Die Schweizer Literatur ehrt eine ihrer eigenwilligsten Stimmen: Die italienischsprachige Schriftstellerin Fleur Jaeggy wird mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet. Die Jury würdigt damit ein Gesamtwerk, das sich mit kühler, fast asketischer Prosa in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz wagt.
Die 1940 in Zürich geborene Autorin hat mit Werken wie Die seligen Jahre der Züchtigung oder Proleterka einen Stil kultiviert, der in seiner Sprachknappheit eine beinahe beunruhigende Intensität entfaltet. Ihre Texte kreisen um Einsamkeit, obsessive Freundschaften, verstörende Familienverhältnisse und eine Welt, in der Emotionen nur als Schattenrisse aufscheinen. Wer Jaeggy liest, taucht in ein Universum ein, das an Thomas Bernhard erinnert, doch noch eine Spur radikaler ist: Ein unerschrockenes Erkunden von Isolation und Distanz, das dem Leser mit chirurgischer Präzision die Illusion von Harmonie aus dem Leib schneidet. Dass sie nun mit der wichtigsten literarischen Auszeichnung der Schweiz gewürdigt wird, ist daher nur folgerichtig.
Neben Jaeggy wird auch das Format Sofalesungen mit dem Spezialpreis Vermittlung ausgezeichnet. Seit zehn Jahren bringt die Initiative Literatur direkt zu den Menschen, verwandelt Wohnzimmer in Literatursalons und schafft intime Begegnungen mit Autorinnen und Autoren. In einer Zeit, in der das gesprochene Wort oft im digitalen Rauschen untergeht, setzen die Sofalesungen auf unmittelbare Erfahrung.
Vielfalt der Schweizer Literatur
Neben diesen beiden Hauptpreisen vergibt das Bundesamt für Kultur sieben Schweizer Literaturpreise für herausragende Neuerscheinungen. Die Bandbreite der ausgezeichneten Werke zeigt einmal mehr, wie lebendig und heterogen die Literaturszene des Landes ist.
Fabio Andina erhält den Preis für Sedici mesi, einen Roman, der aus historischen Briefen und Familienerinnerungen eine bewegende Geschichte über den antifaschistischen Widerstand webt. Romain Buffats Grande-Fin zeichnet mit feinem Gespür für Rhythmus das Porträt einer Arbeiterfamilie und ihrer Vergangenheit. Eva Maria Leuenberger setzt sich in die spinne poetisch mit der ökologischen Katastrophe auseinander, während Laura Leupis Das Alphabet der sexualisierten Gewalt ein verstörendes wie literarisch mutiges Werk über Trauma und Sprache vorlegt.
Auch die weiteren Preisträger spiegeln diese Vielschichtigkeit: Catherine Lovey erzählt in histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir mit melancholischer Präzision von Krankheit und Lebenswillen. Nadine Olonetzky rekonstruiert in Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist die Geschichte ihrer jüdischen Vorfahren und setzt sich mit dem Fortwirken der Vergangenheit in den Nachgeborenen auseinander. Und schließlich sorgt Béla Rothenbühler mit Polifon Pervers für eine satirische Abrechnung mit dem Kulturbetrieb – in einer bissigen, mundartgesättigten Persiflage auf Hochstapelei und Kunstbetrieb.
Literatur als Spiegel der Gesellschaft
Die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger zeigen, dass Literatur in der Schweiz alles sein kann: poetisch und spröde, historisch fundiert oder experimentell, introspektiv oder gesellschaftspolitisch. Gerade Fleur Jaeggys Auszeichnung unterstreicht, dass die leisen, unnachgiebigen Stimmen, die sich gegen Konventionen stellen, auch Jahrzehnte nach ihrem ersten Erscheinen noch an Intensität gewinnen können.
Die Preisverleihung findet am 30. Mai 2025 im Rahmen der Solothurner Literaturtage statt – in Anwesenheit von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider. Ein Fest für die Literatur, ein Fest für die Sprachkunst – und ein Moment, um zu erkennen, dass wahre Literatur selten beruhigt, sondern aufrüttelt.
