Gestern besichtigte ich völlig unbeabsichtigt eine hübsche Wohnung. Und das kam so: Statt zum See, radelte ich gegen Abend durch die sommerlich leere Stadt, zuerst zum Friedhof, um nach dem Grab meiner Mutter zu sehen, dann durch das angrenzende Viertel mit kleinen Villen, die im Schatten von Platanen und dem Völkerschlachtdenkmal liegen.
Vor einem Haus blieb ich stehen, denn seine Fenster fielen mir besonders auf. Das ganze untere Stockwerk hatte eine Art Kirchenfenster: kleinteilige Bleiverglasung, reich verzierte, zart eingefärbte, undurchsichtige Scheiben. Ich betrachtete sie und überlegte, warum der Hauseigentümer sich derart verbarrikadierte, oder ob sich in diesem Gebäude vielleicht eine Kirche verbarg, als ein Auto neben mit hielt.
Das Fenster auf der Fahrerseite glitt hinunter und ein freundlich aussehender, mittelalter Mann fragte, ob ich Interesse an der Wohnung hätte. Da erst bemerkte ich einen kleinen Aushang am kunstvoll geschmiedeten Zaun: „Wohnung zu vermieten“. Ich sagte ja, ich hätte Interesse.
Aus dem Auto sprang, oder treffender gesagt, stieg ein Hund aus, wie man ihn gewöhnlich auf Gobellains aus dem 19. Jahrhundert findet (dort allerdings meist paarweise auftretend): groß und spindeldürr, die Schnauze dünn und lang, eine Art ausgemergelter Ameisenbär, das Fell sparsam, und mittellang, ein wenig an eine mit feinen Fransen verzierte Damasttischdecke erinnernd. Dieses seltsame Tier war weiß und naß, als hätte es soeben im See oder in einem Springbrunnen gebadet. Es kam auf mich zu wie in Zeitlupe, geräuschlos; vollführte die Andeutung einer Beschnupperung und schwebte auf seinen Stäbchenbeinen durch die filigrane Pforte in den Villengarten, wie ein Gespenst. Es roch nicht einmal nach nassem Hund. Auch habe ich keine Zunge wahr genommen.
Die mir gezeigte Wohnung war sehr schön, die ganze erste Etage, die Zimmer wie Blütenblätter um die Diele angeordnet, der Balkon imposant.
Was für ein schöner Garten! rief ich, auf den Balkon tretend. So überraschend hell, sprach ich weiter, wenn man all die Platanen bedenkt, die die Gegend beschatten.
Ja, sagte der Mann, aber für Sie wäre nur der Blick von diesem wunderbaren Balkon relevant. Das schöne dabei ist, Sie hätten auch keinerlei Arbeit mit dem Garten, denn den bestellt meine Frau und er ist ausschließlich zu unserer eigenen Nutzung gedacht.
Und ich dachte: Wozu so weit aus der Innenstadt wegziehen, wenn man sich nicht einmal mit einem Buch in den Garten setzen darf, oder die Blumen aus der Nähe betrachten und an ihnen riechen?
Wenn ich ein Diorama sehen möchte, dann besuche ich das Naturkundemuseum...
Das sagte ich aber nicht laut, ich bin gut erzogen, und außerdem beschäftigte mich gerade eine andere Frage. Wenn der Hausbesitzer, der die untere Etage bewohnt, die ganze Fensterfront undurchsichtig gestaltete, warum ließ er sein Leben gartenwärts derart betrachten?
Denn der Garten lag wie eine Freilichtbühne bis ins letzte Winkel einsehbar – für die Mieter des ersten Stocks und ebenfalls für die in der darüber liegenden kleinen Dachwohnung.
Sollten die Mieter dem fremden Leben lauschen und zuschauen? War das Absicht? Und falls ja, warum?
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