Ein Plattenbauviertel in Mecklenburg, Winter 1992. Die Straßenlaternen hängen wie müde Augen über leer gefegten Wegen, irgendwo klappert ein Fahrrad – dann ist Stille. Susanne Tägder schickt in „Die Farbe des Schattens“ ihren Ermittler Arno Groth in ein Klima aus Angst, Armut und Misstrauen. Ein Junge verschwindet spurlos, die Polizei gerät unter Druck, und bald zeigt sich: Dieser Fall hat Wurzeln, die tief in die Wendezeit reichen. Der Roman ist Band 2 der Groth-Reihe (nach „Das Schweigen des Wassers“) und verbindet Kriminalspannung mit präziser Zeitdiagnose – ohne Ostalgie, ohne Zirkusnummern.
Die Farbe des Schattens von Susanne Tägder – Nachwende-Nebel, Neonröhren, Nervenkitzel
Was passiert in „Die Farbe des Schattens“
Mecklenburg, Januar 1992. Im Mönkebergviertel, einer fiktiven Plattenbausiedlung der Stadt Wechtershagen, wird der elfjährige Matti Beck auf einem kurzen Weg zum Einkaufen vermisst. Groth leitet eine groß angelegte Suche; die Lage kippt schnell von Sorge in Wut: „Früher ging so etwas schneller“, murmeln die Bewohner – ein Satz, der nach Staatswechsel klingt. Kurz darauf wird Matti tot aufgefunden. Am Tatort-Muster klebt die Ahnung: Serienstil. Groth zieht die Einsatzgruppe „Nachtschatten“ hoch und stößt auf einen ungeklärten Mord aus der Gegend. Damals ermittelte Kollege Gerstacker – inzwischen wegen Stasi-Vergangenheit entlassen. Jetzt braucht Groth ausgerechnet ihn. Parallel folgt der Roman Ina Paul, Taxifahrerin und alleinerziehende Mutter, die mit ihrem Sohn Benno am Mönkeberg untergetaucht ist: Auch in ihrem Leben fallen alte Schatten auf neue Wege. (Mehr verraten wir nicht – entscheidend ist, wie die alten Strukturen in den neuen Zeiten nachwirken.)
Tägder erzählt den Polizeialltag uneitel: Dienstbesprechungen, Suchketten, die Hilflosigkeit einer Behörde, die kaum Vertrauen genießt. Armut, Arbeitslosigkeit, gebrochene Biografien – all das sitzt mit am Tisch. Je tiefer Groth gräbt, desto deutlicher wird, dass Narrative hier Macht haben: wer erzählt, was war; wer schweigt; wer lügt. Am Ende steht keine Effekthascherei, sondern eine logische, bittere Konsequenz.
Themen & Motive – Wende, Wirklichkeit, Wunden
Wendezeit als Tatort: Der Roman nutzt 1992 nicht als nostalgisches Tapetenset, sondern als Ursachenraum: Institutionen sind fragil, die Bevölkerung skeptisch, und ehemalige Loyalitäten werden zur Belastung. Das erzeugt Spannung ohne Pyrotechnik.
Institution und Individuum: Groth will „ordentlich“ ermitteln – aber was heißt Ordnung, wenn die Spielregeln eben erst neu geschrieben wurden? Tägder zeigt Polizeiarbeit als Kampf gegen Zeitdruck, Gerüchte und die Erosion von Autorität.
Schattenarbeit der Vergangenheit: Ob Gerstackers Altlasten oder Inas Fluchtbewegungen: Das Buch fragt, wie viel Vergangenheit man mit in eine neue Gesellschaft schleppt – und wann Schweigen zur Komplizenschaft wird.
Erzählmacht: Früh wird klar: Es gibt offizielle und inoffizielle Geschichten. Tägder spiegelt das in Perspektivwechseln (u. a. Groth, Ina, Benno) und in einem Ton, der lakonisch statt larmoyant ist.
