Wer Lucinda Riley liest, erwartet zwei Dinge: große Gefühle und ein Geheimnis, das nicht auf Kommando preisgibt, was Sache ist. „Die Frauen von Ballymore“ liefert beides – mit salziger Meeresluft aus Südirland, Gitarrenriffs aus London und einer Frage, die das Buch wie ein leiser Bass unterlegt: Wie viel Wahrheit erträgt eine Familie, ohne daran zu zerbrechen? In Deutschland erschien der Roman am 12. November 2025 als gebundenes Buch (Goldmann) – eine neu präsentierte Riley-Geschichte mit irischem Herz und Londoner Bühnenlicht.
Die Frauen von Ballymore von Lucinda Riley- Irland, eine verbotene Liebe und ein Geheimnis, das nachhallt
Handlung von „Die Frauen von Ballymore“– Sorcha, Con, Helen
Ballymore, Südküste Irlands. Sorcha O’Donovan wächst behütet auf, bis sie sich mit 16 unsterblich in Con Dalyverliebt – einen schweigsamen Musiker, der in einer Strandhütte mehr Melodien als Worte hortet. Als ihre heimliche Beziehung auffliegt, werden beide von Helen McCarthy, reich, einflussreich, nachgetragen bis ins Mark, verraten. Die Eskalation im Dorf hat Folgen: Sorchas Vater verstößt sie.
Flucht nach London. Über Nacht gehen Sorcha und Con weg – hinein in das vibrierende, fordernde London der Sechziger (so die Buchfassung). Con gelingt dort, wovon man in Ballymore nur flüstert: Er wird Frontman einer der angesagten Bands der Zeit. Ruhm, Touren, Presse – und die Frage, ob Liebe standhält, wenn plötzlich alle mitreden. Dann taucht auch noch Helen wieder auf. Was in Ballymore begann, setzt sich fort – nur größer, lauter, gefährlicher.
Riley erzählt das als Zweiklang aus Coming-of-Age und Erwachsenenroman: Die erste Hälfte atmet Aufbruch, die zweite rechnet ab – mit der Vergangenheit, mit falschen Versprechen, mit jenem Familiengeheimnis, das alles in ein anderes Licht taucht. Wer ihre Bücher kennt, ahnt: Das Finale lebt nicht von Spektakel, sondern vom Moment der Erkenntnis, der Figuren und Leser zugleich trifft. (Größere Wendungen verschweige ich hier – der Roman arbeitet mit verzögerter Wahrheit, und genau darin liegt sein Sog.)
Klassengegensatz, weibliche Selbstbehauptung, der Preis des Ruhms
Klasse vs. Gefühl: Ballymore ist nicht bloß Kulisse, sondern soziales Gefüge: Wer dazugehört, entscheidet das Geld – und wer schweigen kann. Sorcha und Con überschreiten unsichtbare Linien, deswegen trifft sie der Verrat umso härter. Riley nutzt das Dorf als Moralapparat: Gemeinschaft wärmt – und stößt aus.
Weibliche Handlungsmacht: Der Titel verspricht es: „Die Frauen von Ballymore“ meint mehr als eine Liebende. Sorcha ringt um Selbstbestimmung in zwei Welten – im engen Irland und im freien, aber gnadenlosen London. Helen wiederum ist Gegenspielerin mit sozialem Kapital: keine Karikatur, sondern das Gesicht einer Ordnung, die sich bedroht fühlt, wenn eine junge Frau die Regeln bricht.
Fame als Stresstest: Con steht vor dem klassischen Musikmärchen: vom Straßenmusiker zum Frontman. Riley interessiert dabei nicht die Chartposition, sondern die Erosion des Privaten – wie Öffentlichkeit Intimität auffrisst, wie Loyalitäten verrutschen, sobald Erfolg anfängt, Rollen zu verteilen.
Erinnerung & Wahrheit: Das Familiengeheimnis ist weniger „Who did it?“ als „Was macht es mit uns?“. Der Roman untersucht, wie verschobene Geschichten ganze Biografien verformen – und wie Heilung erst beginnt, wenn Namen, Taten, Schuld ausgesprochen werden.
Eine Riley aus der frühen Schaffensphase, neu präsentiert
Spannend – und für Fans ein echtes Mehrwert-Detail: Der Stoff geht auf Rileys frühen Roman „Losing You“ zurück, den sie damals noch als Lucinda Edmonds veröffentlicht hat. Für die aktuelle Ausgabe wurde er überarbeitet und unter neuem deutschen Titel herausgebracht; verschiedene Händler- und Verlagsseiten verweisen explizit auf diese Herkunft bzw. Aktualisierung (in UK erscheint parallel eine reworked-Fassung als „The Last Love Song“). Ergebnis: eine „neue“ Riley, die man als Brücke zwischen Frühwerk und dem späteren Familiengeheimnis-Kosmos lesen kann.
Nebenbei bemerkt: In Händlershops kursieren unterschiedliche Zeitangaben (London 1960er vs. 1980er). Die deutsche Buchseite nennt die 1960er; beim Hörbuch taucht teils die 1980er-Datierung auf – inhaltlich bleiben beide Versionen beim gleichen Kern: Aufstieg in der Londoner Musikszene, Pressedruck, Loyalitätsprobe.
