Die erste vollständige deutsche Ausgabe von Emily Dickinsons Gedichten versammelt knapp 1.800 Texte und zeigt die ganze Spannweite ihres lyrischen Denkens. Dickinson schrieb über Gott, Tod, Liebe, Sterblichkeit, Unsterblichkeit, Vereinsamung, Askese und Verlust – nicht belehrend, sondern tastend. Ihre Sprache ist lakonisch, metaphernreich, oft spöttisch – mit einem Gespür für das Groteske im Erhabenen und das Erhabene im Alltäglichen.
Lesen mit zwei Stimmen: Original und Übersetzung
Die zweisprachige Ausgabe, erschienen im Carl Hanser Verlag- übersetzt von Gunhild Kübler ermöglicht eine produktive Lektüre in zwei Registern: Im englischen Original zeigt sich, wie eng Rhythmus, Syntax und Bedeutung bei Dickinson verwoben sind. In der deutschen Übertragung wird deutlich, wie anspruchsvoll und notwendig jede Übersetzung dieser Texte ist – und wie behutsam Gunhild Kübler diesem Anspruch begegnet.
Übersetzung als Denkbewegung
Küblers Übertragungen sind keine bloßen Sprachvermittlungen, sondern reflektierte Interpretationen. Sie bewahren Brüche, setzen Zäsuren, tasten sich an die formale Dichte heran. Ihr kenntnisreiches Nachwort ordnet Dickinsons Werk biografisch und literaturgeschichtlich ein – ohne es zu glätten.
Warum die Gedichte heute lesen?
Emily Dickinson zu lesen heißt, sich auf eine Sprache einzulassen, die nicht glättet, sondern tastet. Ihre Gedichte sind kurz, oft elliptisch, dabei von äußerster Präzision. Sie stellen keine Behauptungen auf, sie eröffnen Denkbewegungen. Die großen Themen – Tod, Liebe, Glaube, Zeit, Verlust – erscheinen nicht als literarische Motive, sondern als sprachlich verhandelte Erfahrung. Dickinson denkt nicht in Gewissheiten, sondern in Spannungen. Ihre Lyrik ist geprägt von Skepsis, aber nicht von Kälte. Sie ist zurückgenommen, aber nicht unbeteiligt.
Was sie schreibt, verweigert sich der schnellen Deutung. Es ist diese Offenheit, die ihre Texte gegenwärtig hält – nicht als Projektionsfläche, sondern als Resonanzraum. Wer sie heute liest, liest keine historische Figur, sondern eine Autorin, die mit wenigen Worten mehr sagt als viele Seiten. Ihre Gedichte sind Widerstand gegen Vereinfachung, gegen rhetorische Routine, gegen die Behauptung von Eindeutigkeit.
Dickinson ist keine Autorin der großen Geste. Aber wer sich ihrer Genauigkeit aussetzt, erkennt in ihr eine Stimme, die nicht vergangen ist. Sondern gültig bleibt.
Topnews
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Wie Banksy die Kunst rettete – Ein überraschender Blick auf die Kunstgeschichte
Ein Geburtstagskind im Januar: Franz Fühmann
Zauberberg 2 von Heinz Strunk
100 Jahre „Der Zauberberg“ - Was Leser heute daraus mitnehmen können
Oschmann: Der Osten: Eine westdeutsche Erfindung“ – Umstrittene russische Übersetzung
Überraschung: Autorin Han Kang hat den Literaturnobelpreis 2024 gewonnen
PEN Berlin: Große Gesprächsreihe vor den Landtagswahlen im Osten
„Freiheitsschock“ von Ilko-Sascha Kowalczuk
Anja Kampmann: „Die Wut ist ein heller Stern“
Percival Everett – Dr. No
Michael Köhlmeier – Die Verdorbenen
Dorothee Elmiger – Die Holländerinnen
Mein Name ist Emilia del Valle – Isabel Allende und der lange Atem der Herkunft
Sebastian Haffner – Abschied
Ein Buch, das uns lesen lässt, wie wir leben: „Wackelkontakt“ von Wolf Haas
Jean D’Amérique: „Zerrissene Sonne“ – Ein poetisch-düsteres Porträt Haitis
Transit von Anna Seghers
„Verlorene Sterne“ von Tommy Orange: Eine Geschichte über Verlust, Identität und das Erbe der indigenen Bevölkerung
Das Buch "Stella" von Takis Würger
Altern: Alle wollen alt werden, niemand will es sein (Hanser Berlin LEBEN)
Aktuelles
Die weiße Nacht von Anne Stern – Berlin friert, und die Wahrheit bleibt nicht liegen
Tausende Stimmen für das Lesen: Weltrekordversuch in der MEWA Arena Mainz
Woman Down von Colleen Hoover – Wenn Fiktion zurückschaut
Nachdenken einer vernachlässigten Sache
To Break a God von Anna Benning – Finale mit Schneid: Wenn Gefühl Politik macht
To Love a God von Anna Benning – Wenn Lichtstädte Schatten werfen
Horaffe: Ein Land
Karen W. – Eine Resonanz des Alltags
Über Tatsuzō Ishikawas „Die letzte Utopie“
Manfred Rath: Der letzte Morgen des Universums
Jack London lesen: Vier Bücher und der Ursprung eines amerikanischen Erzählens
Zum Tod von Erich von Däniken (1935–2026)
Die Geduld der Zukunft – warum das Warten die unterschätzte Tugend unserer Zeit ist
Tamás Fajta: Leseprobe
Paweł Markiewicz: Die besinnliche Veilchenblume
Rezensionen
Funny Story von Emily Henry - „Falsche“ Mitbewohner, echter Sommer, echte Gefühle