sein ist etwas anderes als einsam sein. Man kann noch so viele Menschen in seinem Leben haben, und dennoch ... einsam sein. Die letzten Wochen ging es mir schnell besser. Alles hat sich so stark nach Fortschritt angefühlt. Jetzt sitze ich im Bett und verliere all die positiven Gefühle, ich werde schlapp und mein Gesicht hat keinen Blick mehr. Ich kann nicht beschreiben was gerade los ist. Ich fühle mich einsam. Einsam. Obwohl ich geliebt werde von mehr als genügend wunderbaren Menschen.

Ich habe fast den Gedanken daran verloren. Fast vergessen, dass es wieder passieren könnte. Dass ich wieder falle. Jetzt merke ich, dass es passiert, wenn man am wenigsten daran denkt. Ich höre Musik und treibe aus dem Leben, treibe so schnell, dass ich Angst haben muss, das Ufer zu verlieren. Ich habe gefühlt meine gesamte Kraft während der letzten Wochen aufgebraucht. Nichts ist mehr da. Ich habe viele Fortschritte gemacht. Seitdem ich wieder in die Therapie gehe, habe ich gelernt, wie ich mit Menschen umgehen muss die ich liebe. Dennoch würde ich gerade am liebsten alles vergessen und so weit hinaus rudern, dass ich mich nicht mehr finde. Kein Ufer mehr.

Genau vor einem Jahr wurde ich vergewaltigt. Und noch immer frage ich mich, ob es überhaupt so schlimm war. Ob ich es so nennen sollte. Wenn ich sehe, dass meine Freunde schon ganz anderes haben durchmachen müssen, fühle ich mich nicht berechtigt zu behaupten, ich hätte Probleme. Dennoch habe ich sie. Und davon nicht wenig. Jeder geht anders mit Situationen um. Man kann nicht behaupten, die Einen hätte es schlimmer getroffen. Jedem geht es auf eine andere Weise schlecht, wegen den verschiedensten Sachen und trotzdem: Wir alle tragen Schmerzen mit uns.

Und ich vermisse die Zeit von damals. Die Zeit, an die ich mich zurückerinnern kann. In der man gefallen ist und das ganze Knie blutete und in der es am Wichtigste war, nicht gefangen zu werden. Ich vermisse die Zeiten, in denen ich zum Einschlafen nur ein Hörspiel gebraucht habe; die Zeit, in der ich noch nicht nachvollziehen konnte, warum Menschen sich selbst verletzen. Genau in diesem Moment, jetzt, wo der Satz ausgeschrieben ist und ich mich selbst daran erinnere, was ich mit meinem Körper mache, würde ich am liebsten genau das tun, womit ich besser nie hätte anfangen sollen. Wenn ich mir Bilder von damals anschaue, Bilder, auf denen meine Arme und Beine so aussahen wie die aller anderen, dann bemerke ich erschrocken, wie schnell sich alles wenden kann. Die erste Träne fließt beim lesen dieser Worte. Ich möchte doch einfach nur keine Angst mehr haben müssen. Keine Angst mehr davor, mir das Leben nehmen zu wollen.


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