Noch nie zuvor war Zentralasien Schauplatz des wichtigsten globalen Treffens für Bibliotheks- und Informationswissenschaften. Vom 18. bis 22. August 2025 versammelt die International Federation of Library Associations and Institutions (IFLA) mehr als 1.600 Fachleute aus 114 Ländern in Astana – der Hauptstadt Kasachstans, einer Stadt, die mit ihren futuristischen Silhouetten zwischen Wüstenwind und Digitalisierungsambition pendelt.
Bibliothekare zwischen Steppe und Serverraum: Der IFLA-Weltkongress 2025 in Astana
Das Motto des Kongresses lautet bezeichnenderweise: „Connecting Knowledge, Building the Future“ – eine Parole, die in vielen Hauptstädten als Selbstverständlichkeit durchgehen mag, hier aber einen anderen Klang bekommt: zwischen politischer Inszenierung und der vorsichtigen Hoffnung auf eine Öffnung von Diskursräumen, die bislang eher bewacht als befragt wurden.
Historisches Terrain
In seiner fast hundertjährigen Geschichte wurde der WLIC nur neunmal in Asien veranstaltet, aber nie zuvor in Zentralasien. Dass nun Astana die Bühne bietet, ist mehr als nur eine logistische Entscheidung. Es ist ein symbolischer Schritt, der die geografischen Ränder des globalen Bibliotheksdiskurses neu zieht – hinein in eine Region, die traditionell eher von geopolitischer Zurückhaltung als von bibliothekarischer Sichtbarkeit geprägt war.
Dass ausgerechnet Kasachstan, ein Staat, dessen Regierung international für Einschränkungen der Meinungsfreiheit, politische Repression und lückenhafte Aufarbeitung von Gewaltvorfällen wie den Januar-Protesten 2022 kritisiert wird, nun zum Zentrum der globalen Bibliotheksöffentlichkeit wird, verleiht dem Kongress eine gewisse Ironie. Doch in dieser Ironie liegt auch eine Möglichkeit. Denn wer, wenn nicht Bibliotheken, kann mit leiser Beharrlichkeit Räume schaffen, in denen gesagt werden darf, was andernorts nur gedacht wird?
Zwischen Digitalisierung und Dekolonisierung
Das Programm, das über 80 Fachveranstaltungen umfasst, setzt inhaltlich genau dort an, wo sich Bibliotheken heute neu erfinden müssen: bei der digitalen Transformation, bei der Integration Künstlicher Intelligenz, bei der Frage, wie sich kulturelles Erbe nicht nur bewahren, sondern auch zugänglich machen lässt. Internationale Standards wie UNIMARC stehen ebenso auf der Agenda wie die großen Zukunftsfragen einer vernetzten, multikulturellen Wissenswelt.
In einer Zeit, in der Plattformen zunehmend Monopole auf Information beanspruchen, wirken solche Themen beinahe subversiv. Und in einem Land, dessen öffentlicher Diskurs vielfach kontrolliert wird, könnte ausgerechnet der Austausch über Metadaten und Archivstandards zur leisen Kritik an den Ordnungen des Schweigens werden.
Präsidentenreden, Flashmobs und Ortstermine
Offiziell eröffnet wird der Kongress von Präsident Kassym-Schomart Tokajew – ein Auftritt, der sowohl als politische Geste wie als symbolische Selbstvergewisserung gelesen werden kann. Zu den Höhepunkten zählt ein internationaler Buch-Flashmob im Einkaufszentrum MEGA Silk Way, bei dem lesend demonstriert wird, was anderswo womöglich gar nicht ausgesprochen werden darf. Für intellektuelle Substanz sorgt die Keynote von Dr. Kais Hammami (ICESCO) zur Rolle von Bibliotheken in kulturell geprägten Gesellschaften.
Ergänzt wird das Programm durch Besichtigungen öffentlicher, universitärer und schulischer Bibliotheken in Astana, die seltene Einblicke in die kasachische Informationslandschaft zwischen Tradition und technokratischer Erneuerung bieten.
Organisationsarchitektur: Eine kasachisch-internationale Allianz
Veranstaltet wird der Kongress von der IFLA, gemeinsam mit der Vereinigung der Hochschulbibliotheken Kasachstans, der Kazakh Tourism National Company sowie dem Astana Development Centre unter Leitung der Stadtverwaltung. Eine Allianz, die symbolisch für den Anspruch steht, globale Standards mit regionaler Expertise zu verbinden – und vielleicht auch, um die internationale Bühne nicht nur zu bespielen, sondern aktiv mitzugestalten.
Leise Töne, große Wirkung
Der IFLA-Weltkongress in Astana ist nicht bloß ein Fachtreffen. Er ist ein Zeichen für Verschiebungen: geografisch, diskursiv und vielleicht auch politisch. Inmitten einer Stadt, die sich als Symbol technokratischer Modernisierung versteht, trifft ein Berufsfeld aufeinander, das an einer anderen Form von Zukunft baut – weniger spektakulär, aber umso nachhaltiger.
Bibliotheken mögen keine Revolutionen ausrufen, aber sie schaffen die Voraussetzungen dafür, dass eine Gesellschaft über sich selbst nachdenken kann. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Botschaft dieses Treffens in Astana: dass auch in der kontrolliertesten Öffentlichkeit noch Zwischenräume entstehen können – gedruckt, digital, diskret.
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