Wie heißt “Ausrufezeichen” auf englisch? frage ich meinen Mann. Wozu willst du das wissen? fragt er zurück. Weil ich gerade einen kleinen englischen Text über Ausrufezeichen verfasse, sage ich. Lass es ja bleiben! sagt er, die Engländer schätzen keine Ausrufezeichen!
Warum nicht? frage ich. Weil sie es als unfein empfinden, und weil so ein Zeichen wie ein Befehl aussieht! antwortet er. Ach was, ich finde Ausrufezeichen sehr nützlich, und außerdem können sie doch auch Freude ausdrücken, sage ich. Ja, sagt mein Mann, aber du gebrauchst sie immer nur, wenn du wütend bist!
Das ist Unsinn, er irrt sich gewaltig! Wenn ich wütend bin, schreibe ich in GROSSBUCHSTABEN!
Aber erst seit ich einen Rechner habe. Davor schrieb ich mit einer mechanischen Olympia-Reiseschreibmaschine, sie hieß Erika. Und weil der Großbuchstabenhebel klemmte, schrieb ich alles klein. Dies veranlasste meinen früheren Typographie-Professor mich freudig darauf hinzuweisen, dass es bereits berühmte Autoren und Künstler gäbe, die sich ebenfalls der Kleinschreibung verpflichtet fühlten. Nach der Lektüre seines Briefes fühlte ich mich wie zum Ritter geschlagen... in einen erlesenen Kreis aufgenommen! Und all das war nur einer Materialermüdung geschuldet! Darüber hüllte mich lieber in Schweigen und schwor der guten alten Erika ewige Treue.
Das Klappern ihrer Tasten klang besser als mein Xylophon; jeder Buchstabe ein anderer Ton, das Papier raschelte, der Wagen machte so ein schönes Pling! Nie hätte ich gedacht, dass diese Maschine durch einen Rechner aus meinen Leben verdrängt werden könnte, was leider geschah. Das Leben kann so grausam sein!
Nun ruht die Erika seit einigen Jahren in ihrem olivfarbenen Köfferchen auf meinem Kleiderschrank, doch ich kann mir nicht vorstellen, mich von ihr zu trennen. Sie ist durch die halbe Welt gezogen, ihr Vorbesitzer war Schriftsteller. Er hatte die blauesten Augen, die ich je gesehen habe. Seine Tochter schaut mit ebensolchen Augen die Welt an und sie ist meine Freundin geworden. Als sie noch eine gewöhnliche Nachbarin war, gab sie die Schreibmaschine als Dauerleihgabe in meine Obhut. Das geschah just an jenem Tag, da ich einen Brief von einem älteren Mann, mit dem ich eine ausgiebige Korrespondenz über die Entdeckung der Westphälischen Mühlenstraße führte, bekam.
“Vielen Dank für Ihren Brief”, schrieb er, “was Sie da schreiben, scheint sehr interessant zu sein, denn Ihr Schriftbild wird von Seite zu Seite immer leidenschaftlicher und wilder! Allein, ich kann es nicht lesen! Ihr vegetatives Nervensystem schein gestört zu sein, liebe Freundin”, so stand da in einer schönen, gleichförmigen Handschrift geschrieben. Ich erschrak, fühlte mich wie nackt im Supermarkt! Und da klingelte es an meiner Tür. Ich öffnete, die Nachbarin stand da und fragte, ob ich die alte Schreibmaschine ihres Vaters haben möchte, denn er hätte sich einen Computer angeschafft und bräuchte die Erika nicht mehr.
Die gute alte Erika! Als hätte sie gewusst, dass ich sie brauchte! Wir wurden auf der Stelle Freunde! Wie ein Wunder kam es mir vor, dass ich tippen konnte, einfach so! Gleich zwei Freundinnen auf einen Schlag traten in mein Leben.
Ich habe gerade die Ausrufezeichen gezählt, es sind an die zwanzig, wenn auch einige davon meinem Mann gehören. England wäre kein Land für mich, wenn dort schon ein so kleines Zeichen, bestehend aus einem Strich und einem Punkt als Bedrohung empfunden wird... Aber wahrscheinlich hat mein Mann sich alles bloß ausgedacht, um mich zu necken!
Die Autorin Birgit Vanderbeke beschreibt in ihrem zauberhaften Buch "Ich sehe was, was du nicht siehst" eine südfranzösische Landschaft und wenn ich mich nicht irre, spricht sie von Pappeln, die wie Ausrufezeichen am Horizont stehen. Sympathische Bäume, die Pappelbäume! Vielleicht wäre das mein Land? Doch vorher sollte ich die Sprache lernen! Da fallen mir viele Wörter ein, die ich noch nicht kenne. Nämlich ALLE!!
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