Topnews
Unser Geburtstagskind im August: Mary Shelley
Unser Geburtstagskind im Juli: Franz Kafka und die Kunst, sich nicht zurechtzufinden
Unser Geburtstagskind im Juni: Thomas Mann und die brüchige Ordnung der Welt
Unser Geburtstagskind im Mai: Novalis - Die Blaue Blume und die Wiederverzauberung der Welt
Unser Geburtstagskind im April: Samuel Beckett
Unser Geburtstagskind im März: Heinrich Mann
Unser Geburtstagskind für den Wintermonat Februar: Gertrude Stein
Ein Geburtstagskind im Januar: Edgar Allan Poe – Dichter der Struktur und des Schreckens
Geburtstagskind im Dezember – Emily Dickinson
Ein Geburtstagskind im November: Astrid Lindgren
Geburtstagskind im Oktober: Benno Pludra zum 100. Geburtstag
Das Geburtstagskind im September: Roald Dahl – Der Kinderschreck mit Engelszunge
Ein Geburtstagskind im August: Johann Wolfgang von Goethe
Hans Fallada – Chronist der kleinen Leute und der inneren Kämpfe
Ein Geburtstagskind im Juni: Bertha von Suttner – Die Unbequeme mit der Feder
Ein Geburtstagskind im Mai: Johannes R. Becher
Ein Geburtstagskind im April: Stefan Heym
Ein Geburtstagskind im März: Christa Wolf
Bertolt Brecht – Geburtstagskind im Februar: Ein literarisches Monument, das bleibt
Aktuelles
Die Geister, die wir riefen – Goethe und die künstliche Intelligenz
Die Riesinnen von Hannah Häffner: Heimat ist nicht dasselbe wie Dazugehören
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén: Wenn Fürsorge die Freiheit kleiner macht
Kein Sommer ohne August von Lucy Astner: Manche Sommer dauern länger als drei Monate
Broder von Dörte Hansen: Zwei Brüder, ein Hof und die Frage, wem das Land gehört
Zur See von Dörte Hansen: Eine Insel kann Heimat sein und trotzdem zu eng werden
Österreich und Deutschland stiften Lyrikpreis zum Bachmann-Jubiläum
Die verschlossene Tür von Freida McFadden: Wie weit fällt der Apfel vom Stamm?
Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling: Die Revolution wird diesmal nicht vertagt
Deutscher Buchpreis 2026: Diese sechs Romane stehen auf der Shortlist
Lesen als Abendritual: Warum das gedruckte Buch den Bildschirm vor dem Schlafengehen schlägt
Die App – Sie kennen dich. Sie wissen, wo du wohnst von Arno Strobel: Wenn das eigene Zuhause zum Gegner wird
PISA 2025: Stiftung Lesen fordert frühe Leseförderung
Vielleicht bin ich nicht Gott von Stefania Gander: Die Welt gehört der Katze – der Mensch darf bleiben
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova: Was der Wald über Frauen erinnert
Rezensionen
Ms Atkins und die Bibliothek der Träume von Vanessa Göcking: Was geschieht mit den Träumen, die wir vernünftig begraben?
Rückkehr nach Alaska von Wolf Cropp: Wo die Wildnis den Menschen auf seine Größe zurücksetzt
George Moore: Albert Nobbs – Das Leben im Dazwischen
MONOFUTURIS – Vom Fortschritt zum Verlust der Vielfalt von Konstantin Schamber
Shida Bazyar: „Die Lücken“ – Was ein Dorf nicht vergessen kann
Karosh Taha: „Gulistan“ – Wenn selbst ein Name gefährlich wird
Eunike Grahofers „Wurzeln – Apotheke aus der Erde“
Rage – Du sollst brennen von S.T. Abby: Am Ende reicht Rache allein nicht mehr
Pain – Du sollst leiden von S.T. Abby: Wenn die Wahrheit nicht mehr verborgen bleiben kann
Sarah Elena Müller: „Unwucht“ – Die offene Seite der Liebe
Revenge – Du sollst flehen von S.T. Abby: Wenn aus Rache endgültig Krieg wird
Blood – Du sollst bereuen von S.T. Abby: Wie lange kann man jemanden lieben, den man nicht kennt?
Secret – Du sollst mich fürchten von S.T. Abby: Wenn die Serienkillerin zur Heldin wird
Giuliano Musio: „Aus anderem Holz“ – Der Mensch, der eine Puppe blieb