Mit Qwert kehrt Walter Moers in sein größtes Experimentierfeld zurück: das Moers-Universum zwischen Zamonien und Parallelwelten. Der Clou diesmal: Ein Gallertprinz fällt durch ein Dimensionsloch, wacht in einer Ritterrüstung auf – und verliebt sich ausgerechnet in das Wesen, das er besiegen soll. Das ergibt keinen nüchternen Heldenmythos, sondern eine rasante Persiflage des Ritterromans: voller Anspielungen, Tempo, Wortwitz und Illustrationen. Der Verlag wirbt nicht zufällig mit „Zamonien in einer neuen Dimension“ – Qwert ist eigenständig lesbar, aber deutlich im Moers’schen Kosmos verankert. Erscheinungstag war der 5. November 2025, die Erstauflage kam mit Kopffarbschnitt, das Hardcover zählt fast 600 Seiten und über 70 Abbildungen; binnen kurzer Zeit sprang der Band auf die SPIEGEL-Bestsellerliste (Hardcover, Platz 3).
Handlung von Qwert– Ein Prinz namens Niemand, ein Name wie eine Taste
Nach dem Sturz durchs Dimensionsloch landet Qwert – „Gallertprinz aus der 2364. Dimension“ – in der Parallelwelt Orméa. Noch benommen stellt er fest, dass er im Körper des aus trivialen Ritterheften bekannten Prinz Kaltbluth steckt. Was macht ein Ritter als Erstes? Eine gefesselte Schönheit befreien, natürlich. Qwert gelingt das mit Hilfe seines unsichtbaren Degens „Tarnmeister“, doch die Gerettete ist keine Prinzessin, sondern eine Janusmeduse – eine Kreatur, deren Blick alles zu Stein erstarren lässt. Fortan gilt der ritterliche Auftrag: Orméa von der entfesselten Meduse erlösen. Und dann passiert das Undenkbare: Kaltbluth/Qwert verliebt sich in genau diese Gegnerin. Das verkompliziert Pflicht, Ehre und Plot – und macht die Reise zur Doppellektion über Blick, Begehren und Begründungen.
Auf dem Weg durch Orméa begegnet Qwert eine Parade aus moersianischen Exzentrikern: „Rostige Gnome“, das Reitwürmchen Schneesturm, kuriose Ordensbrüder und Waffenkundige, die reden, als hätten sie die halbe Weltliteratur inhaliert und wieder ausgespuckt. Manche Namen sind Easter Eggs für Moers-Fans; für Neulinge funktionieren sie als reiner Abenteuerhumor. Die Kapitel schalten schnell zwischen Action, Dialogkomik und kleinen Bilderzählungen hin und her; der Text ist dicht illustriert, die Bilder treiben den Rhythmus mit.
Je länger Qwert unterwegs ist, desto deutlicher wird: Orméa ist kein reiner Quest-Park. Hinter den Aufgaben liegen Regelbrüche der Wirklichkeit, die Moers lustvoll bespielt: Physik gilt nur, wenn sie der Pointe nützt; Ehre ist Vertragssprache; Liebe kollidiert mit Rollenprosa. Was hier wie Ritterromantik aussieht, ist in Wahrheit Bühnenbau, in dem der Autor tropenweise Kulissen verschiebt. Das Happy-End-Versprechen bleibt spürbar, aber der Weg dorthin ist labyrinthisch, voller Fehlstarts und falscher Gewissheiten. (Mehr zu verraten, würde die schöne Mechanik verschenken.)
Themen & Motive – Ritterroman als Spiegelkabinett
1) Identität als Rüstung
Qwert ist und ist nicht Prinz Kaltbluth. Die Rüstung schützt – und spielt eine Rolle. Was heißt „echtes“ Handeln, wenn der Körper Maske ist? Moers dreht daran seinen Spaß: Der gute Ruf eines Helden kann Taten erzwingen, die der Träger moralisch anders gewichten würde.
2) Liebe vs. Auftrag
Die Janusmeduse ist Antagonistin und Liebesobjekt. Das ist keine billige Provokation, sondern ein ethischer Test: Darf man das Andere lieben, das die eigene Welt bedroht? Moers macht daraus kein plattes Paradox, sondern eine Entscheidungsdramaturgie: Pflicht, Begehren, Verantwortung – welche Sätze gelten, wenn jeder Satz die Welt mitdefiniert?
3) Popkulturelle Alchemie
Von Nibelungen und griechischer Mythologie über Don Quichotte und Artus bis zu Monty Python: Der Roman mischt Hoch- und Popkultur zu einem eigenen Sound. Das ist Zitatkunst ohne Zitierzettel – erkennbar, aber niemals akademisch trocken.
4) Sprache als Komikmaschine
Wortneuschöpfungen, sprechende Namen, Dialoge, die mit Tempo und Takt arbeiten – Moers’ Prosa „hört“ man. Das macht Qwert leichter als sein Umfang vermuten lässt: Man liest und „hört“ gleichzeitig, was die Pointendichte erhöht.
5) Bild & Text – Symbiose
Die über 70 Illustrationen sind nicht Beiwerk. Sie markieren Szenenwechsel, setzen running gags fort, liefern Kartenund Miniaturen, die den Leser im „Ortsgefühl“ halten – wichtig, weil Orméa gerne mal Regeln neu würfelt.