Warum dieser Krimi heute wirkt
„Die Farbe des Schattens“ ist Wende-Kriminalroman und Sozialporträt zugleich. Die Plattenbausiedlung ist kein Klischee, sondern Milieu: Jobverlust, zerrissene Familien, Misstrauen gegen „die da oben“. Wer Debatten über Transformationsfolgen, Behördenskepsis oder mediales Gatekeeping verfolgt, erkennt hier Frühformen heutiger Konflikte. Die Paratexte betonen ausdrücklich diesen Blick auf Abgründe und Ängste der Nachwendezeit; Rezensionen heben die Atmosphäre und die Plausibilität hervor.
Lakonisch, genau, unaufdringlich
Tägder schreibt kompakt und bildhell, selten überflüssig, oft treffsicher. Die Kapitel sind Taktgeber, nicht Taktiken; Dialoge tragen Reibung, ohne Pose. Der Ton bleibt ruhig-melancholisch, der Sog entsteht aus Konsequenz: Hinweise, Zeitleisten, kleine Widersprüche – kein Zufallsmärchen, sondern ermittelte Wahrheit. Mehrere Kritiken loben genau diese Lakonik und die dichte Atmosphäre.
Für wen eignet sich der Roman?
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Für Krimi-Leser, die Atmosphäre und Milieu schätzen statt reiner „Bodycount-Show“.
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Für Zeitgeschichts-Interessierte, die 1992 ohne Ostalgie lesen wollen.
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Für Buchclubs, die über Moral, Institutionenvertrauen und Erzählmacht diskutieren.
Stärken & mögliche Schwächen
Stärken
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Zeit und Ort als Handlungskraft: Mönkeberg/Wechtershagen sind nicht Kulisse, sondern Charakter – mit sozialer Gravitation.
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Figurenführung: Groth ist kein Supercop, sondern Arbeitsprofi mit Zweifeln; Ina ist mehr als „Zeugin“, nämlich Gegenentwurf zur offiziellen Geschichte.
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Spannung über Logik: Die Aufklärung entwickelt sich folgerichtiger als in vielen Thrillern – das macht den Schluss tragfähig.
Schwächen (je nach Lesetyp)
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Pacing-Realismus: Wer Action-Schübe erwartet, findet den realistischen Ermittlungsrhythmus teilweise langsam.
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Düstere Grundierung: Der melancholische Ton ist stimmig, aber nicht „feelgood“.
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Vorwissen hilfreich: Der Bezug zu Band 1 ist kein Muss, erhöht jedoch die Figurentiefe (Groths Vorgeschichte, Kader).
Ein Kriminalroman, der Verantwortung kennt
„Die Farbe des Schattens“ ist Krimi und Gesellschaftsroman in einem: packend, aber nie sensationshungrig; politisch, ohne Parole. Tägder zeigt, wie Systemumbrüche Fälle machen – und Menschen verbiegen. Ihr Blick auf Polizei, Presse und Plattenbau ist präzise, ihr Personal widersprüchlich im besten Sinn. Wer Krimis liebt, die nachhallen, bekommt hier einen hochwertigen Pageturner mit Gedächtnis. Empfehlung: lesen – und über Vergangenheit als Gegenwartskraft sprechen.
Über die Autorin – Susanne Tägder
Susanne Tägder (geb. 1968, Heidelberg) studierte in Deutschland und den USA, arbeitete als Richterin in Karlsruheund lebt heute mit ihrer Familie in der Schweiz und in Kalifornien. Für ihre Texte erhielt sie u. a. den Walter-Serner-Preis und den Harder-Literaturpreis; ihr Debüt „Das Schweigen des Wassers“ gewann den Wittwer-Thalia-Debütkrimipreis und war für den Glauser-Preis (Debüt) nominiert. „Die Farbe des Schattens“ erscheint bei Klett-Cotta/Tropen.
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