Stil & Sprache – Melodie aus Meerlicht und Bühnennebel
Riley schreibt in ihrem typischen atmosphärischen Realismus: Bilder, die sofort nach Ortsgefühl riechen (Seetang, Regen, schmale Küchen), Dialoge, die etwas zurückhalten, statt alles auszusprechen. Der Rhythmus kippt vom Sommer einer ersten Liebe in den kalten Takt des Ruhms – und genau dort sitzt das Buch: zwischen Versprechen und Preis. Fans der Sieben-Schwestern finden hier vertraute Zutaten (Zeit- und Ortswechsel, Geheimnisdramaturgie), aber mit Rock-’n’-Roll-Patina statt Palast-Glanz.
Für wen eignet sich „Die Frauen von Ballymore“?
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Leserinnen und Leser von familiären Geheimnisromanen mit hohem Gefühlsanteil (aber ohne Kitsch-Überhang).
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Irland-Fans, die vom Dorf zum großen Weltenlauf mitgenommen werden wollen.
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Musikromantik trifft Realität: Wer Aufstiegsgeschichten liebt, aber die Kosten mitlesen will.
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Buchclubs: Diskussionsstoff zu Klasse, weiblicher Agency und öffentlicher vs. privater Wahrheit ist reichlich vorhanden.
Kritische Einschätzung – Stärken & Reibungen
Was stark ist:
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Figurenchemie: Sorcha/Con tragen die Geschichte – innere Reibung statt heroischer Pose.
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Gegenspielerin mit System: Helen steht nie allein, sie verkörpert eine Ordnung. Das macht sie interessant.
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Setting-Doppelschlag: Küstenidylle vs. Londoner Backstage – zwei Räume, zwei Moralen.
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Riley-Signatur: Das Geheimnis ist nicht bloß Plotmotor, sondern ethische Frage.
Wo es reibt:
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Kenner von Rileys späten Romanen merken, dass dies ein früherer Stoff ist, nun aktualisiert: Die Dramaturgie wirkt klassisch, weniger verschachtelt.
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Der „Musikindustrie“-Strang bleibt bewusst an der Figurenoberfläche: keine Branchenstudie, sondern Liebesprüfung.
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Die zeitliche Verortung (60er vs. 80er in Shoptexten) kann irritieren – inhaltlich aber unerheblich.
Hörbuch – Stimme, Laufzeit, Hörerlebnis
Die Hörbuchfassung (der Hörverlag) ist eine leicht gekürzte Lesung von Simone Kabst mit 13 Stunden 13–14 Minuten Spielzeit (je nach Anbieteranzeige). Kabst legt den Text warm an, mit feinem Gespür für Unausgesprochenes – Sorchas Trotzkraft wirkt nicht trotzig, Cons Abtauchen nicht stumm, sondern schutzsuchend. Für alle, die mit Riley unterwegs lesen möchten, ist das Audio eine sehr gute Wahl; Kombi Print + Audio empfiehlt sich für Buchclubs (Kapitel/Tracks als Diskussionsmarker). Erscheinung Deutsch Audio: 10.11.2025.
FAQ – kurz & hilfreich
Ist das ein neuer oder ein „alter“ Riley?
Beides: Der Stoff basiert auf dem frühen Roman „Losing You“ (Lucinda Edmonds), wurde für die Neuveröffentlichung überarbeitet/aktualisiert und erscheint in Deutschland als „Die Frauen von Ballymore“.
Spielt die Musik eine Hauptrolle oder ist das Deko?
Sie ist Konfliktverstärker: Erfolg vergrößert das Glück – und die Risse. Im Zentrum bleibt aber die Beziehung.
Brauche ich Vorwissen aus anderen Riley-Büchern?
Nein. Der Roman ist standalone – thematisch verwandt, aber nicht verknüpft.
Über die Autorin – Lucinda Riley (1965–2021)
In Irland geboren, erst Schauspielerin, dann Weltbestsellerautorin, hat Lucinda Riley mit der Sieben-Schwestern-ReiheMillionen Leser erreicht. Charakteristisch: Geschichten über Stammbaum, Geheimnisse, Selbstverortung, oft in wechselnden Zeiten/Orten. Nach Rileys Tod führt ihr Sohn Harry Whittaker das Erbe fort – u. a. mit der Finalisierung von „Atlas: Die Geschichte von Pa Salt“ und der Aufarbeitung früher Stoffe wie „Losing You“, die nun in neuem Gewand erscheinen.
Fazit – Eine Riley mit Meer, Musik und moralischer Klarheit
„Die Frauen von Ballymore“ ist Riley in Reinkultur: eine Liebesgeschichte, die an der Wirklichkeit reibt – an Klassenschranken, an Ehrgeiz, an alten Rechnungen. Wer die autorinnentypische Mischung aus Atmosphäre, Emotion, Geheimnis sucht, findet sie hier – ohne überladenen Zierrat, dafür mit einem Ende, das mehr heilt als verklärt. Für Neueinsteiger ein guter Einstieg; für Fans eine wertige Ergänzung, die zeigt, wie sehr Rileys Figuren immer um dasselbe kreisen: Wahrhaftigkeit, wenn sie am meisten wehtut.
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