Wo steht „Qwert“ im Moers-Kosmos?
Offiziell wird Qwert als „Zamonien in einer neuen Dimension“ verkauft – und exakt so liest es sich: eigenständig, neue Welt, aber verwandschaftlich mit Blaubär & Co. Die Penguin-Produktseite betont die Stand-alone-Tauglichkeit, listet zugleich die klassischen Zamonien-Titel darunter auf – von „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“ bis „Der Bücherdrache“. Wer neu einsteigt, hat keine Nachteile; Kenner entdecken Resonanzen und Selbstironie, etwa wenn Qwert spürbar aus dem „Blaubär“-Mythos herübergrüßt. Aktuell firmiert der Band als Hardcover/eBook/Hörbuch, die limitierte Erstauflage trägt Kopffarbschnitt – ein hübsches Sammlerargument.
Stil & Sprache – Barockes Erzählfeuer, modernes Timing
Moers schreibt barock-üppig in den Bildern, modern im Takt. Kapitel enden oft auf Punktlandungen, die nächste Szene kontert. Der Humor kommt aus Dialogen, Wortschöpfungen, Regelbrüchen – nicht aus Slapstick. Kritiken betonen die Selbstironie und den Erfindungsüberschuss; wer Moers’ „Stadt der Träumenden Bücher“ liebt, erkennt die Lust am Weltenbau, nur hier schneller, abenteuerlastiger, ritterlicher.
Für wen eignet sich „Qwert“?
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Für Abenteurer mit Sinn für Rittermythen, Quatsch & Kunst in einem.
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Für Zamonien-Neulinge: Der Band ist einzeln lesbar; Vorwissen ist Bonus, kein Muss.
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Für Bilderfreundinnen und Wortfetischisten: Wer Illustrationen liebt und auf Sprachspiele abfährt, ist hier richtig.
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Eher nichts für Leser, die strenge Realistik oder Low-Noise-Prosa suchen – Qwert ist laut im Einfall, fein in der Ausführung.
Leseschlüssel, die Spaß und Sinn verdoppeln
A) „Rüstungstest“ beim Lesen
Frage dich in Konfliktszenen: Handelt Kaltbluth aus Ritterrolle oder Qwert aus Eigenlogik? Genau da liegt die moralische Spannung – und die Komik.
B) Anspielungsradar
Notiere wiederkehrende Mythenmotive (Blick der Meduse, Prüfungen, Treueschwüre). Die Pointe sitzt oft am Rand: Moers kippt die Motive leicht – und öffnet neue Lesarten.
C) Bildspur verfolgen
Die Illustrationen erzählen mit: Figurenposen, Rüstungsdetails, Karten. Wer die Bilder „liest“, versteht Orméa räumlich– hilfreich, wenn die Physik mal wieder Pausentag hat.
Stärken & Reibungen
Stärken
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Trope mit Twist: Ritterroman plus Liebesdilemma – klassisch im Ansatz, modern im Umgang mit Pflicht und Begehren.
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Erzählenergie: Tempo, Witz, Bildkraft – der Band liest sich trotz Umfang erstaunlich leichtfüßig.
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Stand-alone-Glück: Niedrige Einstiegshürde, hoher Wiedererkennungswert für Fans.
Mögliche Reibungen
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Einfallsdichte: Wer Minimalismus liebt, kann sich überfahren fühlen – hier herrscht Erfindungsüberschuss.
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Persiflage-Ton: Die ironische Brechung nimmt Tragik gelegentlich die Schärfe – Geschmackssache.
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Referenzflut: Die Pop- und Mythenschnipsel zünden auch ohne Kenntnis, machen aber Kenner glücklicher.
Ein Ritterroman über Masken, Blicke und Wahlverwandtschaften
Qwert ist Moers in Hochform: ein Abenteuerroman mit Herz, der sein eigenes Genre umschreibt, statt nur zu bespielen. Die Liebesverstrickung mit der Janusmeduse ist das brillante Herzstück: Sie zwingt Figuren – und Lesende – zu prüfen, ob Pflicht und Gefühl wirklich Gegensätze sein müssen. Zwischen Don Quichotte-Augenzwinkern und Monty-Python-Anarchie baut Moers eine Welt, in der Rollen wackeln und Worte wirken. Für Herbst- und Winterabende, an denen man sehen will, wie Literatur spielt – und dabei berührt.
Über den Autor – Walter Moers
Walter Moers (1957, Hamburg) ist Autor, Zeichner und der Erfinder des Kontinents Zamonien – samt des Schriftstellers Hildegunst von Mythenmetz, dessen Werke Moers „ins Deutsche übersetzt“. Berühmt wurde er mit „Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär“, danach folgten u. a. „Ensel und Krete“, „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“, „Die Stadt der Träumenden Bücher“, „Der Schrecksenmeister“, „Das Labyrinth der Träumenden Bücher“, „Weihnachten auf der Lindwurmfeste“, „Der Bücherdrache“ und „Die Insel der Tausend Leuchttürme“. Moers’ Markenzeichen: Weltbau mit Witz, Wortkunst, Illustrationen, die mit dem Text erzählen. Qwert führt diese Linie in eine Parallelweltweiter – zugänglich für Neulinge, reich an Moers-Resonanzen.
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